„Wir werfen unsere Tradition weg“

Wie rassistisch sind die Heiligen Drei Könige? „Unsinn in Perfektion“ - Debatte schwappt auch auf Sternsinger über

  • Katarina Amtmann
    vonKatarina Amtmann
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  • Lisa Fischer
    Lisa Fischer
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In Bayern herrscht eine Diskussion um die Heiligen Drei Könige. Zuvor hatte eine Kirchengemeinde in Ulm erklärt, die drei Figuren aus der Weihnachtskrippe zu verbannen.

  • In einer evangelischen Kirchengemeinde in Ulm will man in diesem Jahr die Heiligen Drei Könige nicht in der Weihnachtskrippe aufstellen.
  • Als Hintergründe nennt der Dekan die andauernde Rassismus-Debatte.
  • Auch die bayerischen Erzbistümer äußern sich zu der Thematik.

Update vom 11. Oktober: Kann die Darstellung der Heiligen Drei Könige mit dem schwarzen Melchior rassistisch sein? Über diese Frage ist eine Debatte entbrannt. Entfacht hat sie eine Kirchengemeinde in Ulm. Und auch über die Sternsinger wird nun diskutiert.

Debatte um Heilige Drei Könige: Ulm will Krippenfiguren verbannen - Ist Figur rassistisch dargestellt?

Seit eine evangelische Kirchengemeinde aus Ulm die Heiligen Drei Könige wegen rassistischer Merkmale vorsorglich aus ihrer Weihnachtskrippe verbannen will, ist eine Debatte darüber entbrannt, wie man die Weisen aus dem Morgenland heutzutage darstellen darf. „Die Holzfigur des Melchior ist etwa mit seinen dicken Lippen und der unförmigen Statur aus heutiger Sicht eindeutig als rassistisch anzusehen“, begründet der Dekan der evangelischen Münstergemeinde, Ernst-Wilhelm Gohl, die Entscheidung.

Das schlägt Wellen. Während es auch im Erzbistum München und Freising eine Diskussion gibt, heißt es aus dem Bistum Passau: „Zunächst hat uns diese Thematik sprachlos gemacht.“ Die Meinungen gehen auseinander. Clemens Neck, Sprecher des Bistums Regensburg, kann die Entscheidung nicht verstehen. „Klar ist, dass die Darstellung des Königs Melchior als Mensch schwarzer Hautfarbe nichts gemein hat mit rassistischem Denken. So beraubt man mit Unterstellungen eine lange Tradition ihrer Unbefangenheit und unterwirft sie einem unangemessenen Anpassungsdruck.“

Rassismus-Debatte um Heilige Drei Könige: „Unsinn in Perfektion“, „lächerlicher Kniefall“

Die Passauer Neue Presse veröffentlichte am Freitag eine ganze Sonderseite mit Briefen empörter Leser: „Unsinn in Perfektion“ und „lächerlicher Kniefall vor einer vermuteten öffentlichen Meinung“. Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland hingegen findet die Entscheidung richtig. „Es zeigt, dass es inzwischen einen konsequenteren Umgang mit Rassismus gibt“, sagt Sprecher Tahir Della. „Ich sehe die politischen Verantwortungsträger in der Pflicht.“ Mit Blick auf Grundwerte der Gesellschaft sollten sie auch Entscheidungen treffen, die nicht sofort von der Mehrheit getragen würden.

Von einer „sehr zwiegespaltenen Situation“ spricht Jürgen Bärsch, Prodekan der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. „Im Ulmer Fall ist es sehr markant, dass Stereotype bedient werden, die problematisch sind.“ Es handele sich zwar um eine ältere Darstellung, die im Kontext ihrer Zeit gesehen werden müsse, „aber man muss sich bei dieser Diskussion auch vor Augen halten, dass wir heute eine andere Sensibilität haben - vor allem durch die aktuelle Rassismus-Debatte in den USA.“

Rassismus-Debatte um Krippenfiguren: „Man kann sich die Geschichte nicht hinbiegen, wie man sie gerne hätte“

Kunsthistoriker Stephan Hoppe von der Ludwig-Maximilians-Universität München sieht Eingriffe in Kunst grundsätzlich kritisch: „Man kann die Geschichte ergänzen und kommentieren. Aber man kann sich die Geschichte nicht hinbiegen, wie man sie gerne hätte.“ Für den Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm,sind die Heiligen Drei Könige vor allem „Teil der Faszination der Weihnachtsgeschichte.“ Für ihn sei entscheidend, „ob mit der Darstellung unterschiedlicher Hautfarben implizit oder explizit unterschiedliche Wertigkeiten zugeschrieben werden“, sagt der bayerische Landesbischof. „Bei den Heiligen Drei Königen geht es um hochstehende Persönlichkeiten, die zusammen mit den armen Hirten zur Krippe kommen. Unterschiedliche Wertigkeiten werden hier gerade nicht zugeschrieben. Im Gegenteil.“

Nach Rassismus-Debatte um Heilige Drei Könige: Debatte schwappt auf Sternsinger über

Doch die Debatte geht noch weiter: „Es gibt eine vergleichbare Diskussion auch im Blick auf das Sternsingen“, sagt Bärsch. „Ist es angemessen, dass einer der Sternsinger schwarz angemalt wird?“ In Deutschland ziehen rund um den Dreikönigstag am 6. Januar jedes Jahr etwa 300.000 Sternsinger von Haus zu Haus, um Spenden zu sammeln. Die Träger der Aktion Dreikönigssingen - Kindermissionswerk und Bund der Deutschen Katholischen Jugend - empfehlen, kein Kind mehr schwarz zu schminken.

