Verhungerte Sarah: Jugendamt wusste von Problemen

Nürnberg - Angeklagt wegen Mordes an der dreijährigen Sarah ist der Vater, aber am Donnerstag stand im Prozess um den Hungertod des Mädchens das zuständige Jugendamt im Fokus. Hätte die Behörde Schlimmeres verhindern können?

Im Prozess um die verhungerte dreijährige Sarah aus dem fränkischen Thalmässing hat das Gericht am Donnerstag die mögliche Mitverantwortung des zuständigen Jugendamtes für den Tod des kleinen Mädchens ausgeleuchtet. Der betreuende Mitarbeiter, eine leitender Pädagoge vom Landratsamt Roth, räumte dabei vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth ein, von Problemen in der Familie gewusst zu haben. Angeklagt ist der Vater des Mädchens; ihm wirft die Staatsanwaltschaft gemeinschaftlichen Mordes und Misshandlung Schutzbefohlener vor. Der Jugendamtsmitarbeiter sagte weiter, es habe etliche anonyme Meldungen in dem Fall gegeben, sie seien aber nicht hieb- und stichfest genug gewesen, um behördlicherseits einzugreifen.

Der 45- Jährige betonte: Wenn er eine Möglichkeit gesehen hätte, hätte er die beiden Kinder - Sarah und ihren älteren Bruder - den Eltern weggenommen. Zeugen hatten allerdings den Eindruck, dass der Jugendamtsmitarbeiter die Situation in der Familie nicht ausreichend konsequent überprüft hatte. So habe er sich bei einem Überraschungsbesuch abschütteln lassen, weil niemand auf sein Klingeln öffnete. Nachgefragt etwa bei der Oma des Kindes habe er aber auch nicht, gab der Sozialpädagoge zu. Zudem habe er der Familie nie ein Frist für einen Kinderarztbesuch gesetzt. Die Mutter der dreijährigen Sarah war den Behörden seit längerem als Problemfall bekannt, denn schon einmal wurden ihr zwei Kinder entzogen - allerdings an einem anderen Wohnort. Trotz dieser Vorgeschichte sei ihm die Akte der Familie nur oberflächlich bekanntgewesen, sagte der 45-Jährige vor Gericht.

Bekannt sei ihm aber das ausschweifende Sexualleben der Mutter und die Tatsache gewesen, dass sie ihre Kinder zeitweise einsperrte, während sie Männer empfing. Ein Familienhelfer der Diakonie, der bis April 2007 die Familie betreute und regelmäßig zu Gast war, sagte am Donnerstag aus, dass er die vermüllte Wohnung und den wenig herzlichen Umgang in der Familie in Berichten ans Jugendamt beschrieben habe. Sarahs Eltern hätten sich aber wegen seiner Kritik von ihm getrennt. Auf eine akute Gefährdung des Kindswohls habe er gleichwohl nicht hingewiesen. Die Behörde hatte zwischenzeitlich stark in der Kritik gestanden. Die Staatsanwaltschaft hatte sogar gegen Mitarbeiter ermittelt; sie stellte das Verfahren dann aber ein, weil keine ausreichenden Anhaltspunkte für die Mangelernährung des Mädchens im Amt vorgelegen hätten.

Der Fall der kleinen Sarah hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt: Am 10. August 2009 war die Dreijährige in einer Klinik gestorben. Zu diesem Zeitpunkt wog sie nur 8,2 Kilogramm - normalerweise sind Kinder in ihrem Alter knapp doppelt so schwer. Den Ermittlern zufolge sollen die Eltern das Mädchen spätestens seit April 2009 nicht mehr ausreichend ernährt haben. In seiner Not hatte das Mädchen sogar Einmalwindeln aufgerissen und den Zellstoff gegessen. Der Mordprozess gegen den Vater, einen 30 Jahre alten Lkw-Fahrer, wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Ein Urteil wird für den darauffolgenden Donnerstag (25. November) erwartet.

dpa

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