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Unterstützung für die Grundschüler: Petra Meißner, Würzburger Schulpsychologin und Mitglied des Kriseninterventionsteams, erläutert in Alzenau, wie Schülern der Erich-Kästner-Grundschule psychologisch geholfen werden kann.

Unfall von Alzenau: Eine Grundschule trauert

Alzenau - Der erste Schultag nach den Weihnachtsferien war für viele Grundschüler in Alzenau ein Schock. Erst dann erfuhren sie, dass einer ihrer Freunde und Mitschüler tot ist.

Zahlreiche Grablichter und bunte Laternen stehen an einer grauen Mauer direkt an der Straße. Zwischen den Kerzen liegen Blumen, Plüschtiere und Briefe. “Ich hoffe, dass es dir gut geht im Himmel“, ist in Kinderschrift auf einem der Zettel zu lesen. An der Stelle mitten in Alzenau (Landkreis Aschaffenburg) wurden eine Mutter und ihr Sohn auf einem Sonntagsspaziergang bei einem Unfall jäh aus dem Leben gerissen, der Vater und der jüngere Sohn überlebten schwer verletzt.

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Unglücksfahrer schwebt weiter in Lebensgefahr

Der Tod der 36 Jahre alten Mutter und ihres sieben Jahre alten Sohnes hat die Stadt in tiefe Trauer gestürzt. Auch der Unfallverursacher kommt aus dem 19.000-Einwohner Ort. Der 51-Jährige hatte nach einem Schlaganfall die Kontrolle über seinen Wagen verloren und war erst gegen eine Wand gerast und dann in die Familie geschleudert. Er schwebt noch immer in Lebensgefahr.

Die Familien des Unfallfahrers und der beiden Toten kennen sich. Die Kinder gingen in die selbe Schule. “Es gibt in diesem Fall viele unglückliche und dramatische Verzahnungen und Verstrickungen“, sagt der Pfarrer der evangelischen Kirchgemeinde Alzenau, Johannes Oeters, am Dienstag. “Aber es gibt hier keine Schuldigen und keine Opfer. Beiden Familien ist schreckliches Leid widerfahren“, sagt der Geistliche.

Auch in der Erich-Kästner-Grundschule gibt es dem Schulleiter Franz-Peter Glock zufolge kein Schwarz-Weiß-Denken. “Die Schüler haben in gleicher Weise mit den Kindern mitgelitten“, sagt der Rektor. Seit Montagmorgen betreuen auf seinen Wunsch hin mehrere Schulpsychologen die Kinder und das Personal. Dem Schulleiter war wichtig, dass die 26 Lehrerinnen gut auf die Trauer, die Bestürzung und die möglichen Reaktionen vorbereitet sind. “Wir haben gelernt, auch selbst Gefühle zuzulassen und zu zeigen. Das war der erste Türöffner zu den Kindern“, sagt Glock. Das habe geholfen, die Gespräche mit den Schülern anzustoßen.

Doch die Pädagogen mussten auch auf die Reaktionen der Kinder vorbereitet sein. “Sie müssen mit allen möglichen und unmöglichen Reaktionen rechnen. Mit Weinkrämpfen, mit Lachanfällen, mit totaler Zurückgezogenheit, mit Sprachlosigkeit oder auch mit einer Überaktivität“, sagt Schulpsychologin Petra Meißner von der Staatlichen Schulberatungsstelle des Regierungsbezirks Unterfranken. Sie ist seit Montag in der Grundschule in Alzenau. Es seien bereits viele Tränen geflossen, aber zwischendurch hätten einige Kinder auch wieder gerechnet. “Die Kinder brauchen auch Ablenkung von dem traurigen Thema.“

Der Bürgermeister der unterfränkischen Stadt hat seinen Winterurlaub abgebrochen, als er von der Tragödie erfuhr. “Die Nachricht hat mich bis ins Mark erschüttert und zutiefst traurig gestimmt“, sagt Alexander Legler (CSU). Die Stadt werde jetzt an der Seite derjenigen stehen, die betroffen sind. Das Wichtigste sei jedoch, den Weg zurück in die Normalität zu finden. In der Stadt gibt es am kommenden Freitag einen ökumenischen Gottesdienst, um der Toten zu gedenken.

Bürgermeister Legler zufolge ist der Stadt bislang noch kein ähnlich schweres Unglück widerfahren. Bei Neu-Ulm war es im März 2006 unter ähnlichen Umständen zu einem ebenso dramatischen Unfall gekommen. Nach einem Herzinfarkt war damals ein Paketfahrer mit seinem Wagen im Landkreis Günzburg in einen Trauerzug mit mehr als 150 Menschen gefahren, der auf dem Weg zum Friedhof war. Zwei Frauen starben, mehr als 30 überwiegend ältere Menschen wurden verletzt.

Bis die Normalität in Alzenau wieder eingezogen ist, wird jedoch noch viel Zeit vergehen. “Der Unfall ist überall Gesprächsthema“, sagt Postbote Roland Kurek. Die Stimmung sei überall sehr gedrückt. Doch gleichzeitig sei auch ein neuer Zusammenhalt erkennbar, sagt Pfarrer Oeters. “Man sieht, dass da Menschen zusammenrücken und sich gegenseitig stützen und tragen.“

dpa

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