+
Jakob Schmid und Georg Grau mit ihrer 600 Kilo schweren Kugel an der Gsteigstraße bei Klais, Kreis Garmisch-Partenkirchen, Mai 1933.

Die unglaubliche Reise der Ballonauten

Vor 80 Jahren machen sich zwei Bayern auf eine unfassbare Reise. Sie wollen einen 600 Kilo schweren Holzball durch Deutschland rollen. 5000 Kilometer weit. Sisyphos’ Leiden sind Kinderquatsch gegen das, was die „Ballonauten“ erleben.

Es ist ein Irrsinn. Eine bodenlose Verrücktheit. Ein road trip am Rande des Menschenmöglichen, den der Bäcker Jakob Schmid und der Hafenarbeiter Franz Perzl am 2. Mai 1932 in Angriff nehmen. Die beiden arbeitslosen, schwer traditionsbewussten Regensburger, die meist Lederhosen tragen, wollen einen überdimensionalen Fußball quer durch Deutschland rollen. Durchmesser: 2,05 Meter. Gewicht: 600 Kilo.

Angepeilte Wegstrecke: 5000 Kilometer. Unfassbar.

Der Ball muss ins, äh, durchs Tor: die Ballonauten am Brandenburger Tor; 6. August 1932.

Von Regensburg aus, ihrem Startpunkt, wollen sie nach Hof, nach Leipzig, Berlin, Stralsund, Jena, Bamberg, Eichstätt, München, Bad Wiessee, Garmisch, Mittenwald, Augsburg, Stuttgart und immer weiter – so lange die Füße tragen, so lange das Geld reicht. So lange sie genügend Postkarten verkaufen – denn davon leben die beiden Vagabunden. „Wir können feststellen, dass wir von Regensburg bis hierher am besten vom schaffenden Volk, also der kleine Mann, unterstützt wurden“, wird Schmid im sächsischen Brockau ins Tagebuch schreiben.

500 Arbeitsstunden und 600 Teile Erlenholz stecken in ihrer hellbraun lackierten Riesenkugel. Im Inneren haben zwei Matratzen, Gepäck und eine mit Spiritus betriebene Kochstelle Platz, irgendwo hängt sogar ein Kruzifix. Beim Rollen dreht sich der Innenraum nicht mit; er liegt auf Kugellagern, dadurch schwebt er quasi. Eine handwerkliche Großleistung.

Radlausflug zu dieser merkwürdigen, hölzernen Kugel: München, Theresienwiese, April 1933.

„Geräuschlos ohne Musik u.s.w. ging es fort ins Ungewisse“, so lautet der erste Tagebucheintrag von Jakob Schmid, Jahrgang 1906. Über die Steinerne Brücke hinweg, mitten rein in eine Republik, die taumelt, zermürbt von Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, Armut. Mittenrein in ein Land, an dem sich schon bald die Nazis vergreifen werden. So beginnt sie, die sagenhafte Reise der „Ballonauten“. Zwei „Sportsmänner“, so bezeichnen sie sich selbst, zwischen allen Stühlen treffen auf ein Land zwischen allen Stühlen.

Am Ende wird Schmids Tagebuch imposante 20 Pfund wiegen. Der arbeitslose Bäcker hat zudem ein Hobby: Er fotografiert, sehr ungewöhnlich für diese Zeit. Seine Tagebucheinträge liefern den Ton, die Bilder ein Panorama des Alltags in den deutschen Schicksalsjahren 1932/33. Die Ballonauten werden Dummschwätzer treffen, betrunkene Bürgermeister, streitlustige Wirte, zufällig den Prinzen Rupprecht von Bayern, freundliche Hausfrauen, neugierige Kinder, Kommunisten, Nationalsozialisten. Die Ballonauten werden Deutschland treffen.

Fast wäre dieser Wahnsinnstrip für immer in Vergessenheit geraten, für immer von der Geschichte verschluckt worden. Schmids bibeldickes Tagebuch lag fast 80 Jahre auf einem Dachboden – bis es dem Regensburger Philosophen, Journalisten, Künstler, Filmemacher und Querdenker Hubertus Wiendl, 52, durch einen Zufall in die Hände fiel. Er war es auch, der die famosen Männer „Ballonauten“ taufte; der das Tagebuch transkribierte und es ins Internet stellte, www.ballonauten.de; der gerade dabei ist, jenen zwölf Zentner schweren Holzball nachzubauen; der mit dem Ball demnächst auf Deutschland-Tour gehen will; der einen Kino-Film über die Ballonauten plant. Kurzum: Wiendl hat auf der Stelle erkannt, dass er den Schatz seines Lebens geborgen hat. Seit über zwei Jahren ist er jetzt selbst ein Ballonaut; jede freie Sekunde steckt er in das Projekt. Der Irrsinn der Nazi-Zeit dürfe nicht in Vergessenheit geraten, sagte er. Die Geschichte der Ballonauten, für ihn ist sie mehr als ein skurrile Eskapade. Sie ist ein Spiegel der damaligen Zeit. Zwei junge Bayern erleben auf Landstraßen, Feldwegen und Marktplätzen hautnah, wie ihr Heimatland kippt.

