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70 bis 80 Tonnen Unterwasserpflanzen fischt Jürgen Sepp mit seinem Mähboot pro Tag aus Bayerns Gewässern. Auch auf dem Weßlinger See (Foto) war er schon oft im Einsatz. Die Pflanzen werden getrocknet und kompostiert.

Der grüne Feind unter Wasser

Nach Badeunfällen: Wie gefährlich sind Seepflanzen?

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Eine 76-jährige Schwimmerin wäre im Weßlinger See fast ertrunken, weil sie sich in Wasserpflanzen verfangen hatte. Doch eigentlich sind die völlig ungefährlich – solange man sich richtig verhält.

Weßling – Es gibt einen Mann in Bayern, der ziemlich genau weiß, wie es unter der Wasseroberfläche der Seen, Biotope und Flüsse aussieht. Er weiß das deshalb so genau, weil es sein Job ist, dort für Ordnung zu sorgen. Jürgen Sepp ist gelernter Landschaftsgärtner. Vor einigen Jahren hat er eine Nische für sich entdeckt und sich spezialisiert: auf Unterwasserpflanzen. Seitdem ist er 70 bis 100 Tage pro Jahr in einem Mähboot auf Bayerns Gewässern unterwegs. Gemeinden oder Wasserwirtschaftsämter engagieren ihn, sobald die Pflanzen so sehr gewachsen sind, dass sie den Schwimmern in die Quere kommen.

Für viele Schwimmer ist Jürgen Sepp aus dem schwäbischen Jettingen-Scheppach längst kein irritierender Anblick mehr. Wenn er mit seinem Amphibien-Fahrzeug über einen See schippert, an den Seiten die Wasserfontänen nach oben spritzen und er mit einer Art Rechen-Schaufel tonnenweise grünen Schlick aus dem Wasser zieht, geben sie ihm manchmal sogar einen Tipp, wo er nachschneiden muss. Natürlich nicht ganz uneigennützig. Denn für Schwimmer sind die schnell wachsenden Unterwasserpflanzen nicht nur lästig – sondern manchmal auch gefährlich.

Zwei Männer retteten erst vor zwei Tagen eine 76-Jährige

Erst vor zwei Tagen wäre eine 76-jährige Schwimmerin im Weßlinger See im Kreis Starnberg fast ertrunken, weil sie sich in Wasserpflanzen, vermutlich im sogenannten Tausendblatt, verfangen hatte. Die Frau hat in Panik genau falsch reagiert – und sich erst dadurch in Gefahr gebracht. Durch Versuche, die Pflanzen von den Beinen abzuschütteln, verhedderte sie sich immer mehr und konnte sich nicht mehr befreien. Doch sie hatte großes Glück. Dominik Magyar (17) und Laurenz Mehl (18) hörten ihre Hilfeschreie, schnappten sich ein Surfbrett, befreiten die Frau und brachten sie sicher ans Ufer, wo sie sie gemeinsam mit einem Pärchen aus Gilching versorgten, bis der Krankenwagen kam. Die beiden Freunde wollten am See eigentlich ihre Abschlussprüfung feiern. „Wir sind einfach dankbar, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren“, sagen sie am Tag danach.

Die beiden Lebensretter: Dominik Magyar und Laurenz Mehl.

Situationen wie diese gebe es immer wieder einmal in bayerischen Seen, sagt Horst Auer, Sprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). In den allermeisten Fällen gehen sie glimpflich aus. Gefährlich wird es erst, wenn die Schwimmer in Panik geraten und beginnen, wild zu strampeln, erklärt er. „Dadurch verheddern sich die Pflanzen immer mehr um die Beine und es fühlt sich an, als würde man nach unten gezogen werden.“ Auer rät: Ruhe bewahren, die Beine so ruhig wie möglich halten, einmal tief Luft holen, abtauchen und die Pflanzen vorsichtig abstreifen.

„Es gibt im Freistaat keine gefährlichen Unterwasserpflanzen, die Gifte enthalten“

Auch der Landesfischereiverband kann die bayerischen Schwimmer beruhigen. „Es gibt im Freistaat keine gefährlichen Unterwasserpflanzen, die beispielsweise Nesseln oder Gifte enthalten“, betont Johannes Schnell, Leiter des Referats Fischerei, Gewässer- und Naturschutz. Aber eine fremde Wasserpflanzenart ist in Bayern heimisch geworden: das sogenannte Nixkraut. „Es wächst zum Beispiel im Ammersee, hat eine stachlige Struktur am Blattrand und kann zu Hautrötungen führen“, sagt Schnell. Schlimmeres haben Schwimmer nicht zu befürchten – solange sie sich an den Rat der Rettungsschwimmer halten und die Ruhe bewahren.

Ganz ersparen können die Gemeinden den Naturschwimmern die Wasserpflanzen aber nicht. „Denn sie erfüllen eine wichtige Aufgabe“, erklärt Schnell. „Sie zeigen an, wie nährstoffarm oder -reich ein Standort ist, beeinflussen den Sauerstoffgehalt im Wasser durch die Fotosynthese und sind für viele Wassertiere Nahrung, Versteck oder Laichsubstrat.“ Aber selbst, wenn die Gewässer die Pflanzen nicht so dringend brauchen würden, auf lange Sicht kommen selbst Spezialisten wie Jürgen Sepp nicht gegen sie an. Je nach Sonneneinstrahlung und Nährstoffeinträgen können die Pflanzen bis zu 20 Zentimeter pro Tag nachwachsen. Deshalb ist Sepp auf vielen Seen in Bayern zweimal pro Jahr im Einsatz. Wenn sich die Gemeinden das leisten wollen – denn ein Mähboot-Einsatz kostet täglich etwa 1500 Euro. „Manche Gemeinden beschränken sich deswegen auf einmal Mähen pro Sommer“, sagt er. Für seinen Lieblingsarbeitsplatz, den Weßlinger See, gilt das nicht. Dort wird immer im Mai und dann im Juli noch einmal gemäht. In wenigen Tagen haben dort die Schwimmer also wieder erst einmal ihre Ruhe vor den Unterwasserpflanzen.

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