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Auf der Anklagebank: Stefan B., der mutmaßliche Mörder der kleinen Franziska, verbirgt sein Gesicht hinter einer Kapuze. Hinter ihm sitzt sein Verteidiger Adam Ahmed. Am Landgericht Ingolstadt wurde gestern die Anklage verlesen.

Überraschung am ersten Verhandlungstag

Franziska-Prozess: Verteidiger bestreitet Teilgeständnis

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Ingolstadt - Der Franziska-Prozess beginnt am Montag mit zwei Überraschungen: Nach knapp 30 Minuten ist der Verhandlungstag vorbei – und kurz darauf heißt es, der Angeklagte habe doch kein Mord-Geständnis abgelegt.

Ist das die Wahrheit? Oder nur ein Schachzug der Verteidigung?

Als er den Sitzungssaal betritt, die schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen, stehen ein paar Zuschauer auf. Sie wollen seine Augen sehen – sie wollen in seinem Gesicht lesen. Doch Stefan B., 27, blickt sie nicht an. Mit gebeugtem Oberkörper geht er zur Anklagebank, setzt sich, dreht den Kopf nach links, starrt zu den Richtern, die kurz zuvor ihre Plätze eingenommen haben. Dann zieht er die Kapuze herunter: dunkle Haare, Bart, Brille. So sieht er aus, der mutmaßliche Mörder der kleinen Franziska aus Möckenlohe, einem 600-Seelendorf im Kreis Eichstätt. Das Mädchen wurde zwölf Jahre alt.

Es ist kurz nach 9 Uhr, ein grauer Montagvormittag, und am Landgericht Ingolstadt beginnt der Franziska-Prozess – mit drei Wochen Verspätung, weil der Angeklagte bis vor kurzem nicht verhandlungsfähig war: Er wurde im Januar von einem Mithäftling niedergestochen. Stefan B., der mutmaßliche Kindermörder – Menschen wie er rangieren selbst in der Knasthierarchie ziemlich weit unten.

Der erste Verhandlungstag wird nicht mal eine halbe Stunde dauern. Denn nach dem Angriff auf Stefan B. in der Justizvollzugsanstalt Kaisheim gibt es neue Zeugenaussagen von Mithäftlingen des Angeklagten. Und diese wolle sein Verteidiger, Adam Ahmed, zunächst gründlich prüfen. Der Prozess geht also erst am 25. Februar weiter. Ob sich Stefan B. dann an jenem Mittwoch äußert? Ob er überhaupt ein Wort von sich gibt? Das steht bislang nicht fest. Sein Verteidiger hat aber schon jetzt einiges zu sagen. „Für mich ergibt sich aus der Aktenlage kein Geständnis meines Mandanten“, erklärt er am Montagvormittag vor Medienvertretern. Ein Bluff?

Bislang hieß es nämlich, Stefan B. habe vor rund einem Jahr, also kurz nach seiner Inhaftierung, ein Teilgeständnis abgelegt – bei der polizeilichen Vernehmung habe er zugegeben, Franziska getötet zu haben. Details soll er hingegen nicht genannt haben, darüber schweigt er bis heute. „Wir werden einen reinen Indizienprozess führen“, hatte daher der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Walter im Vorfeld gesagt. Der Tathergang sei nur aufgrund der Spurenlage rekonstruiert worden. Die Anklageschrift, die jetzt verlesen wird, hat drei DIN-A4-Seiten – doch die sind gespickt mit widerlichen Verbrechen.

Vier Fälle von Vergewaltigung und Bedrohung, von schwerem sexuellen Missbrauch an Kindern, von Geiselnahme und von Mord. Vier Opfer, darunter eine erwachsene Frau und drei Mädchen zwischen 12 und 13 Jahren. Eines dieser Kinder überlebte nicht: Franziska – die der mutmaßliche Täter an einem Samstagnachmittag im Februar 2014 vom Rad zerrt, in seinen grünen Toyota zwingt, sie schwer missbraucht, stranguliert, mit einem Holzscheit erschlägt und die Leiche in einen Badeweiher wirft.

Zwei Angler entdecken den leblosen Kinderkörper am Sonntag darauf, es ist der 16. Februar 2014. Bald wird Stefan B. festgenommen.

Angeklagter erscheint in Begleitschutz

Zur Verhandlung am Montag erscheint er in Begleitschutz. Im Sitzungssaal sind bewaffnete Beamte zugegen, davor finden penible Sicherheitskontrollen statt, sogar ein Spürhund ist im Einsatz. Man fürchtet einen Angriff auf den Angeklagten – Drohungen gab es schon zuhauf, vor allem im Internet.

Ein „Gefährder aus dem familiären Umfeld“, so nennt es der Vorsitzende Richter, ist heute auch da. Es soll sich um Franziskas Halbbruder Joe O. handeln. Ein bulliger Mann, den die Polizei bereits gegen 7.20 Uhr an jenem Morgen zur Rede stellt. Nach dem Gespräch, so heißt es, habe er seine Drohungen zurückgenommen. Er darf zur Verhandlung. Öffentlich äußern will er sich nicht an jenem Vormittag.

Joe O. sitzt da und schaut nach vorn – dorthin, wo der mutmaßliche Mörder seiner kleinen Schwester Platz genommen hat. Er hört, wie der Staatsanwalt die Anklageschrift verliest, mit all den schrecklichen Details. Er bekommt mit, wie der Staatsanwalt immer wieder aufschaut, wie er Stefan B. mustert – und wie der Angeklagte keinerlei Regung zeigt.

Später verlässt Joe O. den Sitzungssaal, genauso wie die anderen Zuschauer. Darunter auch eine ältere Frau, die den Angeklagten offenbar von früher kennt. Kurz bevor die Verhandlung begann, hatte sie ihrer Sitznachbarin zugeflüstert: „Wie will er das erklären? Das geht doch nicht!“ Mit „das“ meint sie den Mord an Franziska. Stefan B. erklärt an diesem Tag nichts. Sein Anwalt sagt, dass er nicht an eine Sicherungsverwahrung seines Mandanten glaube. Übersetzt heiß das: Irgendwann kommt Stefan B. auf freien Fuß.

Barbara Nazarewska

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