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Sein aktuelles Lieblingsprojekt: Bayerns ehemaliger Generalkonservator Egon Johannes Greipl vor dem Wirthaus.

Denkmalschutz

Verein will altes Wirtshaus retten: Die Zeitreisen des Egon Johannes Greipl

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Passau - Vor gut drei Jahren hat sich Bayerns oberster Denkmalschützer Egon Johannes Greipl in den Ruhestand verabschiedet. Doch ihm kam wieder einmal die Vergangenheit dazwischen – in Form eines alten Wirtshauses.

Das linke Foto zeigt das Wirtshaus Zur Fels’n Ende der 60er-Jahre

Die Tür zur Vergangenheit könnte unscheinbarer nicht sein. Schlichter, grauer Stahl. Als würde sie in einen Baustellen-Container führen. Es ist eine provisorische Tür. Aberfür Egon Johannes Greipl ist es die Tür zu einer Schatzkammer. Er sperrt sie mehrmals wöchentlich auf. Und wenn er dann den Raum dahinter betritt, sieht er die Vergangenheit und die Zukunft gleichzeitig. Eine Fähigkeit, die vielleicht nur Denkmalschützer besitzen. Greipl war 14 Jahre lang Bayerns oberster Denkmalschützer. Bei ihm ist dieses Talent also besonders ausgeprägt.

Sein aktuelles Lieblingsgebäude ist ein mehr als 500 Jahre altes Wirtshaus. Das älteste schriftlich belegte Wirtshaus in Passau. Seit 2012 steht es leer und verfällt. 2013 ist Greipl in den Ruhestand gegangen und zurückgezogen in seine Heimatstadt Passau. Ein bisschen scheint es, als hätte das alte Haus nur auf ihn gewartet.

Das Wirtshaus Zur Felsn ist 500 Jahre alt. Egon Greipl will es retten. 

Es riecht modrig im Innenraum. Nach feuchten Wänden. Dicke Spinnweben hängen in den Ecken, der Steinfußboden ist von einer Staubschicht überzogen. Eine einsame Schubkarre steht in dem sonst völlig leeren Raum. Egon Johannes Greipl sieht etwas anderes: Alte Holztische und Wände, die von unzähligen gerahmten Schwarz-Weiß-Fotos verdeckt werden. Er hört die Männer am Stammtisch lebhaft diskutieren, sieht eine Bedienung, die sich mit Maßkrügen durch den vollen Raum kämpft. Und dann hat er noch ein Bild vor Augen: Sauber verputzte Wände, neue Holztische. Er sieht eine Passauer Großfamilie, die hier in gemütlicher Runde einen Geburtstag feiert. Greipl sieht, was war und was sein könnte – wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen. „Sie gehören untrennbar zusammen.“

Er hatte nicht geplant, direkt zum Einstieg in seinen Ruhestand einen Schatz zu finden. Eigentlich wollte er sich ganz auf die Gegenwart konzentrieren. Mehr Zeit haben. Für seine Frau, für Bücher, die Jagd, für sein Mandat im Passauer Stadtrat. Doch wieder mal war der Zauber der Vergangenheit zu stark.

Geschichte reicht bis ins Jahr 1647

Die Wirtsstube nach 1897: Damals war das Haus Treffpunkt für viele Passauer Bürger.

Das Wirtshaus „Zur Fels’n“ hat eine lange Geschichte. Sie reicht zurück bis zu einem Kaufvertrag aus dem Jahr 1647. Seinen Namen verdankt es dem unmittelbar benachbarten mächtigen Granitfelsen. Es hat die Blütezeit des Passauer Handels miterlebt. Säumer, Fuhrleute und Händler, die von Böhmen kamen oder dorthin zogen, kehrten hier ein. Im frühen 20. Jahrhundert fand im Obergeschoss des Nebengebäudes die Volksbibliothek eine Unterkunft. Häufig wechselten Besitzer und Pächter – bis 1999. Seit damals bewohnte die letzte Eigentümerin das Haus unter bescheidenen Lebensbedingungen. Sie ware eine stolze, immer adrett gekleidete Dame. 2012 wurde sie tot in dem Haus gefunden. Es gab keine Erben, das Gasthaus ging in den Besitz des Freistaats über. Kaum ein Jahr später wurde es von einem Hochwasser schwer beschädigt. „Seit damals war die gesamte Einrichtung nicht mehr brauchbar“, erzählt Greipl. Das Wasser stand bis in den ersten Stock. Als der 68-Jährige zum ersten Mal in dem alten Wirtshaus stand, bot sich ihm ein furchtbares Bild. Trotzdem hat Greipl gleich erkannt, dass das Gebäude zu retten ist. Er hat in seinem Leben für genug Baudenkmäler gekämpft, um zu wissen, was möglich ist.

Verein Felsenfreunde gegründet

Gemeinsam mit sieben anderen Passauern gründete er den Verein Felsenfreunde. Inzwischen sind es 50 Mitglieder. Für 16.000 Euro haben sie das Gebäude dem Freistaat abgekauft. Die Instandssetzungskosten belaufen sich auf 900.000 Euro. 200 000 Euro davon bringt der Verein auf – mit Spenden und ein Bankdarlehen. Von öffentlichen, denkmalrelevanten Fördergebern werden 700.000 Euro erwartet. Das Ziel der Felsenfreunde: Sie wollen das alte Wirtshaus erhalten, denkmalgerecht in Stand setzen und für alle Passauer zugänglich machen. „Im ersten Stock soll eine familiengerechte und bezahlbare Wohnung entstehen“, erklärt Greipl. Die ehemaligen Gasträume im Erdgeschoss werden ein Stadtteiltreff und sollen für Veranstaltungen wie Vereins- oder Familienfeiern zur Verfügung stehen. Das Haus soll wieder mit Leben gefüllt werden, Vergangenheit und Gegenwart sollen eins werden. Das Haus soll ein Aushängeschild für Passau werden.

„Es ist das Entrée unserer Stadt“

Eine Baustelle: Das Hochwasser hat große Schäden angerichtet. Die Wirtsstube muss komplett restauriert werden.

Im Augenblick ist es alles andere als das. Das große Gebäude mit der abgeblätterten schmutzig-gelben Fassade steht direkt an der B 12. „Jeder der auf dem Weg aus dem oder in den Bayerischen Wald ist, kommt direkt hier vorbei“, sagt Greipl. „Es ist das Entrée unserer Stadt.“ Daraus ein Entrée zu machen, das ist die Herausforderung. Selbst für jemanden mit so langjähriger Denkmalschutz-Erfahrung wie Egon Johannes Greipl. „Das ist auch für mich eine neue Erfahrung“, sagt er lächelnd. „Ich sitze bei den Besprechungen mit dem Landesamt für Denkmalschutz nun auf der anderen Seite des Tisches.“

Er sitzt gerne dort, auch wenn das nie der Plan für den Ruhestand war. Besonders überraschend ist es trotzdem nicht. Schließlich hat Greipl schon sein ganzes Berufsleben lang gesagt, dass Vergangenheit und Gegenwart untrennbar sind. Er ist immer viel zu gerne durch die Epochen spaziert, um damit aufzuhören, nur weil er nicht mehr Bayerns Generalkonservator ist. „Wandel gehört zum Leben dazu“, sagt er. Wandel ist nichts Schlechtes, so lange es dabei nicht nur um Profit geht, findet er. Im Falle des Gasthauses Zum Fels’n bedeutet Wandel sogar Zukunft.

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