Filmpremiere sorgt für Ärger

Umstrittene Doku „Vaxxed“ läuft in München: Großes Kino für Impfgegner

Die umstrittene Dokumentation „Vaxxed“ läuft morgen in deutschen Kinos an. Der Film stellt einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus her. Autismusverbände und Gesundheitsbehörden sind empört. Kinobetreiber distanzieren sich.

München/Rosenheim – Am 4. April erscheint der Film „Vaxxed“ erstmals in deutschen Kinos. Regisseur ist der umstrittene Mediziner Andrew Wakefield. Er behauptet in der Dokumentation, es gebe Studien der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde „Center of Disease Control“ (CDC), wonach die weltweit verbreitete Dreifachschutzimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln bei Kleinkindern Autismus verursachen könne.

Der Filmstart in Europa wird kontrovers diskutiert. Eine für Februar dieses Jahres geplante Aufführung vor dem Europäischen Parlament in Brüssel wurde auf Druck der italienischen Gesundheitsbehörden abgesagt.

Auch in Bayern formierte sich heftiger Widerstand gegen den Film, nachdem auf dessen Internetseite angekündigt worden war, dass „Vaxxed“ im Münchner „Mathäser Filmpalast“ und im Rosenheimer „Citydome“ am 4. April im Beisein von Andrew Wakefield Premiere feiern sollte. Vor allem Autismusverbände laufen Sturm gegen den Film. Er beleidige Menschen mit Autismus und deren Angehörige, warnt etwa der Verein Autismus Rosenheim in einer Stellungnahme.

Der Verband blieb mit seinem Protest nicht allein. Und so entschloss sich der Darmstädter Kinobetreiber „Kinopolis“, der das Rosenheimer „Citydome“ und das Münchner „Mathäser“ betreibt, die dort geplanten Premieren abzusagen. Man habe nie vorgehabt, den Film zu zeigen, heißt es aus Darmstadt. Der Verleih habe die beiden Kinos ohne Absprache mit „Kinopolis“ auf die Terminliste der Webseite gesetzt. Inzwischen sind alle Terminankündigungen von der Internetseite des Films verschwunden.

„Vaxxed“ wird in seiner deutschen Version durch die Busch Media Group an Kinos verliehen, ein kleineres Unternehmen aus Hagen (Nordrhein-Westfalen). Der Trubel um den Film habe die Firma kalt erwischt, gesteht deren Produktmanager, Christian Frank. Zwar habe man von den kontroversen Diskussionen um den Film in Amerika gewusst, die Heftigkeit, mit der die deutschen Filmgegner gegen ihn vorgingen, habe man jedoch nicht vorhergesehen. Einem Kino in Hannover sei gar gedroht worden, mit einer Protestaktion im Kinosaal während der laufenden Vorstellung einen Polizeieinsatz zu erzwingen.

Trotzdem: Am 4. April um 18 Uhr läuft „Vaxxed“ als Vorpremiere im Münchner Kino „Neues Rottmann“ und tags davor um 19.30 Uhr im Stuttgarter Kino „Delphi Arthaus“. Der Film selbst ist offensichtlich tendenziös. In dramatischen Schnitten berichten Eltern über den Autismus ihrer Kinder, der in allen dargestellten Fällen nach einer Dreifachimpfung gegen Masern, Röteln und Mumps erstmals aufgefallen sein soll.

Ein großes Gewicht nehmen die Mitschnitte von Telefongesprächen mit dem vermeintlichen Whistleblower William W. Thompson aus dem amerikanischen CDC ein. Thompson hat sich jedoch bereits 2014 öffentlich von dem Film distanziert. Er habe nicht gewusst, dass die Telefongespräche mit den Filmemachern mitgeschnitten worden seien. Im Film ist seine Stimme zu hören, die berichtet, wie nach einer Studie des CDC unter afroamerikanischen Jungen in den USA. nach der Impfung deutlich häufiger Autismus diagnostiziert worden sei. Diese Ergebnisse seien aber bewusst vertuscht worden.

Andrew Wakefield , Regisseur der Doku.

Der Psychiater Dr. Leonhard Schilbach forscht am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie seit Jahren zum Thema Autismus. „Es gibt keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen MMR-Impfung und Autismus, dies ist heute in einer großen Anzahl an Studie belegt“, sagt er. Er weist darauf hin, dass Wakefield selbst Ende der Neunzigerjahre mittels einer fehlerhaften Studie nachzuweisen versuchte, dass Impfungen Autismus verursachten. Nachdem die Fälschungsvorwürfe bekannt wurden, wurde Wakefield die Zulassung als Arzt für Großbritannien entzogen.

Auch dem Bundesgesundheitsministerium ist kein Zusammenhang zwischen Dreifachimpfung und Autismus bekannt. Die Pressestelle verweist dagegen auf die Erfolge bei der Masernbekämpfung: „1980 starben noch geschätzt 2,6 Millionen Menschen an Masern. 2015 gab es nach Angaben der WHO weltweit noch 134.200 Maserntodesfälle.“ Wer seinem Kind den Impfschutz verweigere – sei es auf Grund eines Dokumentarfilms oder aus sonstigen Gründen –, gefährde nicht nur das eigene Kind, sondern alle, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können.

Martin Both

Rubriklistenbild: © dpa

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