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Thomas Mücke vom Violence Prevention Networks kümmert sich um Jugendliche, die sich radikalisieren. 

Präventionsnetzwerk für Jugendliche

In den Fängen der Extremisten

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München- Extremistische Gruppierungen richten sich mit ihren Botschaften vor allem an Jugendliche. Thomas Mückes Beruf ist es, diese Propaganda zu entzaubern. Er und seine Kollegen werden alarmiert, wenn junge Menschen sich radikalisieren. 

Es passiert überall. Und es fängt harmlos an. Sie werden in ihrem alltäglichen Umfeld angesprochen. In der Schule, im Café, im Fitnesscenter. Meistens von Gleichaltrigen, manchmal sogar von Mitschülern oder Bekannten. Die erzählen von ihren Freunden, laden zu einem Treffen ein. Machen neugierig. Die Atmosphäre bei diesen Treffen ist warmherzig, anerkennend. Sie tut gut – besonders Jugendlichen, die gerade in einer Krise stecken und immer mehr den Halt verlieren. „Die extremistische Szene arbeitet hochmanipulativ“, sagt Thomas Mücke. „Erst gibt sie Geborgenheit, schafft Gemeinschaftsgefühle – und dann instrumentalisieren sie die jungen Menschen für ihre Zwecke.“

Thomas Mücke arbeitet seit 26 Jahren für Deradikalisierungsprojekte. Er ist Erziehungswissenschaftler, Politikwissenschaftler und hat als Streetworker gearbeitet. 2004 hat er das Violence Prevention Network (VPN) mitgegründet – ein Präventionsnetzwerk, dass sich um Jugendliche kümmert, die islamistische Tendenzen aufweisen und von extremistischen Gruppierungen auf eine Ausbildung in Kampfgebieten vorbereitet werden. In Bayern betreuen Mücke und seine drei Kollegen aktuell rund 60 Fälle. Dazu kommen viele Beratungskontakte – Anrufe von Eltern, die sich Sorgen machen, dass sich ihre Kinder radikalisieren.

Einen konkreten Fall gab es erst kurz vor Weihnachten in einer Unterkunft für junge Flüchtlinge in Freising. Drei Jugendliche hatten sich Videos des Islamischen Staats im Internet angesehen, Flaggen gebastelt und mit Insignien der Terror-Organisation vor der Kamera posiert (wir berichteten). Ihre Mitbewohner hatten das beobachtet und den Betreuern gemeldet. Seitdem werden die drei Jugendlichen von Fachleuten wie Thomas Mücke betreut.

Die Fälle, in denen sich Flüchtlinge radikalisieren sind allerdings verschwindend gering, betont der 58-Jährige. „Es kann genauso gut der Sohn eines Polizisten oder die Tochter einer Lehrerin sein. Junge Menschen sind grundsätzlich beeinflussbar – das nutzt die extremistische Szene gezielt aus.“ Und das mit einem feinen Gefühl für Krisensituationen.

Mücke erinnert sich an den Fall einer 17-Jährigen. Sie hatte mit dem Tod ihres Vaters ihre wichtigste Bezugsperson verloren. Sie lernte einige Extremisten kennen und verlor immer mehr den Anschluss zu ihren Freunden. Einem ihrer Lehrer fiel damals auf, dass sie sich immer mehr isolierte und auffällige Kleidung trug. Er informierte das VPN – damals stand die Ausreise des Mädchens in ein Kampfgebiet bereits kurz bevor. In solchen Fällen werden sofort die Sicherheitsbehörden eingeschaltet, um die Ausreise zu verhindern. Das VPN übernimmt danach die Betreuung.

Der erste Kontakt mit den Jugendlichen ist der schwierigste Schritt. Nicht selten kommt es vor, dass sie gar nicht mit Thomas Mücke oder seinen Kollegen sprechen wollen. „Oft müssen wir kreativ werden“, sagt er. Einmal fand sein erstes Gespräch mit einem Jugendlichen in Form eines Briefwechsels unter einer Tür hindurch statt. Manchmal hilft es auch, wenn er erzählt, dass er Atheist ist. Ein Atheist, der sich gut mit Religionen auskennt und über den Islam reden möchte – das hat schon manchen Jugendlichen neugierig gemacht. Und Neugier öffnet Türen. „Wichtig ist es, den Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass man sich für sie interessiert. Erst nach und nach geht es darum, ihnen zu zeigen, dass sie manipuliert werden“, erklärt Mücke. Manipuliert werden möchte niemand, betont er.

„In der extremistischen Szene soll nicht nachgedacht, sondern gefolgt werden – wir wollen die jungen Menschen zu eigenständigem Denken ermutigen. Außerdem gehe es darum, religiöses Wissen zu vermitteln, den Extremismus zu entzaubern. Das kann Jahre dauern. Und in manchen Fällen sind sogar Ortswechsel nötig. „Die Betreuung dauert so lange, bis alle Beteiligten sicher sind, dass sich die Jugendlichen von den Ideologien gelöst haben und keine Gefahr mehr besteht.“

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