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Die Vogelgrippe scheint sich in Bayern auszuweiten. Auch am Chiemsee und Starnberger See wurden am Dienstag tote Wasservögel gefunden.

Experteninterview zur Vogelgrippe in Bayern

„Hundertprozentigen Schutz gibt es nicht“

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München - Immer mehr tote Wasservögel werden in Oberbayern gefunden. Noch sind die Zahlen nicht dramatisch, betont Tierarzt Ulrich Lanz. Trotzdem rät er dazu, Vorkehrungen zu treffen.

Acht Fälle von Vogelgrippe sind in Bayern bereits nachgewiesen. Nun wurden auch am Chiemsee und am Starnberger See tote Wasservögel gefunden. Ulrich Lanz, Tierarzt und Artenschutzreferent beim Vogelschutzbund, betont aber: „Die Lage ist noch nicht dramatisch.“ Trotzdem rät er Geflügelhaltern dazu, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen.

-Sind Vögel jetzt in der kalter Jahreszeit anfälliger für das Virus?

Nein, eigentlich nicht. Natürlich bedeutet der Winter Stress für jeden Körper – bei Menschen und bei Tieren. Eine gewisse Belastung ist sicher da, aber sie ist nicht ausschlaggebend für eine Infektion.

-Wie wird das Virus von Tier zu Tier übertragen?

Das Vogelgrippevirus wird mit dem Kot ausgeschieden und kann dann zum Beispiel über verseuchtes Futter oder wie das menschliche Grippevirus über die Atemwege aufgenommen werden.

-Es gibt Vermutungen, dass die Viren in Schleswig-Holstein über eine Lüftungsanlage in einen Geflügelbetrieb gelangt sind. Wie ist das möglich?

Ich weiß nicht, wer diese Vermutung geäußert hat, aber ich kann nur schwer nachvollziehen, wie von einem Gewässer, an dem sich Wasservögel aufhalten, Aerosole bis zur Lüftungsanlage und in diese hinein gelangen sollen. Aber es ist natürlich auch nicht ausgeschlossen, dass Viren über die Lüftungsanlage transportiert werden. Grundsätzlich gibt es mehrere Wege, wie Viren in den Stall oder umgekehrt auch hinaus gelangen können. Menschen gehen hinein und hinaus, Fahrzeuge fahren hinein und hinaus. Ein gut geführter Betrieb wird natürlich Desinfektionsschleusen haben. Aber einen hundertprozentigen Schutz gibt es nur in der Theorie.

-Raten Sie Geflügelbesitzern auch außerhalb der Schutzzone dazu, ihre Tiere im Stall zu behalten?

Die Stallpflicht ist die Grundlage aller Hygienemaßnahmen. Zumindest dort, wo die Tiere theoretisch Kontakt zu Wasservögeln haben könnten, sollten sie vorerst im Stall bleiben. Die Vogelgrippe ist eine hochansteckende Erkrankung und kann erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen. Man sollte jede mögliche Vorsichtsmaßnahme treffen – selbst wenn das Risiko gering ist.

-Gehen Sie davon aus, dass die Stallpflicht bald auf ganz Bayern ausgeweitet wird?

Das ist gerade schwer abzuschätzen. Noch ist ja nicht nachgewiesen, ob hinter den weiteren Todesfällen die hochansteckende Variante des Virus steckt. Und die Zahlen sind bis jetzt noch nicht dramatisch. In der Wildvogel-Population könnten die Erkrankungen wie bei früheren Ausbrüchen möglicherweise bald wieder abklingen. Aber es ist schwer abzuschätzen, wie sich die Lage weiter entwickeln wird.

-Ist die Situation bereits mit dem Jahr 2006 vergleichbar, als auch in Bayern tausende Tiere getötet werden mussten?

Derzeit sicher noch nicht. Es ist gut möglich, dass sich die Situation in den nächsten Wochen wieder entspannt. Aktuell ist die Lage nicht dramatisch. Natürlich kann sich das Virus weiter ausbreiten – die Zahl der Infektionen kann aber auch wieder abebben.

-Wieso sind nicht mehr Wildvögel infiziert, wenn die Viren so ansteckend sind?

Die Vogelgrippe verläuft bei Hausgeflügel und bei Wildvögeln unterschiedlich. Bei Hausgeflügel waren die Verläufe bislang gravierender. Wildvögel scheinen dagegen resistenter zu sein – bei ihnen ist die Vogelgrippe mit dem Subtyp H5N8 in der Vergangenheit eher milde verlaufen. Es gab zwar Todesfälle, doch die Auswirkungen waren nicht so massiv wie bei Hausgeflügel.

-Welche Vorkehrungen können Geflügelbesitzer zur Vorsorge treffen?

Sie sollten hohe Hygienestandards einhalten. Sie können nur verhindern, dass die Viren in ihre Betriebe hineingetragen werden – oder im Falle einer Infektion hinaus.

-Wie gefährlich ist das H5N8-Virus für den Menschen?

Laut dem Friedrich-Löffler-Institut gab es bislang weltweit keine menschlichen Infektionen mit H5N8. Absolut ausschließen lässt sich ein Infektionsrisiko damit zwar nicht, aber es geht nach unserem Wissensstand gegen null. Natürlich ist es trotzdem wichtig, grundsätzliche Hygiene-Ratschläge zu beachten, um auch das Restrisiko zu minimieren.

-Wie gefährdet sind aasfressende Tiere?

Nach unseren Beobachtungen der vergangenen Jahre ist die Vogelgrippe nur für Wasservögel und Hühnervögel ansteckend. Andere Vogelarten sind nicht betroffen, und auch Säugetiere nicht.

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