Der Brauch habe nichts mit rassistischem „Blackfacing“ zu tun, heißt es auf der Homepage des Missionswerks. Er gehe darauf zurück, dass Caspar, Melchior und Balthasar die drei früher bekannten Erdteile Asien, Afrika und Europa repräsentierten. Der schwarze König steht dabei für Afrika. „Gleichwohl geht die Gleichsetzung von Hautfarbe und Herkunft heute nicht mehr auf. Wir glauben, dass der ursprüngliche Sinn der Tradition besser deutlich wird, wenn Kinder als Sternsinger so gehen, wie sie eben sind: vielfältig in ihrem Aussehen.

Auch in Ulm steht eine endgültige Entscheidung zu den Krippenfiguren noch aus, die Gemeinde will sie „in aller Ruhe“ im neuen Jahr treffen, so Dekan Grohl. Er könne sich vorstellen, dass die Figur dennoch gezeigt werde - aber mit Einordnungen und Erklärungen.

Ulmer Kirchengemeinde verbannt die Heiligen Drei Könige aus Krippe - Rassismus-Debatte schwappt nach Bayern

Erstmeldung vom 8. Oktober: München - Die evangelische Münstergemeinde in Ulm (Baden-Württemberg) verkündete kürzlich, die Heiligen Drei Könige aus der diesjährigen Weihnachtskrippe zu verbannen. Auch im Nachbar-Bundesland Bayern wir das Thema heißt diskutiert. Als Hintergrund nennt der Ulmer Dekan die andauernde Rassismus-Debatte in Deutschland. „Die Holzfigur des Melchior ist etwa mit seinen dicken Lippen und der unförmigen Statur aus heutiger Sicht eindeutig als rassistisch anzusehen“, erklärt Dekan Ernst-Wilhelm Gohl.

Ulmer Kirchengemeinde verbannt die Heiligen Drei Könige aus Krippe - Weihnachtsgeschichte wird neu erzählt

Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nennt Dekan Gohl die aus Kamerun stammende Gospelsängerin Siyou Isabelle Ngnoubamdjum als Beispiel. Ihrer Meinung nach sei die Figur „rassistisch und in keiner Weise wertschätzend“. Stattdessen möchte man in diesem Jahr die Weihnachtsgeschichte nach dem Lukas-Evangelium erzählen. Dort treten die drei Weisen aus dem Morgenland nicht auf.

Die evangelische Münstergemeinde in Ulm will 2020 die Heiligen Könige in der Weihnachtskrippe nicht mehr ausstellen.

Ulmer Kirchengemeinde verbannt die Heiligen Drei Könige aus Krippe - Diskussion in den bayerischen Erzdiözesen entfacht

Im Erzbistum München und Freising würde man die Thematik aktuell behandeln, erklärte eine Sprecherin. Konkrete Maßnahmen seien aber noch nicht bekannt. In Franken, im Erzbistum Bamberg, hingegen ist „von solchen Debatten nichts bekannt“, sagte ein Sprecher. Gleichzeitig verwies er auf die Symbolik der Heiligen Drei Könige. Diese stünden für die drei zur Zeit Jesu bekannten Kontinente. „Dass einer von ihnen also schwarze Hautfarbe hat, ist ein Zeichen dafür, dass Gott alle Menschen, egal welche Herkunft oder Hautfarbe sie haben, einlädt“, so der Sprecher aus Bamberg. Der schwarze König stünde deshalb eher für Toleranz anstatt Rassismus. Laut der Passauer Neuen Presse wäre das Verbannen der Heiligen Drei Könige der „größere Rassismus.“ Man würde so „seine gleichberechtigte Position im Trio der Weisen“ unsichtbar machen.

Eine ähnliche Rassismus-Diskussion spielte sich um ein Augsburger Hotel ab. Aktivisten forderten eine Namensänderung.

Ulmer Kirchengemeinde verbannt die Heiligen Drei Könige aus Krippe - Reaktionen im Netz überschlagen sich

Die Südwest Presse hatte über die Nachricht aus der evangelischen Münstergemeinde in Ulm zuerst berichtet. Unter dem Facebook-Beitrag überschlugen sich die Kommentare von „lächerlich!“ bis zu „wir werfen unsere Tradition weg!“ Einige User fragten auch - wohl nicht ganz ernst gemeint - ob die Bibel jetzt neu geschrieben werden müsse.

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Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/ dpa/ Picture Alliance

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