Die Spritze gegen Masern: Doch gerade im Münchner Raum sind viele Kinder nicht geimpft. foto: techniker Krankenkasse

Die unterschätzte Gefahr

München - Die Masern grassieren in Bayern. Besonders im Münchner Raum verzichten viele Eltern darauf, ihre Kinder impfen zu lassen. Dabei ist die vermeintliche Kinderkrankheit wesentlich gefährlicher als ihr Ruf, sagt ein Experte.

424 Masernfälle hat es in diesem Jahr bereits in Bayern gegeben. Das sind laut der Techniker Krankenkasse sage und schreibe neunmal so viele wie noch vor zwei Jahren im gesamten Kalenderjahr. Eine alarmierende Entwicklung. Die Massenherde liegen in Oberbayern und in Mittelfranken. Die Stadt München ist mit 148 Erkrankungen negativer Spitzenreiter, in Oberbayern folgen die Landkreise Starnberg (29), Garmisch Partenkirchen (26) und München (15).

Für Nikolaus Frühwein ist diese Rangfolge kein Zufall. „In reicheren Gegenden scheint es ,in‘ zu sein, Kinder nicht zu impfen“, sagt der Präsident der Bayerischen Gesellschaft für Tropenmedizin und Impfwesen. Gerade im Hinblick auf die Masern hält er das für einen gefährlichen Fehler. „Das ist eine der am meisten unterschätzten Krankheiten.“ Ein Grund dafür sei sicher, dass der schwere Verlauf der Krankheit eher selten sei. In einem von 8000 Fällen aber würde eine Infektion zum Tod führen. „Und wer einmal ein Kind mit einer Hirnschädigung durch Masern gesehen hat, weiß, dass das kein lustiger Anblick ist“, sagt Frühwein, bekannt für deutliche Worte.

Übertragen wird das Masernvirus - wie eine Erkältung - durch das Einatmen infektiöser Tröpfchen. Die Symptome sind Fieber, Entzündungen der oberen Atemwege und der typische Hautausschlag. In manchen Fällen können lebensbedrohliche Komplikationen wie Lungen- oder Hirnentzündungen auftreten.

Weil auch Impfgegner ihre Kinder vor diesen Gefahren schützen wollen, veranstalten manche sogenannte Masernparties. Gesunde Kinder werden dabei mit Kindern zusammengebracht, die mit dem Virus infiziert sind. Durch die gezielte Ansteckung sollen die Kleinen immun gegen die Krankheit werden. Für Frühwein sind solche Parties „Körperverletzung an Schutzbefohlenen“. Die Kinder könnten schließlich keine eigene Entscheidung treffen. „Und eine Maserninfektion ist eine schwere Krankheit.“

Anders sei der Fall bei Erwachsenen, die sich nicht impfen möchten. „Ich bin nicht der Ritter mit dem Feuerschwert, jeder muss das selbst wissen.“ Frühwein gibt allerdings zu bedenken, dass es auch eine soziale Verantwortung gebe. Wer geimpft ist, stecke schließlich auch niemanden mehr an. So würden auch Menschen geschützt, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst impfen lassen können.

Gerade im Raum München gebe es aber nach wie vor „richtige Zirkel“, die eine Impfung ablehnen würden. Dabei war dort Anfang Mai bereits der schlimmste Fall eingetreten. Ein Weilheimer, 26 Jahre jung, verstarb in einer Münchner Klinik. Wegen eines Tumors war er dort zur Untersuchung. Wegen eines gutartigen Tumors, wie sich herausstellte. Die Todesursache war eine andere. Der junge Mann erlag den Masern. Zuvor hatte er sogar Klinikpersonal angesteckt, das offenbar selbst nicht ausreichend geschützt gewesen war.

Frühwein hält die Impfung in jedem Fall für richtig - nicht nur für Klinikpersonal. Die Risiken stünden in keinem Verhältnis zu denen einer Maserninfektion. „Das Paul-Ehrlich-Institut hat in den vergangenen zehn Jahren nicht einen Fall von schweren Impfschäden registriert.“

Von Sebastian Horsch

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