"Deutsche Erfolge" in Schönschrift. Der Verfasser war ein Johannes Hansen, über den nichts weiter bekannt ist. Gefunden wurden die Tagebücher auf einem Dachboden von Hermann Puck in Murnau.

Serie: Erster Weltkrieg

Das Versagen der Intellektuellen

München - Deutschland im Krieg – das war die Stunde der Professoren. Mit Aufrufen beschwor Deutschlands Gelehrtenwelt 1914 nationale Einigkeit, so als könnten im Krieg die vielfältigen Herausforderungen der modernen Welt verschwinden.

"Sieg“ – das war der schlichte Titel eines Gedichtes, das am 29. August 1914 in der „Münchener Zeitung“ erschien. Eilig Gereimtes im Stil der Zeit. „Wir hatten rasch den Schlüssel, der euer Tor erbrach; Von Basel bis nach Brüssel, steigt Euch das Heer aufs Dach.“ Und so weiter. Das Gedicht ist nur ein Beitrag zu einer wahren Flut von Kriegsgedichten, die Dichtern und Denkern zwischen 1914 und 1918 aus der Feder floss. Geschätzt über eine Million Kriegsgedichte sind überliefert. Sie erschienen als Auftragsarbeit in den Zeitungen, sie wurden auch privat im Schützengraben verfasst.

Und sie sind ein Beispiel dafür, wie sich die „Ideen von 1914“ verbreiteten. Der Krieg als Chance – das war die Devise, der zum Beispiel auch der junge Münchner Historiker Karl Alexander von Müller folgte. Nie sei der „Wille unseres Volkes einheitlicher, gewaltiger, unüberwindlicher gewesen als beim Ausbruch des heutigen Krieges“, schrieb er im November 1914 in den damals vielgelesenen „Süddeutschen Monatsheften“. Auch jetzt, da „durch die kargen Worte der amtlichen Berichte ... Bäche von Blut“ rieselten, gelte es stark zu bleiben. „Die Einheit in uns ist noch eben so stark wie in den ersten Kriegstagen.“

Einheit, das war das Stichwort. Deutschlands Intellektuelle beschworen einen siegreichen Frieden, der innere Einheit bringen und die krisenhafte Moderne der Kaiserzeit mit ihren sozialen Spaltungen hinter sich lassen werde. Dahinter standen zwei konkurrierende „Konzepte zur Ordnung von Gesellschaft“, wie das der Historiker Ulrich Herbert ausgedrückt hat. Die moderne Gesellschaft, so meinten viele, sei zu komplex, um sie dem freien Spiel des Liberalismus und Individualismus auszusetzen. Besser sei ein anderes Konzept zur Bewältigung der Moderne – ein Konzept, das um die Begriffe Militär und Organisation kreiste und sich als „korporativer Staatssozialismus“ bezeichnen lässt. In diese Ideenwelt ordnete sich auch der Münchner Historiker von Müller ein, der kriegsuntauglich war und nun Aufsatz an Aufsatz reihte – sein Biograph Matthias Berg nennt das sein „publizistisches Augusterlebnis“. Es sei wichtig, erklärte von Müller, dass „in dem Chor von Stimmen, der jetzt in Deutschland die gewaltigen Ereignisse und Entwicklungen begleitet, auch München, Bayern würdig vertreten sein sollte“. In der Tat: Unter den 93 Unterzeichnern des Aufrufs „An die Kulturwelt“, der am 4. Oktober 1914 erschien, waren auch Münchner wie Lujo Brentano, Franz Stuck, Friedrich August von Kaulbach und Karl Vossler. Der Aufruf beschwor emphatisch die nationale Einigkeit und wandte sich gegen Schuldzuweisungen an Deutschland – O-Ton: „Es ist nicht wahr, daß Deutschland diesen Krieg verschuldet hat.“

Waren das noch vergleichsweise gemäßigte Stimmen, so radikalisierte sich ein Teil der Professorenschaft im Krieg zusehens. Angestachelt durch nationale Lobbygruppen – Alldeutscher Verband, Flotten-, Wehr- und Ostmarkenverein – lieferten sich die Gelehrten Schreibtischschlachten mit maßlosen Annexionsdenkschriften. Die Autoren, heute fast vergessen, waren damals Berühmtheiten: der Theologe Martin Spahn, die Historiker Otto Hoetzsch, Dietrich Schäfer, Otto von Gierke. Der Münchner von Müller engagierte sich 1916 im „Unabhängigen Ausschuß für einen deutschen Frieden“, später dann im „Volksausschuß für rasche Niederkämpfung Englands“ – die „rasche Niederkämpfung“ sollte durch einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg erreicht werden. Die Empörung über Englands Bündnis mit den russischen „Barbaren“ nahm sonderbare Züge an – der Würzburger Experimentalphysiker Wilhelm Wien, eigentlich ein besonnener Kopf, wandte sich per Aufruf gegen Englisch als Wissenschaftssprache. Auffallend sind die religiösen Bezüge – in kaum einem der Aufrufe fehlte die Versicherung, man sei sich seiner „Sache vor Gott gewiß“. Kaiser-Wilhelm-Bibeln, prachtvoll ausgestattet mit Sprüchen und Reden des Kaisers, kamen nun in Umlauf. Zahllose Schüler, angespornt durch ihre Lehrer, fieberten zu Hause mit und notierten Kaisers Aussprüche zusammen mit dem täglichen Kriegsverlauf handschriftlich in Tagebüchern, die sie mit Zeitungsausrissen schmückten. Der Krieg kam ins Kinderzimmer.

Müller ist ein gutes Beispiel, wohin solche Radikalisierung führen konnte: Er gehörte im Herbst 1917 zu den Mitbegründern der „Deutschen Vaterlandspartei“, die Forderungen nach einem gemäßigten Verständigungsfrieden bekämpfte. In der Weimarer Republik machte er als Professor für bayerische Geschichte Karriere, in der NS-Zeit wurde er ein Großwesir der Geschichtswissenschaft mit zahlreichen Ämtern. Nach 1945 – seiner wissenschaftlichen Stellung enthoben – reüssierte er mit Erinnerungsbänden. Reue über sein „publizistisches Augusterlebnis“ zeigte er nie.

Dirk Walter

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