Chemikalien in Kleidungsstücken - Krebsgefahr

München - Gesundheitsrisiko Kleidung: Allein in einem schwarzen Büstenhalter können über 400 Chemikalien stecken. Allergien, Hautkrankheiten und Krebs können die Folgen sein. Doch die Etiketten schweigen dazu.

Der neue Rock ist schick, die neue Hose trendy – nach einer Shopping-Tour trägt man die neu erstandenen Klamotten stolz nach Hause. In der Tüte liegt der Kassenbon. Aber, wo bitte schön, ist der Beipackzettel? Und warum erzählt einem keiner, dass man vor dem Tragen zu Risiken und Nebenwirkungen besser einen Arzt oder Apotheker fragen sollte? Denn: Kleidung ist gar nicht so harmlos wie gedacht. Bei der Produktion von Textilien kommen rund 7000 Chemikalien zum Einsatz. Allein in einem schwarzen Büstenhalter, ermittelte das Hamburger Umweltinstitut EPEA, steckten über 400 Chemikalien. Textilien-Gift, das auch krank machen kann: Allergien, Hautkrankheiten, Krebs.

Wenige Grenzwerte

Eine heimliche Gefahr, denn dazu schweigen die Etiketten. Wenige Grenzwerte, kaum Verbote. Anders als bei Lebensmitteln müssen auf Textilien Inhaltsund Farbstoffe nicht angegeben sein. Nur das verwebte Gewebe wird genannt. Die Behörden erlassen kaum Vorgaben: Grenzwerte bestehen nur für wenige Chemikalien, Verbote gibt es so gut wie gar nicht. Oft wissen sogar Experten zu wenig, um Risikobewertungen abgeben zu können. Bei 97 Prozent der Chemikalien auf dem Markt ist nicht bekannt, welche Gefahren für Mensch und Umwelt ausgehen. Verbraucherverbände fordern schon seit Jahren bessere Kennzeichnungen. Und der Käufer selbst ist fast chancenlos, herauszufinden, wie vergiftet seine Kleidung wirklich ist. Man kann es nicht oder nur selten riechen, ganz sicher nicht sehen oder fühlen. „Das Problem ist, dass wir kein Sinnesorgan haben, das registriert, was wir über unsere Haut aufnehmen“, so der Erlanger Umweltmediziner Hans Drexler. Um zu merken, was überhaupt los ist, muss der Mensch erst krank werden. Krank durch Verkäufer-Job So hat es beispielsweise Christel Brem aus Ottobrunn erlebt. Sie litt unter schweren Schwindelanfällen, Blutarmut, Muskelschwund, Sehstörungen und einem geschädigten Immunsystem. Lange kannte sie die Ursache nicht.

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Erst nach Jahren kam sie der Sache auf die Spur. Die Beschwerden gingen jedes Mal zurück, wenn sie Urlaub machte und nicht in dem Kleidungsgeschäft, wo sie damals arbeitete, stand. Ihr Verdacht bestätigte sich durch einen Laborbefund. Ihr Körper war durch Textiliengifte geschädigt. Seither hat Brem das Thema nicht mehr losgelassen. In Vorträgen und Publikationen informiert sie, hat auch schon vor dem Bayerischen Landtag gesprochen. Und das tut not. „Die Menschen wissen immer noch viel zu wenig darüber“, sagt sie.

in der Kleidung?

Warum überhaupt ein wahrer Chemiecocktail in der Kleidung landet, hat viele Gründe. Vor allem Tragekomfort, ein guter Look und Haltbarkeit sollen dem Konsumenten garantiert werden: kein Ausbleichen, keine Wollknötchen, keine Rockbeulen, immerwährende Kuschelweichheit. Weißtöner beispielsweise sorgen dafür, dass Unterwäsche strahlend weiß bleibt. Formaldehydharze garantieren Knitterfreiheit. Und wer gerne TShirt- Aufdrucke trägt, muss damit rechnen, dass Phthalate enthalten sind.

Die dramatischen Folgen für die Gesundheit

Das sind Weichmacher, die die Fruchtbarkeit schädigen. Ebenfalls oft beigemengt: Tributylzinnhydrid (TBT), das wie Hormone auf den Körper wirkt. Vor allem Kinder sollten solche T-Shirts nicht tragen, da sie sie möglicherweise auch in den Mund nehmen. Auch bei Farben wird an Chemie nicht gerade gespart – rund 4000 Farbstoffe verwendet die Industrie, um Kleidung bunt zu machen. Selbst wenn sie unifarben ist, werden meist mehrere Farbnuancen zusammengemischt. Besonders gefährlich: Azofarbstoffe. Sie enthalten krebserregende Substanzen, die durch Schweiß oder Feuchtigkeit aus den Stoffen herausgelöst werden und dann durch die Haut in den Körper gelangen können. Mittlerweile gibt es ein EUVerbot, doch in Kleidung aus Nicht-EU-Ländern kann der toxische Stoff noch enthalten sein. Auch „alte Bekannte“ sind nicht totzukriegen. Pentachlorphenol (PCP) beispielsweise ist seit 1989 in Deutschland verboten. Es soll unter anderem die Nerven schädigen und Krebs erregen. Doch hierzulande ist es wieder vermehrt in Kleidungsstücken nachzuweisen, da PCP in Ländern wie China, Indien oder den USA erlaubt ist – der chlorierte Kohlenwasserstoff soll Kleidung vor Schimmel schützen. Besonders grotesk: in Textilien können sogar chemische Stoffe enthalten sein, die in anderen Produkten strikt verboten sind. Benzin beispielsweise darf kein Blei mehr enthalten, bei Kostümen und Hosenanzügen sieht man es nicht so eng.

Beim Kauf genau nachfragen

Noch lassen sich zu wenige Zusammenhänge zwischen Kleidung und Krankheit herstellen, beziehungsweise es wird zu wenig in dieser Richtung geforscht. Beim Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung gehen nach eigenen Angaben kaum Beschwerden über Textilgifte ein. Klar, es gibt auch die Ökolabels, die Kleidung nach strengeren und umweltfreundlichen Kriterien herstellen (s. unten). Doch „öko“ ist nicht gleich „öko“. Man muss genau nachfragen: Etwa, ob sich das „öko“ auf die Baumwolle bezieht, die ökologisch angebaut worden ist, oder auch auf die Herstellungswege. Denn hier lauert nicht selten die Gift-Falle. So können beispielsweise Stoffe, die im Ausland gefärbt worden sind, beispielsweise Chemikalien enthalten, die EU-weit verboten sind. Es ist offensichtlich höchste Zeit, dass es nach der Bio-Welle bei Lebensmitteln auch zu einer Öko-Revolution bei Textilien kommt.

Von S.-Sophie Schindler

Rubriklistenbild: © dpa

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