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Im Blitzlichtgewitter der Fotografen zeigte sich Josef Scheungraber (li.), hier neben seinem Verteidiger Rainer Thesen, relativ gelassen .

Lebenslange Haft für Kriegsverbrecher

Ein Urteil mit Symbolkraft

München – Wegen zehnfachen Mordes und versuchten Mordes verurteilte das Landgericht München I gestern Josef Scheungraber (90) zu lebenslanger Haft. Mit der Verurteilung des Ottobrunners geht einer der letzten Kriegsverbrecher-Prozesse zu Ende.

Nach elfmonatiger Verhandlungsdauer war das Gericht zu der Auffassung gekommen, dass es Josef Scheungraber war, der 1944 den Befehl gab, ein Haus im italienischen Cortona zu sprengen, in das vorher elf italienische Zivilisten getrieben worden waren.

Für viele war die gestrige Urteilsverkündung ein historisches Ereignis. Eines, das Emotionen hochkochen ließ und Anlass zu hitzigen Diskussionen gab. Schon morgens versammelten sich Menschen vor dem Justizgebäude an der Nymphenburger Straße , wo der Arbeitskreis „Angreifbare Traditionspflege“ eine Kundgebung organisiert hatte: um auf die Opfer des Massakers aufmerksam zu machen, um Gerechtigkeit zu fordern.

Auch Angehörige der Getöteten sowie der Bürgermeister der Gemeinde Cortona, Andrea Vignini , sind zugegen. Männer und Frauen halten Schilder mit Namen der Opfer in die Kameras unzähliger Journalisten. „Seit 65 Jahren warten wir auf Gerechtigkeit“, ruft Vignini ins Mikrophon.

Damals, im Juli 1944, kam es in der Toskana zu einem Racheakt deutscher Wehrmachtsoldaten. Nachdem zwei Soldaten des Gebirgs-Pionier-Bataillons 818 von Partisanen überfallen und getötet worden waren, trieb das Bataillon elf italienische Zivilisten in ein Bauernhaus des Weilers Falzano di Cortona und sprengte das Haus in die Luft. Nur ein 15-Jähriger überlebte. Den Befehl dazu hat nach Auffassung des Gerichts der einzig anwesende Offizier, Josef Scheungraber , gegeben. Von dem Vorwurf, auch für die Erschießung vier weiterer Männer verantwortlich zu sein, sprach das Gericht den Ottobrunner aus Mangel an Beweisen frei.

Einen Schuldspruch, den hatte sich Margherita Lescai gewünscht. Zusammen mit ihrer Cousine Angiola Lescai trat die 66-Jährige als Nebenklägerin in dem Prozess auf. Ihr Vater war einer der Männer, die damals in dem Bauernhaus in Falzano starben. „Wir fordern einzig Gerechtigkeit“, schallen ihre Worte auf italienisch noch vor der Urteilsverkündung über den Platz des Gerichtsgebäudes. „Unser Leben wird jetzt heiterer sein“, sagt sie nach dem Prozess erleichtert.

Gerechtigkeit für die Opfer und den Ort Cortona forderten Demonstranten vor der Urteilsverkündung.

Während der Vorsitzende Richter Manfred Götzl die Urteilsbegründung verliest, sucht Lescai dennoch immer wieder Blickkontakt zu Scheungraber. Fast so, als hoffe sie immer noch auf ein Geständnis, eine kleine Geste der Entschuldigung, wenigstens auf einen Augenaufschlag von Scheungraber persönlich. Der jedoch bleibt beinahe regungslos. Meist blickt er zu Boden, hin und wieder blinzelt er durch den Raum oder greift an sein Hörgerät. Fast wirkt er gleichgültig. „Ich habe dazu nichts zu sagen“, sagt er nach dem Prozess knapp. Der 90-Jährige hatte in den vergangenen elf Monaten stets erklärt, nichts von diesem Racheakt mitbekommen zu haben.

Scheungrabers Verteidiger sind dafür umso aufgeregter über das Urteil. Zuvor hatte Verteidiger Klaus Goebel die Demonstranten noch als „vom Hass zerfressen“ bezeichnet und dafür empörte Zwischenrufe aus dem Zuschauerraum geerntet. Jetzt muss er deren begeisterten Applaus über das Urteil ertragen – bis Richter Götzl streng zur Ruhe mahnt und mit der Urteilsbegründung beginnt.

Er erklärt, dass Scheungraber persönlich sehr betroffen gewesen sei über den Tod seiner beiden Soldaten. Deshalb, und weil sich auch in der Truppe Wut und Hass darüber breit gemacht hatte, habe Scheungraber seine Vorgesetzten um einen Befehl zum Vergeltungsschlag gebeten. Das Gericht sah das Mordmerkmal der „niedrigen Beweggründe“ als erfüllt an . Für den Tod der Soldaten hätten laut Götzl „völlig unschuldige Opfer leiden und ihr Leben lassen müssen“.

„Wir müssen das Urteil erst einmal verdauen“, sagt eine Ottobrunnerin nach dem Prozess erschüttert. Andere bekunden offen Zufriedenheit. Wie der Neffe des 90-Jährigen, Heinrich Schwarzmayr. Klare Worte richtete der auch an den Ottobrunner Bürgermeister und die Gemeinderäte: „Feige“ sei es und „verantwortungslos“, dass keiner von ihnen erschienen ist. Scheungrabers Verteidiger wollen in Revision gehen. Bis darüber entschieden ist, bleibt der Rentner auf freiem Fuß, da keine Fluchtgefahr besteht. Die Symbolkraft des Urteils ist für Cortona und seine Bewohner jedoch von großer Bedeutung. Den gestrigen Tag wollen sie zum Ehrentag für die Opfer ausrufen.

Von Claudia Bauer

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