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Ein Millionengeschäft: Alexander Kuncze mit der Kamikaze-Waffe „V1 Reichenberg“.

Umstrittener Handel mit „Nazi-Krempel“

Geisenhausen - Sammeln und Verkauf ehemaliger Kriegswaffen ist ein Millionengeschäft. Auf den umstrittenen Handel hat sich ein geschäftstüchtiger Niederbayer spezialisiert.

Es ist doch schon ein sehr spezielles Gewerbe, das Alexander Kuncze hier draußen im Gewerbegebiet von Geisenhausen nahe Landshut betreibt. Wer einen ersten Blick in die mittelgroße Werkshalle wirft, glaubt sich zunächst eher an einen Altmetallhandel erinnert: Blechplatten lehnen an den Wänden, in einer Ecke sind mächtige Tanks aus Aluminium gelagert. In einem seitlichen Teil der Halle stehen Drehbänke, von der Decke hängen massive Ketten. In der Mitte der Halle Kunczes ganzer Stolz: eine restaurierte „V1 Reichenberg“ mit der grüngrauen Tarnung der deutschen Luftwaffe. Die V1 Reichenberg hat die Produktions-Nummer 27 und wurde von Henschel gebaut. Nun steht sie zum Verkauf. Geschätzter Preis: rund eine Million Euro.

Die „V1 Fieseler Fi 103 R-4 Reichenberg“, das ist eine der umstrittenen ehemaligen Kriegswaffen, die hier in Geisenhausen als Wracks oder in Teilen angeliefert werden und die nach einigen Monaten oder Jahren die Werkshalle wieder verlassen. Richtung England, USA oder Berlin. Die Firma von Kuncze ist einer der ganz wenigen Betriebe in Deutschland, die historisches Kriegsgerät restaurieren.

Bis 1990 hatte der heute 61-Jährige sein Geld als Datenverarbeiter bei einer Münchner Versicherung verdient, dann gab er seinen gut bezahlten Job auf und widmete sich ganz seinem Hobby. Den Anfang machte er mit einem Auktionshaus für Ersatzteile von historischen militärischen Flugzeugen und Fahrzeugen. Dann fing er selbst an zu restaurieren, zog mit seiner Familie nach Geisenhausen und mietete die Halle an.

Es ist ein bizarrer, aber millionenschwerer Markt, für den die restaurierte V1 Reichenberg gedacht ist. So bizarr wie die Geschichte des Fluggerätes. Dazu muss man zurückgehen in die letzten Kriegsjahre 1944 und 1945. Wunderwaffen sollten die drohende Niederlage abwenden. „V1“ stand für ein unbemanntes Geschoss, das von einem Staustrahlrohr angetrieben über den Ärmelkanal nach England geschossen wurde. „V2“ stand für die erste Rakete, sie wurde von Peenemünde aus gegen London gerichtet. Doch diese Waffen änderten wenig am Kriegsverlauf. Angesichts der sich abzeichnenden Niederlage kamen einige fanatische Wehrmachtsangehörige auf eine schreckliche Idee: Sie propagierten den Selbstmordeinsatz mit Flugzeugen etwa gegen Schiffe, um dem Gegner schwerste Verluste beizufügen. Dazu stand im geheimen „Kampfgeschwader 200“ bereits ein Dutzend Männer bereit, die sich schriftlich zum „Opfertod“ bereit erklärt hatten. Doch nicht nur Männer – auch die seinerzeit berühmte deutsche Fliegerin Hanna Reitsch pilgerte zu Hitler auf dem Obersalzberg, um ihm von diesen Selbstmordkommandos zu überzeugen. Obwohl Hitler wie andere Luftwaffen-Generäle diese Idee als „undeutsch“ und „unsoldatisch“ ablehnten, kam es zur Produktion eines entsprechenden Selbstmord-Flugzeuges: Man baute in die V1 eine Kabine ein. So bemannt sollte die fliegende Bombe unter den Flügeln des Bombenflugzeuges He 111 an das Ziel gebracht und dann ausgeklinkt werden. Dem Piloten blieb nur, sich mit der Sprengladung auf den Gegner und in den Tod zu stürzen. Rund 170 Stück wurden von diesem deutschen Kamikaze-Gerät mit dem Namen „Fieseler 103 Reichenberg“ produziert, Hanna Reitsch und andere Piloten unternahmen mehrere Flugerprobungen.

Zum Kriegs-Einsatz kam die bemannte V1 jedoch nicht. Im Berliner Technik-Museum stehen schon etliche von Kuncze restaurierte Exponate. Für Holger Steinle, Leiter der Luftfahrtabteilung des Museums, ist Kuncze der Mann, der „sich, was Flugkörper anbelangt, auskennt“. Was kostet so eine Restaurierung? „Das geht von 50 000 bis 400 000 Euro“, so Steinle. „Autos sammeln“, sagt Kuncze, „das ist was für Millionäre“. Die „richtig“ Reichen aber, die Milliardäre, die sammeln historische Flugzeuge. Und legen dann für Jagdflugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg wie die deutsche „Me 109“ oder amerikanische Mustang schon mal dreieinhalb Millionen Euro hin. So soll etwa der US-Milliardär Gerald Yagen rund 150 historischer Flugzeuge auf seinem Privatgrund stehen haben.

Manche Sammler haben allerdings die Nase voll. Dazu gehört Christian Peter Treiber, ebenfalls Reichenberg-Experte. Er verkündete jüngst auf seiner Homepage: „Nach nun mehr als 20 Jahren eifrigen Sammelns von Flugzeugteilen der Kriege, Suche nach Vermissten, Interesse für Vernichtungswaffen, hängt mir dieser morbide Dreck zum Halse raus.“ Der „ganze Krempel aus dem Dritten Reich“ werde hochstilisiert. Er, Treiber, habe nun jüngst zwölf Tonnen Fahrzeugschrott zum Alteisenhändler gegeben.

von Rudolf Stumberger

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