Sisyphos in Oberbayern: Die Ballonauten hieven ihren überdimensionalen Fußball den über 1700 Meter hohen Wallberg rauf. Eine Wahnsinnstat, für die die beiden Bayern zehn Tage brauchen. Die Steigung beträgt bis zu 34 Prozent. „Aufsehen erregen wir überall“, schreibt Jakob Schmid ins Tagebuch, „besonders als wir erzählen, den Wallberg zu machen. Jeder sagt unmöglich, aber wir wollen und müssen ihn bezwingen".

Die Männer aus Regensburg waren längst nicht die einzigen „Deutschlandfahrer“, erzählt er. Am Ende der Weimarer Republik treibt die Not unzählige junge, vor Tatendrang platzende Männer auf die Landstraßen. Zu jener Zeit sind rollende Nachbauten des Ulmer Münsters unterwegs, der Dresdner Zwinger, Ozeandampfer und ein fahrendes Kaffeekännchen. Offenbar ein gängiges Geschäftsmodell. Auf ihrer Reise treffen die Ballonauten sogar einen Zeppelin auf Rollen. Es gibt ein Bild dieser kuriosen Begegnung. Die Ballonauten und die Burschen im Zeppelin vertiefen sich sogleich in ein Fachgespräch. „Diese Unterhaltung, welche natürlich auf geschäftlichem Standpunkt landete“, schreibt Jakob Schmid, „war sehr interessant und aufklärungsreich für uns“. Man tauscht sich aus, in welchen Städten die Menschen geizig, in welchen sie großzügig sind, wo man am besten übernachtet. Welche Wirtschaften man besser meiden sollte. Solche Sachen. Vagabunden-Ratsch.

Es ist das ultimative Abenteuer, das die Männer erleben. Das Abenteuer ihres Lebens. 24 Kilometer legen sie im Schnitt pro Tag zurück. Die Ballonauten wissen nie, was sie hinter dem nächsten Hügel erwartet. In der Oberpfalz droht ihnen einmal ein Wirtssohn mit der Schaufel. „Er wollte mich schlagen, da ich ihn einen Stoffel nannte“, schreibt Schmid. „Zum Zuschlagen hat er es sich doch überlegt als er sah, dass ich nicht davonlief.“ Schmids Tagebuch ist frei von Ideologie, manchmal naiv, stets ehrlich. Das macht dieses Dokument so wertvoll. Die Ballonauten rollen durch ein Land im Bürgerkrieg. Sie beobachten Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nazis. „Alle paar Tage soll es so zugehen, ein paar Tote, nun das kann ja lustig werden“, schreibt Schmid. Die Tragweite erkennt er nicht. Die Ballonauten sind selbst keine Nazis, aber in den Suppenküchen der SA essen sie dann doch. Schlicht: Weil sie Hunger haben. „Es war erstklassig“, so Schmid. „Die Leute, die dort essen dürfen, können sehr zufrieden sein.“

Mitten in der Reise muss sich Jakob Schmid einen neuen Kompagnon suchen – Franz Perzl findet überraschend eine Arbeit in einer Zuckerfabrik und geht zurück in die Heimat. Der Schmied Georg Grau, ebenfalls aus Regensburg, löst ihn ab. Oberballonaut und treibende Kraft ist aber sowieso Fotograf und Tagebuchschreiber Schmid. In Mitterteich, Landkreis Tirschenreuth, berichtet er von einem ordentlichen Streit mit dem örtlichen Bürgermeister: „Von Seiten der Landbevölkerung wurde uns erzählt, dass ihr Bürgermeister ein guter Mensch ist, aber wenn er ein bisserl viel Bier hat, dann streitet er gerne.“ Das Tagebuch ist manchmal zum Schreien komisch, manchmal allerdings leidet man mit den tapferen Männern und hofft inständig, dass sie in der nächsten Stadt ein paar Reichsmark mehr zugesteckt bekommen: „Es ist furchtbar, so von Tür zu Tür zu laufen“, schreibt Schmid, „wer das noch nicht mitgemacht hat, kann es gar nicht verstehen, was das für eine Qual ist.“ Oder ein anderes Mal, noch verzweifelter: „Wir sind finanziell erledigt, fast keine Karten mehr und kein Geld. Was wird das werden?“

Die Reise geht weiter, immer weiter, irgendwie. In Berlin durchqueren sie mit ihrer Kugel das Brandenburger Tor und stoßen auf einen recht merkwürdigen Einheimischen: „Er äußerte sich recht stark und abfällig über Bayern. Er meinte die Bayern kennen nur ihr Bier, aber für mutige Taten haben sie kein Verständnis.“ Von Berlin machen sich die Männer auf gen Ostsee, am 3. Oktober 1932 sind sie in Stralsund, von dort geht es wieder Richtung Heimat, endlich wieder bayerisches Bier. Am 4. April 1933 sind sie in München auf der Theresienwiese, knapp drei Wochen später in Holzkirchen und dann, nach 2000 Kilometern, steht es bevor: das wahnwitzigste Abenteuer dieser wahnwitzigen Reise – der Aufstieg zum über 1700 Meter hohen Wallberg, Steigung: bis zu 34 Prozent.

