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Eine Patientin in einem Krankenhaus. Wer chronisch krank ist, soll trotzdem in Teilzeit arbeiten, fordern Sachverständige. Der VdK findet das empörend.

Zusatzbeiträge und Teilzeit-Krankschreibung

VdK kritisiert Härten im Gesundheitssystem

München - Zusatzbeiträge für Versicherte, Pläne für eine Teilzeit-Krankschreibung – der Sozialverband VdK warnt vor neuen Schieflagen im Gesundheitssystem und mahnt soziale Gerechtigkeit an.

Im Dezember jagt eine Hiobsbotschaft die andere. Die beiden großen Krankenversicherungen Techniker und AOK werden zu Jahresbeginn von den Versicherten Zusatzbeiträge erheben (wir berichteten) – jeweils 0,2 Prozentpunkte. Es seien, gerechnet bei einem Bruttomonatsverdienst von 3000 Euro, zwar „nur“ sechs Euro im Monat. Aber, so warnt VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher: Dies sei nur der Anfang. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen gehe davon aus, dass die Zusatzbeiträge bis 2019 auf 1,4 bis 1,9 Prozentpunkte steigen würden. Die Zusatzbeiträge seien ein Symptom eines kränkelnden Gesundheitssystems, sagt Mascher. Es werde zunehmend sozial ungerecht. Konkret bedeutet das laut VdK: Der Zusatzbeitrag müsse künftig paritätisch finanziert werden, das heißt zu gleichen Teilen von Arbeitnehmern und -gebern.

Ein weiteres Beispiel für Schieflagen im System: die aktuelle Diskussion um den Bezug von Krankengeld, das es in der Regel gibt, wenn ein Arbeitnehmer mehr als sechs Wochen krankgeschrieben ist. Am Montag veröffentlichte der Sachverständigenrat, der im Auftrag von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) Vorschläge zur Eindämmung der steigenden Bezüge erarbeiten soll, den Vorschlag einer Teilzeitkrankschreibung: Arbeitnehmer, die längerfristig chronisch erkrankt sind, sollen beispielsweise zu 25 oder 50 Prozent arbeiten – so dass das Krankengeld gekürzt werden könnte. Mascher ist alarmiert: Der VdK lehne das kompromisslos ab. Ein Patient könne doch „nicht darüber verhandeln, wie krank er ist“. Die Krankengeld-Kosten könnten nur durch Prävention und mehr Therapieplätze für psychisch Kranke (die einen hohen Anteil der Krankengeld-Bezieher ausmachen) gesenkt werden.

Besonders betroffen von den steigenden Gesundheitsausgaben seien die Rentner: Altersarmut lasse sich „auch im vermeintlich reichen Bayern nicht mehr wegdiskutieren“, sagte Mascher. Die Altersgruppe der über 65-Jährigen trage das höchste Armutsrisiko, 22,5 Prozent der Rentner und Pensionäre seien laut Sozialministerium armutsgefährdet. Um so dringlicher seien neue Initiativen der CSU-Staatsregierung: So habe Bayern bei den Pflegestützpunkten, wo sich Patienten und Angehörige kassenunabhängig Rat holen können, großen Nachholbedarf: In Bayern gebe es nur neun Stützpunkte, in Baden-Württemberg hingegen sei der Ausbau auf 72 Anlaufstellen beschlossen. Auch die Palliativversorgung sei eine Herausforderung: „Hier ist vieles möglich, was aber in Bayern nicht angeboten wird.“ Infolgedessen sterben 46 Prozent der über 64-jährigen Bayern in Krankenhäusern, nicht (wie häufig gewünscht) zu Hause. In Baden-Württemberg liege der Anteil nur bei 41 Prozent. Für 2016 kündigte der VdK die Kampagne „Weg mit den Barrieren“ an. Mitglieder sollen vor Ort melden, wo Barrieren für Behinderte lauern. Dem Versprechen von Ministerpräsident Horst Seehofer, Bayern bis 2023 barrierefrei zu machen, müssten Taten folgen.

Der VdK hat erneut einen Mitgliederrekord zu verzeichnen: Allein in diesem Jahr wurden bisher über 43 000 Neuzugänge gewonnen, damit steigt die Mitgliederzahl auf über 653 000, sagte Landesgeschäftsführer Michael Pausder. Dabei ist das Durchschnittsalter leicht gesunken, es liege bei etwa 60 Jahren.

Allein in München gibt es 52 000 Mitglieder. Stark ist der VdK aber vor allem auf dem Land – Spitzenreiter ist hier der Landkreis Regen. Hauptgrund für den Beitritt ist die Rechtsberatung, sagte Pausder. Vor Gericht wurden für die Mitglieder fast 23 Millionen Euro an Nachzahlungen erstritten.

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