Wegen Bauarbeiten

Der Forggensee ist trockengelegt

Füssen – Der Forggensee gibt seine Geschichte preis: Wegen Bauarbeiten war der See dieser Tage fast trockengelegt – zum Vorschein kamen alte Mauern, skurrile Bäume und sogar eine Römerstraße.

Der Forggensee bei Füssen hat sich in eine Mondlandschaft verwandelt, das Kraftwerk ist abgeschaltet, die Schiffe liegen an trockenen Ufern. Grund dafür sind Wartungsarbeiten durch Eon an der Staumauer, die in diesem Jahr größer ausfallen. Und nun gibt der See, angelegt 1952 und heute der größte süddeutsche Wasserspeicher, eine versunkene Welt preis, die seine Wassermassen sonst verbirgt: Man entdeckt einen Teil des Verlaufs einer Römerstraße samt einer Brücke. Alte Baumstümpfe zeugen von früheren gewaltigen Abholzungen. Auch die Wände der schroffen Illasschlucht werden erkennbar.

Bei dem auf der Luftaufnahme deutlich sichtbaren Straßendamm handelt es sich um die Via Claudia Augusta, die von der Adria und den Ebenen des Po über die Alpen bis zur Donau führte und auch am römischen Licca, dem heutigen Lech, vorbeizog. Ein einmaliges Erlebnis ist das Begehen dieser schnurgeraden sonst versunkenen historischen Straße. Sogar eine mittelalterliche Brücke ist erkenn- und begehbar. Sie wird zur Überwindung des Tiefentalgrabens gebaut worden sein, der wiederum zur Illasschlucht führt. 1950, vor dem Bau des künstlichen Sees, gab es um die Schlucht einen regelrechten Kleinkrieg zwischen der Bayerischen Wasserkraftwerk AG (Bawag) und den Ortsansässigen. Der Lech war bis weit ins 19. Jahrhundert ein unverbauter Wildfluss aus den Alpen, dessen Tal zwischen markanten Einengungen Illasschlucht und Litzauer Schleife und weiten Heideräumen in Regionen des heutigen Forggensees und des Lechfelds zwischen Landsberg und Augsburg wechselte. Ab 1940 begann die Bawag (heute Eon Wasserkraft GmbH) mit dem beinahe kompromisslosen Totalausbau des Lechs, der heute mit allein 20 Staustufen zwischen Füssen und Augsburg als der am dichtesten verbaute Fluss Bayerns gilt. Ortsansässige Bauern und Naturschützer versuchten 1954 ein Überfluten der Illasschlucht zu verhindern.

Vor allem Professor Otto Kraus, damaliger Leiter der Bayerischen Landesstelle für Naturschutz und „erster amtlicher Naturschützer Bayerns“, setzte sich für die Erhaltung dieser landschaftlich einmaligen Schlucht ein, konnte aber die Zerstörung nicht verhindern. Es wird berichtet, dass Kraus bei Bekanntgabe der Überflutung der Illasschlucht während einer Vorlesung vor seinen Studenten in Tränen ausbrach.

Ein wenig gespenstisch wirken auch die deutlich erkennbaren Grundmauern am Ostufer des Forggensees. Die ehemaligen Ortschaften Forggen (als Namensgeberin für den künstlichen See), Deutenhausen und Brunnen lagen vor dem Aufstau in den sehr fruchtbaren Lechauen, aber 50 Grundstücke, darunter 16 Bauernhöfe mussten sich einer Aussiedlung fügen.

Regina Wahl-Geiger

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