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Bitte einsteigen: Helmut Müller vor dem verspätungsanfälligen Regionalzug.

Verspätungs-Protokoll eines Pendlers

München - Eine Zugfahrt von Weilheim nach München-Pasing dauert regulär 31 Minuten. Der Pendler Helmut Müller aus Weilheim war aber auch schon mal eineinhalb Stunden unterwegs. Das Protokoll eines entnervten Fahrgasts.

Vergangener Montag, kurz vor 6 Uhr früh: Helmut Müller kommt per Radl am Bahnhof Weilheim an, um den nächsten Zug zur Arbeitsstelle in München zu nehmen. Am Bahnsteig schwant ihm nichts Gutes: Ein Bekannter kommt dem IT-Spezialisten entgegen, erzählt etwas von einer großen Bahnpanne – wie sich später herausstellt, wurde mutwillig ein Signalkabel durchtrennt, es gibt bis zu eineinhalb Stunden Verspätung.

Müller fackelt nicht lange: Mit Radl fährt er zurück nach Hause, dann muss es eben heute das Auto sein ... Der 51-Jährige kennt das ja. Er ist von dem Pendeln mit der Bahn so frustriert, dass er ein tägliches Verspätungsprotokoll führt. Dieses zeigt: Es gibt kaum einen Tag, an dem der Zug nicht Verspätung hat. Müller notiert akribisch mit – und wenn der Zug auch nur eine Minute zu spät ist, es kommt ins Protokoll. „Es nervt einfach“, sagt der 51-Jährige. „Die meisten Leute haben aber resigniert und protestieren nicht.“ Müller hat alle denkbaren Verspätungsgründe erlebt: Mal schleicht der Regionalexpress hinter einer S-Bahn her, mal muss er den Gegenzug abwarten – denn die Bahnstrecke ist zum Teil eingleisig, weil der für den Ausbau zuständige Bund hier nicht investiert. Oft kommt der Zug schon verspätet in Weilheim an. Es gibt Weichenstörungen, defekte Loks, Bahnübergangsstörungen, spielende Kinder im Gleis und Signalstörungen.

Oft sind es „nur“ einige Minuten – aber es läppert sich. Der Zug raubt Helmut Müller doch beträchtliche Zeit. Im Januar zum Beispiel war es Richtung München-Pasing gut eine Stunde, abends zurück nach Weilheim insgesamt eineinhalb Stunden. Im April waren es nur 52 Minuten in Richtung München, beim Abendzug zurück nach Weilheim sogar nur 26 Minuten. Dafür war die Situation dann im Mai um so ärgerlicher. Am 17. dieses Monats kam Müller mit 62 Minuten Verspätung in Weilheim an. Es gab an diesem Tag offenbar Probleme mit dem Gegenzug aus Mittenwald, der mit 50 Minuten Verspätung alles durcheinander brachte. „Absolutes Chaos“, hat Müller als Zusatz in sein Protokoll notiert. Auch die Situation in den Zügen ist prekär: „Zug randvoll, auch in den Gängen, Auseinandersetzung mit dem Zugbegleiter, der sagte, das wäre nur diesen Freitag so“, heißt es beispielsweise.

So mancher Bahnbediensteter hat schon seine Erfahrungen mit Müller gemacht – mitunter sind die Wortgefechte so heftig, dass Reisende sich auf die Seite der Schaffner schlagen, sagt Müller. Das Argument, der Zugbegleiter könne ja nichts dafür, lässt er nicht gelten. „Dann sollen sie es wenigstens ihrem Vorgesetzten berichten.“

Von Dirk Walter

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