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Dicker Fang: Die sichergestellten Hüfttaschen mit 400 Fünfhunderter-Scheinen.

Schwarzgeld-Express in voller Fahrt 

Lindau/Ulm - Versteckt in Hüfttaschen hat ein Vater mit seinem Sohn versucht, 200 000 Euro am Lindauer Bahnhof über die Grenze schmuggeln. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf den anhaltend hohen Schwarzgeldtransfer aus der Schweiz und die offenbar drastisch blühende Steuerhinterziehung.

Der 81-Jährige und sein Sohn (51) lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie sitzen am Dienstag in der Bahnhofshalle in Lindau auf einer Bank und beantworten die Fragen der Zollbeamten. Aus Hamburg kämen sie und seien auf einem Kurzurlaub in Zürich gewesen. Nein, nein, Bargeld hätten sie keines dabei. Der geübte Blick des Zöllners fällt auf die leichte Wölbung an den Oberschenkeln des 51-Jährigen. Später auf der Wache muss er die Hosen runterlassen: Er trägt zwei versteckte Taschen mit 400 Fünfhunderter-Scheinen – Gesamtbetrag: 200 000 Euro.

Es ist ein dicker Fang für die Beamten vom Zollamt Ulm gewesen, wenngleich kein ungewöhnlicher. Die Ehefrau des 81-Jährigen war gestorben. In ihrem Testament entdeckten die überraschten Hinterbliebenen ein Schweizer Auslandskonto. Sie beschlossen, das Geld abzuheben und mit dem sogenannten Schwarzgeld-Express – mit großer Wahrscheinlichkeit am Fiskus vorbei – heimzubringen.

Schon lange nennen Zollfahnder den Eurocity von Zürich nach Lindau „Schwarzgeld-Express“. Nicht selten finden sie Koffer voller Geld; viele Fernsehteams haben die Beamten schon begleitet. Die Ausbeute der Ulmer Zöllner ist dabei seit Jahren gleichbleibend hoch: Eine Million Euro an Bargeld fischen die Fahnder im Jahr aus Fahrgasttaschen. Meist sind die Beträge fünfstellig zwischen 10 000 und 70 000 Euro, sagt der Sprecher des Ulmer Hauptzollamtes, Hagen Kohlmann.

Nach seinen Angaben werden rund 20 Schwarzgeld-Schmuggler im Monat im Bereich Lindau erwischt. Zwischen Rheinfelden und Frankreich ertappten die Beamten des Zollamtes Lörrach vergangenes Jahr 279 Autofahrer und Fahrgäste mit insgesamt 2,8 Millionen Euro in ihren Taschen oder Handschuhfächern.

Bis 10 000 Euro drückten die Finanzämter ein Auge zu – bis zu diesem Betrag darf man die Scheine bündelweise über die Grenze tragen. Darüber muss der Transfer gemeldet werden. Die Bußgelder sind – parallel zum Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung – hoch: Der Vater und sein Sohn aus Hamburg werden nach Einschätzung Kohlmanns 20 Prozent der geschmuggelten 200 000 Euro bezahlen müssen.

Alarmierend für die Steuerbehörden dürfte sein, wie drastisch das auf Schweizer Konten gebunkerte Geld deutscher Bürger angewachsen ist. Zöllner finden nämlich nicht nur Bargeld sondern auch Sparbücher und Kontoauszüge. Vor fünf Jahren summierte sich das Vermögen von kontrollierten Schwarzgeld-Express-Fahrgästen noch auf jährlich 50 Millionen Euro. Zuletzt war es auf 700 Millionen Euro im Jahr angewachsen. Der Fiskus prüft die gefunden Auszüge ganz genau.

Die Steuersünder stolpern dabei oft über ihre Selbstgefälligkeit. Viele finden es schnöde, einfach bei der Bank anzurufen, weiß Kohlmann aus Vernehmungen. Sie fahren lieber persönlich hin, gerne mit Frau oder Freundin – und lassen sich vom Bankchef mit einem Glas Schampus empfangen. „Den Kontostand nachzusehen, ist für diese Leute ein Stück Lebensqualität“, sagt Kohlmann. Der Auszug wird dann wie eine Trophäe nach Hause getragen.

Stefan Mühleisen

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