70 Jahre, berufstätig

So viele Rentner in Bayern arbeiten im hohen Alter

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München - Die Rente ist verlockend, aber längst nicht für jeden. Laut einer neuen Erhebung der Deutschen Versicherer hat sich die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 65 und 70 Jahren seit 2000 mehr als verdoppelt. In Bayern sind sie besonders fleißig.

Das Kubiz ist eine Institution in Unterhaching (Kreis München). Und man kann sagen: Peter Neumann ist eine Institution im Kubiz. Seit 24 Jahren arbeitet er in dem bekannten Kulturzentrum, meist am Einlass, oft auch an der Infotheke im Foyer. Das wäre nichts allzu Besonderes, wenn es da nicht diese Zahl gäbe: Neumann ist 70, also im Rentenalter – eigentlich.

Er arbeitet trotzdem und ist dabei in bester Gesellschaft. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) hat Zahlen der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet und festgestellt: Deutschlandweit hat in der Altersgruppe der 65- bis 70-Jährigen jeder Sechste noch einen Job, das sind 665 000 von insgesamt rund vier Millionen Senioren. Die Zahl hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Damals waren es 300 000.

Im Bundesländervergleich liegt Bayern auf Platz vier. Knapp 112 000 Menschen aus besagter Altersgruppe arbeiten im Freistaat noch. Das entspricht einer Beschäftigungsquote von 17,8 Prozent. Mehr sind es nur in Baden-Württemberg (19,4 Prozent), Hamburg (19 Prozent) und Bremen (18,6 Prozent). Gleich fünf der zehn Städte und Kreise mit der höchsten Beschäftigungsquote liegen Freistaat. Die Städte Passau, Würzburg und Regensburg belegen die Plätze zwei bis vier. Fast jeder Dritte im Alter von 65 bis 70 Jahren hat hier noch einen Job. Der Kreis Fürth rangiert dagegen weit am Ende der Skala. Die Beschäftigungsquote liegt bei 10,1 Prozent.

Man kann das alles durchaus positiv deuten. Laut GdV ist Geld für die arbeitenden Rentner eher zweitrangig. Wichtiger seien der Spaß an der Arbeit und menschliche Kontakte. Bei Peter Neumann aus Unterhaching ist das ähnlich: „Der Job macht wirklich Spaß wegen der Kontakte zum Publikum“, sagt er. „Die Leute mögen einen, da bin ich stolz drauf.“ Aber es gibt auch die andere Seite: „Meine Rente ist nicht so üppig. Der Minijob ist ein Zubrot für mich.“

Neumann hat sein Leben lang hart gearbeitet, vor allem in einer Bausteinfabrik. Aber als er 59 wurde, machte die Bandscheibe nicht mehr mit. An der Frührente führte kein Weg vorbei. Ohne den Job im Kubiz, sagt er, wäre die Rente schon arg schmal. „Meine Frau und ich könnten uns nichts mehr leisten.“ Da kommt es dem 70-Jährigen entgegen, dass er Beschäftigung braucht und schätzt. Zu Hause Däumchen drehen – ist nicht seins.

Die Mehrzahl der Rentner hat Minijobs, wenige sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Im Landkreis München, wo Neumann lebt, haben 2500 einen 450-Euro-Job, 1230 sind regulär beschäftigt. Im Kreis Erding zum Beispiel gehen die Zahlen mit 915 zu 193 noch weiter auseinander. Die Statistik zeigt auch: Je höher die Wirtschaftskraft einer Region, desto mehr Rentner finden einen Job.

Allzu romantisch sollte man die Zahlen nicht verstehen, findet die Landesvorsitzende des Sozialverbands VdK Bayern, Ulrike Mascher: „Unsere Erfahrungen sind, dass viele ältere Menschen deswegen arbeiten, weil sie dringend Geld brauchen, um nicht auf Grundsicherung angewiesen zu sein.“ Oft räumten sie dann im Supermarkt Regale ein, gingen putzen oder säßen nachts an einer Pforte. Dabei, glaubt Mascher, „geht es bestimmt nicht um Spaß oder soziale Kontakte“.

Peter Neumann sagt, dass es finanziell vielleicht auch ohne den Minijob ginge, gerade so. Aber eigentlich möchte er nicht darauf verzichten, schon gar nicht bis zum nächsten Jahr. Dann wird er genau 25 Jahre im Kubiz beschäftigt sein. „Hoffentlich kommen noch ein paar Jahre dazu.“

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