Unterlagen eines Kunsthändlers

Protokolle aus der Nazi-Zeit entdeckt

München - Historischer Fund in München: Am Dienstag sind jahrzehntelang verschwundene Protokolle von Kunstauktionen aus der Nazi-Zeit entdeckt worden.

Dabei handele es sich um Versteigerungskataloge des Kunsthändlers Adolf Weinmüller aus den Jahren 1936 bis 1945, berichtete das Auktionshaus Neumeister am Dienstag in München. Weinmüller hatte in Wien und München mit Werken aus beschlagnahmtem jüdischem Besitz gehandelt. Die Auktionskataloge mit handschriftlichen Notizen zu rund 34 500 Objekten geben nun Aufschluss darüber, wem die Kunstgegenstände gehörten und wer sie erworben hat. Uwe Hartmann von der Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung sprach von einer kleinen Sensation. Nahezu lückenlos habe man nun zu jedem Objekt den Namen des Einlieferers und des Erwerbers.

Kataloge von 33 Versteigerungen

Das Konvolut umfasst nach Angaben der Neumeister-Inhaberin Katrin Stoll Kataloge und Handexemplare aller 33 Münchner Versteigerungen in dieser Zeit. Hinzu kommen 11 von insgesamt 18 Versteigerungskatalogen aus Wien. Die Dokumente hatten jahrzehntelang unentdeckt in einem Keller im Rückgebäude des heutigen Auktionshauses gelagert. Sie sollen nun digitalisiert und dann wissenschaftlich ausgewertet werden. Zudem sei geplant, die Daten in geeigneter Weise zugänglich zu machen, sagte Stoll.

Die Arbeitsstelle für Provenienzforschung unterstützt Einrichtungen in ganz Deutschland bei der Identifizierung von Kulturgütern in ihren Sammlungen und Beständen. „Wenn die Quellenlage so gut ist, ist Provenienzforschung relativ einfach“, erklärte Hartmann. „Da wird eine ganz wichtige Lücke geschlossen.“

Viele Werke von Ernst Gotthilf

Der Fund erleichtert es den Erben jüdischer Kunstsammler, die Schätze ihrer Vorfahren aufzuspüren, vor allem wenn sie an öffentliche Einrichtungen und nicht an Privatpersonen gingen. Unter den versteigerten Objekten sind etwa viele Werke aus der Sammlung des bekannten jüdischen Architekten Ernst Gotthilf aus Wien, deren Verbleib bis vor kurzem nicht geklärt war. Bislang sei man davon ausgegangen, das mindestens fünf Werke aus dieser Sammlung über Weinmüller versteigert wurden, sagte Hartmann nach einer ersten Sichtung der Unterlagen. „Nach diesen Katalogen haben wir eine Anzahl von mehr als 100 Objekten.“ Einiges stammte auch aus dem Besitz des jüdischen Kunsthändlers Siegfried Lämmle aus München.

Neumeister hatte bereits 2009 auch mit Hilfe der Arbeitsstelle begonnen, die Nazi-Vergangenheit seiner Vorgängerfirma Weinmüller aufzuarbeiten. Dabei wurde klar, dass sich Weinmüller auf Kosten seiner jüdischen Kollegen bereichert hatte. Zahlreiche Kataloge und Unterlagen waren im Zuge des Projektes ausgewertet worden und hatten auch Erkenntnisse gebracht. Die ausführlichen handschriftlichen Anmerkungen hätten aber sehr viel genauere Informationen geliefert, sagt Stoll.

So begann der Zweite Weltkrieg

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Weinmüller hatte 1936 das Auktionshaus des jüdischen Händlers Hugo Helbing in München übernommen. 1938 folgte die Firma von Herbert Kende in Wien. Zu seinen Kunden zählten Nazi-Größen wie Martin Bormann. Im Entnazifizierungsverfahren galt Weinmüller als Mitläufer und arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Nach seinem Tod 1958 übernahm Rudolf Neumeister das Versteigerungshaus.

dpa/lby

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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