„Hoffentlich passiert uns nichts“, schreibt Schmid am Tegernsee. „Was wir da leisten, ist unmenschlich.“ Und: „Durch diese Leistung hoffen wir, dass man uns als echte deutsche Sportmenschen ansehen wird.“

Zentimeter für Zentimeter geht es das holprige, steinige Bergsträßchen hoch. Zehn Tage dauert der Aufstieg mit ihrem 600-Kilo-Koloss. Dann ist es vollbracht: Der Ball ist auf dem Berg. Eine Wahnsinnstat. Sisyphos mitten in Oberbayern. Verrückt, was der Mensch alles kann. Was der Mensch alles macht. Für die Talfahrt brauchen sie dann lediglich zwei und eine Viertelstunde. Sie befestigen eine zehn Meter lange Tanne an ihrem Ball – als Bremse. Ein paar einheimische Burschen setzen sich auf den Baum, und ab geht es Richtung Tal. Unten angekommen schreibt Schmid: „Gesundheitlich gut, Achseln aufgescheuert vom Schieben, Schuhe vollständig erledigt, letzte 3 Tage schon auf Socken gelaufen.“ Und: „Was wir geleistet haben, kann man nicht schildern.“ Die Belohnung für dieses Husarenstück folgt schon bald: Jakob Schmids Liebste, die Resi, meldet sich überraschend. Sie will ihren Jakob endlich mal wieder in die Arme nehmen. Und: Sie ist bereits auf dem Weg nach Oberbayern. Kurz darauf treffen sie sich in Kochel. „Als sie kam, sah ich an ihren Augen, dass sie sehr viel noch für mich übrig hat“, schreibt Schmid. Aber: „Das ist Privatsache drum Schluss.“

Knapp drei Monate später endet die Reise: Am 14. August 1933 bricht die Kugel zwischen Ellwangen und Rosenberg, im Osten Baden-Württembergs, entzwei. Nach 3500 Kilometern. Reparatur: unmöglich. Die Ballonauten kehren zurück nach Regensburg. Der Lokalzeitung ist es eine dürre Meldung wert. Mehr nicht.

Die Ballonauten geraten schnell in Vergessenheit. Die Heimat kippt gerade aus den Latschen, der große Krieg naht. Kein Mensch schert sich da um ein paar Bayern in ihren Lederhosen, die gerade eine Kugel durch ganz Deutschland rollten. Ungerecht, himmelschreiend ungerecht, so kann das Leben manchmal sein. Perzl stirbt 1965 in Regensburg. Graus Spur verliert sich. Schmid stirbt 1945, in den letzten Kriegstagen, verheizt bei einem Himmelfahrtskommando.

Stefan Sessler

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Grausamer Mord in Freyung: Warum musste Lisa (29) sterben?
Wochenlang hielt dieser Fall die Polizei in Atem: Die junge Mutter Lisa H. (20) galt zunächst als vermisst, bis ihre Leiche in einem Plastiksack gefunden wurde. Nun …
Grausamer Mord in Freyung: Warum musste Lisa (29) sterben?
Hageljäger in Bayern: So  „impfen“ sie die Gewitterwolken
Wenn Georg Vogl in die Luft geht, braut sich am Himmel etwas zusammen. Der 59-Jährige ist Hagelflieger. In 2000 Metern Höhe „impft“ er Gewitterwolken mit Silberjodid. …
Hageljäger in Bayern: So  „impfen“ sie die Gewitterwolken
Knapp 1,4 Millionen Besucher beim Gäubodenvolksfest in Straubing
Fast 1,4 Millionen Menschen haben das Gäubodenvolksfest in Straubing besucht. Das entspricht etwa den Zahlen der vergangenen Jahre, wie eine Sprecherin der …
Knapp 1,4 Millionen Besucher beim Gäubodenvolksfest in Straubing
Gleitschirmflieger stürzt in Baumkrone
Ein Gleitschirmflieger ist in Neumarkt in der Oberpfalz zehn Meter tief in eine Baumkrone gestürzt. Er war gerade gestartet, da überraschte ihn eine heftige Windböe.
Gleitschirmflieger stürzt in Baumkrone

Kommentare