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So schmeckt’s nur hier: Das deutsche Reinheitsgebot soll immaterielles Weltkulturerbe werden.

Tradition

Unesco, schütze Bayerns Bräuche!

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München - Bayern kümmert sich exzessiv um seine Traditionen. Manche könnten bald sogar als „immaterielles Kulturerbe“ unter dem Schutz der Unesco stehen. Rund 30 Vorschläge liegen auf dem Tisch – auch ein paar skurrile.

Ob der Nikolaus Existenzängste hat? Könnte man meinen, denn er und seine Kollegen – das Christkind und der Weihnachtsmann – sollen künftig von der Unesco geschützt werden. Wenn’s gut läuft, könnten sie bald den Titel „immaterielles Kulturerbe“ tragen. Vielleicht.

Klingt skurril, ist aber Tatsache. Der Vorschlag stammt vom Deutschen Weihnachtsmuseum, das im fränkischen Rothenburg ob der Tauber sitzt. Die Drei seien zentrale Symbolfiguren der deutschen Weihnachtstradition, sagt Museumsleiterin Felicitas Höptner. Darum müsse man sie schützen und insbesondere vor „verschleifenden Einflüssen“ bewahren.

Damit’s Nikolaus und Co. nicht an den Kragen geht, gibt es seit 2003 die Liste der immateriellen Kulturgüter. Damals hat sich die Unesco entschieden, nicht mehr nur Baudenkmäler und Ähnliches zu schützen, sondern auch Bräuche und Traditionen, Feste und Handwerkstechniken. Deutschland ist dem Abkommen im Juli 2013 beigetreten, bis Ende November haben die Bundesländer Vorschläge gesammelt.

Allein in Bayern sind laut Kultusministerium gut 30 Bewerbungen eingegangen, darunter zehn Vorschläge, die sich, anders als der Schutz vom Nikolaus, auf rein bayerisches Brauchtum beziehen. Die Passionsspiele in Oberammergau (Kreis Garmisch- Partenkirchen) gehören dazu. Der Münchner Viktualienmarkt ist im Rennen, ebenso wie die Bamberger Gärtnerei-Kunst und der Further Drachenstich in der Oberpfalz, der als ältestes Volksschauspiel Deutschlands gilt.

Einen Vorschlag gibt’s, der wohl zu den mehrheitsfähigsten bundesweit gehört: das deutsche Reinheitsgebot soll ebenfalls von der Unesco geschützt werden. Neben der türkischen Kaffeekultur und dem argentinischen Tango, die schon zum Kulturerbe gehören, kann sich so ein schönes Helles doch sehen lassen – findet man zumindest beim Bayerischen und beim Deutschen Brauerbund, die des Deutschen goldenste Kulturleistung nominiert haben.

So süffig, so gut. Es gibt aber auch Kritiker wie Elmar Walter. „Das Bier wird gebraut, die Leute trinken’s. Eigentlich muss man da nichts schützen“, sagt der Mann vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. Er beschäftigt sich seit Langem mit der Idee des „immateriellen Kulturerbes“ und der Frage, welche Tradition schutzbedürftig ist. „Da muss man sich sehr kritisch mit auseinandersetzen“ – vor allem wenn eine große Lobby dahintersteht.

Bier gehört zweifelsohne dazu: Jeder Bayer trinkt im Jahr durchschnittlich 135 bis 140 Liter. Lothar Ebbertz, Hauptgeschäftsführer beim Bayerischen Brauerbund, sieht die Gefahr denn auch von einer ganz anderen Seite heranschleichen. Auf dem internationalen Markt, sagt er, wird Bier durch Konservierungs- und Farbstoffe billiger hergestellt als hierzulande. Heißt wohl: Wenn das Reinheitsgebot die Globalisierung überleben will, braucht es die Unesco. „Wir machen Braukunst“, sagt Ebbertz. „Panschen können andere.“

Kritiker würden sich wohl trotzdem den Erfolg anderer Traditionen wünschen. Ob’s gleich, wie von Berliner Ärzten und Hebammen gefordert, sowas wie die „normale Geburt“ sein muss, fragt sich. Gegenvorschlag: Michael Zirk aus Lauf an der Pegnitz nahe Nürnberg macht sich als professioneller Erzähler für die Erzählkunst stark. „Erzählen ist eine der ältesten Kulturtechniken überhaupt“, sagt er. Eine Kunstform, die die Phantasie trainiert, in der die Menschen aber „extrem unfit“ seien“.

Zirk ist auch Vorsitzender eines noch jungen Verbands für Erzähler im deutschen Sprachraum. Er vertritt schlappe 55 Mitglieder, entsprechend gering schätzt er die Chancen auf den Unesco-Schutz ein. „Die kann man sich ja ausrechnen, wenn man gegen das Reinheitsgebot antritt.“

Abwarten. Bayerns Kabinett wird im April 2014 zwei Vorschläge nach Berlin schicken. Die Kultusministerkonferenz berät dann über die Nominierungen aller Bundesländer und reicht bis zu 34 Bewerbungsmappen an die Unesco-Kommission weiter. Vor 2015 fällt im Bund wohl keine Entscheidung.

Bayerns Bierbrauern würde das Prädikat „Kulturerbe“ gut in den Kram passen. Eine Entscheidung der Unesco könnte 2016 fallen. Im gleichen Jahr feiert das bayerische Reinheitsgebot zufällig 500. Geburtstag. Aber Vorfreude wäre verfrüht. In Österreich etwa steht Märchenerzählen seit 2010 auf der Liste des immateriellen Erbes – von Bier ist da keine Rede.

Markus Mäckler

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