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Die Stütze im Alltag: Jacqueline Grados hilft Rosemarie und Reiner Rahm im Haushalt. Thomas Oeben und sein Verein „Dein Nachbar“ haben den Kontakt vermittelt.

Gemeinnütziger Verein „Dein Nachbar“

Netzwerk gegen den Pflegemangel

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München - Der Verein „Dein Nachbar“ bringt Ehrenamtliche und Hilfsbedürftige zusammen. Wer Pflege oder Unterstützung braucht, bekommt über das digitale Netzwerk kostengünstige Hilfe. Immer mehr Landkreise wollen sich an dem Konzept beteiligen. Denn es könnte den Pflegekräftemangel lindern.

Reiner Rahm hat jede Woche einen Lieblingstag. Den Jacky-Tag. An Jacky-Tagen wird viel gelacht, gut gegessen – und meistens ist die Wohnung abends immer besonders aufgeräumt. Jacky-Tage gibt es einmal pro Woche. Immer dann, wenn Jacqueline Grados die Rahms in ihrer Wohnung in Laim besucht. Um die beiden Rentner im Haushalt zu entlasten. Beide haben gesundheitliche Beschwerden, Reiner Rahm ist auf Gehhilfen angewiesen. Der Haushalt, das Einkaufen, der Alltag – dem 74-Jährigen und seiner Frau ist das alles irgendwann zu viel geworden. „Ich wollte, dass meine Frau entlastet wird“, erzählt Rahm. Durch Zufall hat er damals von dem gerade neugegründeten Verein „Dein Nachbar“ erfahren. Ein paar Telefonate später hat er Jacky kennengelernt.

„Hallo, mein Schatz“ – so begrüßt Jacqueline Grados den 74-Jährigen jedes Mal. Dazu gehört eine herzliche Umarmung. Rosemarie Rahm steht daneben, beobachtet, wie sich ihr Mann freut – und freut sich mit. Sie hat die 46-jährige Peruanerin genauso ins Herz geschlossen wie er. „Es haben sich viele Gefühle entwickelt“, erzählt Jacqueline Grados. Sie kommt schon lange nicht mehr nur zum Helfen zu den Rahms – sie kommt zu Freunden. „Wie hast Du heute geschlafen?“, fragt sie Reiner Rahm und setzt sich neben ihn aufs Sofa. Ein festes Ritual: Egal, wie viel es an Jacky-Tagen zu tun gibt – erstmal wird eine halbe Stunde geratscht.

Jacqueline Grados war eine der ersten ehrenamtlichen Helferinnen, die Thomas Oeben 2015 für seinen Verein gewinnen konnte. „Dein Nachbar e.V.“ unterstützt ältere Menschen, Hilfsbedürftige und pflegende Angehörige. Dahinter steht eine Idee, die mit dem demografischen Wandel immer größere Bedeutung bekommt. Bis 2030 wird die Zahl der hilfsbedürftigen Senioren in Deutschland um 37 Prozent steigen. Gleichzeitig sinkt die Zahl der potenziellen Helfer im Alter zwischen 50 und 65 Jahren um 34 Prozent. „Diese Versorgungslücke kann die jüngere Generation nicht schließen“, sagt Oeben. Da setzt seine Idee an. „Dein Nachbar“ ist ein Netzwerk, das Hilfsbedürftige und ehrenamtliche Helfer zusammenbringt.

Spaß bei der Arbeit: Jacky unterstützt Rosi Rahm unter anderem beim Wäsche waschen.

Begonnen hat der Logistik-Experte mit einem Pilotprojekt in München. In der bayerischen Landeshauptstadt wird die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden 13 Jahren um 31 Prozent steigen. Ähnlich ist die Entwicklung im Umland: Auch in den Landkreisen München, Ebersberg oder Fürstenfeldbruck entwickelt sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 laut Prognosen um 70 Prozent oder mehr nach oben. Deshalb haben der Gräfelfinger Oeben und sein Team ihr Netzwerk längst ausgeweitet. Aus vielen bayerischen Städten und Gemeinden hat er Anfragen bekommen. Nun ist er auf der Suche nach Investoren, die helfen würden, dort Niederlassungen aufzubauen. „Unser Ziel ist es, in den kommenden zehn Jahren ein deutschlandweites flächendeckendes Netzwerk aufzubauen.“

Inzwischen gehören mehr als 240 Ehrenamtliche zu dem gemeinnützigen Verein. Sie entscheiden selbst, wie sehr sie sich für Hilfsbedürftige engagieren wollen. Nach dem Aufnahmegespräch tragen sie in der digitalen Datenbank ein, ob sie im Haushalt oder Garten helfen, einkaufen gehen, Fahrdienste anbieten, zum Spielen oder Ratschen kommen oder pflegerische Tätigkeiten übernehmen. Dafür werden sie von Pflegefachkräften intensiv geschult. Für ihren Einsatz bekommen sie eine Aufwandsentschädigung. Oder sie können Punkte sammeln. „Diese Punkte werden auf einem Vorsorgekonto angespart“, erklärt Oeben. „Die Ehrenamtlichen können damit bei Bedarf selbst Leistungen in Anspruch nehmen oder sie anderen zur Verfügung stellen.“

Auch die Hilfsbedürftigen geben bei der Kontaktaufnahme an, welche Unterstützung sie brauchen. Der Verein kann alle Leistungen mit den Pflegekassen verrechnen und dank der Ehrenamtlichen für nur 12,80 Euro pro Stunde anbieten. Das System hat Vorteile für alle Seiten, findet Oeben. Hilfsbedürftige fühlen sich nicht als Bittsteller, auch finanziell schlechter gestellte Menschen können Hilfe in Anspruch nehmen, Angehörige werden entlastet, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger oder Rentner, die nicht untätig sein wollen, können sich einbringen. „Für viele Menschen ist das Netzwerk ein Ausweg aus der Isolation.“

Anfangs hat es sie etwas Überwindung gekostet, sich von einer Fremden im Haushalt helfen zu lassen, erzählt Rosi Rahm. Heute ist sie ihrem Mann dankbar, dass er sie überredet hat. Jackys Hilfe tut auch der Seele gut. Neulich nach dem Bügeln haben sie gemeinsam zu La Bamba getanzt. Nie hätte die 72-Jährige gedacht, dass Hausarbeit so viel Spaß machen kann.

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