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Auf der Wülzburg in Franken war der junge Charles de Gaulles Kriegsgefangener.

Interview zum Gedenkjahr 2014

„Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“

München - Es wird nächstes Jahr ein mediales Großereignis werden: die Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle ruft die Schulen dazu auf, das Thema breit aufzugreifen.

-Wie sollen Schulen mit dem Thema Erster Weltkrieg umgehen?

Wir haben in einem Rundschreiben an alle Schulen angeregt, einen fächerübergreifenden Projekttag zu veranstalten. Ich lege Wert darauf, dass sich alle weiterführenden Schulen ab der Mittelstufe beteiligen, also auch die Mittelschulen und berufliche Schulen. Diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts lässt sich in vielen Fächern thematisieren. Geeignet ist natürlich Geschichte, aber auch Sozialkunde und Kunst. Denken Sie nur an Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“, der im Deutsch-Unterricht aufgegriffen werden könnte. Die Schulen sollten das sehr breit anlegen. Wer eine Partnerschule in Frankreich hat, kann mit ihr vielleicht zusammenarbeiten.

-Die Fronten des Ersten Weltkriegs lagen nicht in Bayern. Wie kann man die Geschichte hier verorten?

Für die Schulen sind sicher die historischen Gedenkorte ganz wichtig. In fast jedem Dorf gibt es Kriegerdenkmäler und Gedenktafeln in Kirchen. Hier gibt es die Möglichkeit der Annäherung, indem man danach fragt, wer ist eigentlich in unserer Stadt gestorben, welche Lücken hat das gerissen? Lehrer sollten sich nicht scheuen, lokale Archive zu fragen, was sie zum Ersten Weltkrieg archiviert haben. In manchen Städten gibt es weitere Zugangs-Möglichkeiten. Zum Beispiel Weißenburg in Franken mit der Festung Wülzburg. Dort war der junge Charles de Gaulle 1918 als Kriegsgefangener, ihm ist von dort sogar die Flucht gelungen. Auch die Standorte ehemaliger Kriegsgefangenenlager, etwa Ingolstadt, Weißenburg oder Puchheim, bieten sich zur historischen Spurensuche an.

-Welche Aktivitäten gibt es noch?

Die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit veranstaltet im November gemeinsam mit dem Bayerischen Armeemuseum ein Symposium zu „Bayern und der Erste Weltkrieg“. Und der alljährliche Geschichts-Wettbewerb „Erinnerungszeichen“ von Kultusministerium und Bayerischem Landtag wird den Ersten Weltkrieg zum Thema haben. Schulen können Arbeiten einreichen. Teilnehmen sollen aber auch, ich betone das ausdrücklich, Oberstufen-Schüler der Gymnasien, die Beiträge aus W- und P-Seminaren einreichen können.

-Wie kann man junge Menschen für den Ersten Weltkrieg interessieren?

Am eindrucksvollsten ist natürlich der Besuch historischer Kriegsschauplätze. Wenn Schulen Klassenfahrten nach Frankreich veranstalten, ist das diesmal fast ein Muss. Ich war vor zwei Jahren mit meiner älteren Tochter, damals 15, in Verdun, dort, wo es das historische Händeschütteln zwischen Kohl und Mitterrand vor dem Beinhaus gab. Still standen wir vor den Bergen menschlicher Gebeine. Das war schon sehr ergreifend.

-Ab welchem Alter können Schüler mit dem Kriegsgrauen konfrontiert werden?

Ich denke, ab der Mittelstufe. Schülern, die 12, 13 Jahre oder älter sind, ist das Thema zuzumuten. Zu viel Vorsicht wäre falsch, zumal das Thema in vielen Familien ja durchaus noch präsent ist.

-Auch in der Ihren?

Ja. Als Jugendlicher habe ich Pont-à-Mousson in Lothringen besucht, wo mein Großvater im Ersten Weltkrieg in Stellung lag. Unsere Familie hat in den 1970er Jahren viele Frankreichfahrten gemacht und dabei auch oft an meinen Opa gedacht. Ich habe sehr, sehr viele Kriegerfriedhöfe gesehen – an der Somme, im Elsass, in Verdun, in den Vogesen. Wir haben auch noch eine alte Pickelhaube. Meine Oma wiederum hat mir viel über die Revolutionskämpfe in München 1919 erzählt, sie wohnte in der Lindwurmstraße, zwischen Sendlinger Tor und Poccistraße. Sie sah, wie die weißen Truppen in der Residenz gegen die Roten kämpften. Diese Geschichte gehört übrigens unbedingt dazu. Ich plädiere dafür, die Epoche 1914 bis 1919 im Ganzen zu betrachten.

Das Interview führte Dirk Walter

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