Nach brutaler Vergewaltigung: Dritter Täter geschnappt!

Nach brutaler Vergewaltigung: Dritter Täter geschnappt!
Der Wiedehopf links im Bild ist in Bayern fast ausgestorben. Das Foto jedoch gelang unserem Leser Alfred Krappel im August in Ismaning.

Interview mit Vorsitzendem der Vogelschützer

„Uns droht ein stummer Frühling“

München - Eine Ära endet: Ludwig Sothmann, 74, war 36 Jahre lang Vorsitzender des Landesbunds für Vogelschutz in Bayern. Am Samstag übergibt der Apotheker aus Hilpoltstein sein Amt an einen Nachfolger.

Ein Abschieds-Gespräch über Storch, Wiedehopf & Co.

-Herr Sothmann, Sie waren eine halbe Ewigkeit, 36 Jahre, LBV-Vorsitzender. Kann man da überhaupt eine Bilanz ziehen?

Man kann. Aber natürlich fällt die Bilanz gemischt aus. Wir hatten Erfolge, gewiss. Aber wir haben auch eine stattliche Anzahl von Großproblemen, die nicht gelöst sind. Das größte: die Biodiversität, die Artenvielfalt, schwindet mehr und mehr. Die Arten sterben uns unter den Händen weg. Wir sind dabei, unser Erbe zu verspielen. Das treibt mich um – immer noch.

-Sie haben aber doch schöne Vorzeigeprojekte: Zum Beispiel wurde der Storch in Bayern gerettet.

Sicher, die Artenhilfsprogramme sind erfolgreich. Als ich anfing, gab es vom Storch in Bayern noch 58 Brutpaare. Heute sind es mehr als 350. Die Wiesenweihe, eine Greifvogelart, war praktisch ausgestorben. Die heutigen bayerischen Bestände sind das Lieferreservoir für ganz Mitteleuropa. Der Feldhamster ist als bayerischer Bewohner heute gerettet. Die Aufzählung ließe sich fortführen.

-Aber?

Die Rettung von Einzelarten sind Leuchtturmprojekte, sie stehen im Regelfall für einen ganzen Lebensraum. Wir wollen durch solche Artenhilfsprogramme der Gesellschaft zeigen, wie man es machen könnte. Aber es wird in Summe einfach zu wenig getan.

-Was sind akute Probleme?

Betrachten wir als Beispiel die typisch bayerische offene Feldflur, also Äcker und Wiesen – wobei letzteres ja normalerweise keine bunte Blumenwiese ist, sondern ein fünf- bis maximal sieben Mal im Jahr gemähte Grasacker. Hier ist die reine Individuenzahl an Vögeln nach Berechnungen des Bundesamts für Naturschutz seit 1980 um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Wir haben in dieser Zeit rund 300 Millionen Feldvögel in Deutschland verloren. Wenn wir so weitermachen, droht uns auf dem schnellsten Weg ein stummer Frühling. Eine Frage: Wann haben Sie den letzten Kiebitz gesehen oder das Rebhuhn?

-Äh? Keine Ahnung.

Das waren früher typische Vögel der offenen Landschaften. Heute sind die einfach nicht mehr da. Das ist dramatisch.

-Gibt es auch Fortschritte?

Natürlich haben wir auch gute Entwicklungen. Was mich freut, ist, dass Bayerns Umweltministerium ein Arbeitsprogramm zur Biodiversität, zur genetischen und züchterischen Vielfalt, so bei den Getreidearten, aufgestellt hat. Das muss nun finanziert werden.

-Was ist die Ursache für den Artenschwund? Die Landwirtschaft?

Ludwig Sothmann war 36 Jahre im Ehrenamt Landesvorsitzender des LBV. Nun übergibt er an Norbert Schäffer, der zuletzt die Europa-Abteilung der „Royal Society for the Protection of Birds“ leitete.

Ja, aber man muss es präzisieren: Ein wichtiger Verursacher ist die intensive Landwirtschaft, die auf Agrochemikalien setzt. Neuerdings in Umlauf kommen Chemikalien mit hochgiftigen Nicotinamide, von denen noch kaum bekannt ist, welche Schäden sie anrichten. Ganz übel ist der boomende Maisanbau. Wir müssen mit den Landwirten eine Landschaft erhalten, in denen wir uns als Menschen und unsere Mitgeschöpfe wohlfühlen. Ich verlange ja gar nicht die Stilllegung von Ackerflächen, sondern eine angepasste schonende Nutzung und dafür muss der Landwirt auch anständig honoriert werden.

Ihr besonderer Einsatz galt auch der Botanik. Für einen Vogelschutzverband ist das eher ungewöhnlich.

Das kommt durch meine Ausbildung als Apotheker und zum anderen aus Interesse. So hat der LBV die Rote Liste der Pflanzengesellschaften erstellt. Zieht man eine Bilanz über das ganze Land, dann ist die Rote Liste auch bei Pflanzenarten ganz schön voll. 1980 war die Artenvielfalt größer als heute, die Lebensraumqualität war besser. Heute gibt es im Unterschied zu früher in manchen Gebieten gute Schutzprogramme – Naturinseln, die sich langsam vernetzen. Das sind wichtige Schritte zur Rettung des Naturpotentials, aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns.

-Der LBV ist im Vergleich zum Bund Naturschutz eher still, wenn es um politisch motivierte Großprojekte geht – zum Beispiel 3. Startbahn oder A94-Ausbau. Warum?

Ihre Vermutung trifft nicht ganz zu. Wir sind aktiver Teil vieler Demos, wenn es um Nachhaltigkeit, landschaftliche Schönheit und natürliche Vielfalt geht. Wir sind kein ganz unwesentliches Mitglied in der Arbeitsgruppe gegen die 3. Startbahn, wir machen auch bei allen Demos mit. Wir bemühen uns aber in der Regel, effizienzgesteuert Ergebnisse zu erzielen – über Verhandlungen und Gespräche. Die Ziele der beiden großen Naturschutzverbände sind ähnlich. Wir allerdings sind spezialisiert auf Artenschutz. Die grundsätzliche Debatte zum Beispiel über den Verkehrswegeplan überlassen wir dem Bund Naturschutz. Wenn Sie so wollen, haben wir gewissermaßen eine Arbeitsteilung.

-Was bleibt?

Das Angebot, Ehrenvorsitzender zu werden, werde ich gerne annehmen – und ich werde mich da nicht als Frühstücksdirektor sehen. Außerdem habe ich Ehrenämter, etwa im Präsidium des Deutschen Naturschutzrings. Mir geht die Arbeit bestimmt nicht aus.

-Was sind eigentlich Ihre Lieblingstiere?

Das schwankt. Mit dem Kampf für die Wiesenbrüter fing es an. Dann habe ich mich sehr für Hühnervögel interessiert, also Auerhuhn oder Birkhuhn. Das Schneehuhn war eine Zeitlang meine Lieblingsart. Aktuell würde ich mich sehr freuen, wenn der Wiedehopf in Bayern wieder heimisch würde. Als ich anfing, habe ich ihn noch kartiert, heute braucht man das nicht mehr zu tun, weil er praktisch nicht mehr da ist. Derzeit läuft ein Projekt zur Rettung der Großen Hufeisennase – es gibt sie in Bayern nur noch in Hohenburg im Landkreis Amberg-Sulzbach in der Oberpfalz. Das macht mir Spaß, daran hängt mein Herz.

Das Interview führte Dirk Walter

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