Die Perchten sind wieder unterwegs

Volksglaube Rauhnächte: Von bösen und guten Geistern

Kirchseeon - Bis zum 6. Januar dauern die Rauhnächte. Früher glaubte man, dass in dieser Zeit Geister und Dämonen umgehen, die die Guten belohnen und die Bösen strafen. Heute noch gibt es Menschen, die den Volksglauben pflegen.

Eigentlich mag Wolfgang Uebelacker, 55, den Winter nicht, die Kälte, die Dunkelheit. Trotzdem freut er sich jedes Jahr wieder darauf. Denn dann beginnt seine Zeit. Die Nächte, in denen der Winter am kältesten und dunkelsten ist. Wenn wilde Gesellen in bunten Kostümen von Haus zu Haus ziehen, singen, spielen, stampfen, tanzen. Wolfgang Uebelackers Zeit sind die Rauhnächte. Denn dann führt er sie an, die Sänger, die Musikanten, die Tänzer. Die Perchten von Kirchseeon, Kreis Ebersberg, die dort seit mehr als 60 Jahren durch die Straßen ziehen und so einen alten Brauch pflegen.

Auch Caroline Deiß, 52, aus Tutzing, Kreis Starnberg, pflegt einen Brauch, „so alt wie die Menschheit selbst“, wie sie sagt. Oder zumindest so alt wie das erste von Menschen gemachte Feuer. Caroline Deiß zündet ein Stück Kohle an, legt es auf eine Handvoll Sand in eine Schüssel, verbrennt darauf Harze, Flechten und Kräuter. Auf Bestellung wedelt sie den Rauch durch Wohnungen, Villen, Büros und eben auch durch ihr eigenes Zuhause. Bis er alles schluckt, die schlechten Gedanken, die Sorgen, die Ängste. Bis der Weg frei ist für einen Neuanfang.

Zwölf Nächte zwischen Heiligabend und Dreikönig

Von diesem Brauch, dem Räuchern, haben die Rauhnächte wohl ihren Namen. Die Rauhnächte sind die zwölf Nächte zwischen Heiligabend und Dreikönig; für manche beginnen sie schon am 21. Dezember, mit der Thomasnacht. Früher glaubte man, dass in der Zeit Geister und Dämonen umgehen, dass die Tore zur Ahnenwelt offen stehen, dass Gott Wotan und Frau Percht, Märchenlesern bekannt als Frau Holle, mit ihrem Tross durch die Lande ziehen, die Bösen strafen und die Guten belohnen. Sitzt man eingeschneit bei Kerzenschein im Haus, während draußen der Schneesturm heult und es scheint, als würde nie wieder Sommer werden – dann klingt das plausibel. Aber wie passen die Bräuche von damals ins Heute?

Heute, sagt Caroline Deiß in ihrer lichtdurchfluteten Neubauwohnung, können wir immer noch Kontakt aufnehmen zur Geisterwelt. Oder zur Kraft der Natur oder dem eigenen Unterbewusstsein, wie immer man das auch nennen will, was ihr Rauch anspricht. Sagt sie so etwas, lacht Deiß ein besonders breites Lachen, als wolle sie damit jedem zuvorkommen, der sie belächeln will. „Die meisten Menschen sind auch heute noch dafür empfänglich“, sagt Deiß, „sie wissen es nur nicht.“ Kein Wunder in einer Zeit, in der wir immer unabhängiger von der Natur leben und die Wohnungen eher nach Lufterfrischer duften als nach Wald und Feuer. Das Räuchern, sagt Deiß, sei eine Möglichkeit, sich die Natur zurückzuholen, selbst gesammelte Kräuter, Harz, das den Wald ins Wohnzimmer bringt. Der Rauch vertreibe heute eben die modernen Dämonen: Atemwegsinfekte, Sorgen, Zweifel. Besonders gut passt das auch jetzt noch in den Winter. Was wohl jeder bestätigen kann, der schon einmal ein Räuchermännchen aufgestellt oder den Heiligen Drei Königen mit ihrem Weihrauchfass die Tür geöffnet hat.

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Wie man selbst räuchert – und was die Kräuter bringen

Die Perchten, sagt Wolfgang Uebelacker, von Beruf Stahlbauer, gehören einfach zu Kirchseeon, sind ein Stück Heimat, heute wie früher. Ob sie nun tatsächlich böse Geister vertreiben und die Erde aufwecken mit ihren Tanzschritten, damit die Saaten auch im nächsten Jahr aufgehen – wer weiß? Für Uebelacker zählen vor allem die staunenden Kinderaugen. Seine Stimme klingt heiser, als er davon erzählt. Singen in der Kälte strengt an. Vier bis fünf Stunden dauert ein Zug, 60 Personen laufen mit.

Die Hauptfigur ist die doppelgesichtige Frau Percht, von der einen Seite helle, strahlende Schönheit, von der anderen dunkler Dämon. Die Schönperchtenmit den menschenähnlichen Masken sind die Musiker. Ihnen folgen die Glaubauf mit den phantasievoll geschnitzten Gesichtern – jedes mit eigener Bedeutung: die Elemente, Sagengestalten, Schmerz, Lüge und viele, viele andere. Mit ihnen gehen die Holzmandl, Waldgeister, die es nur in Kirchseeon gibt. Während Glaubauf und Holzmandl tanzen, erschrecken die Schnadernschlenzer die Zuschauer. Ihre Köpfe ragen weit über ihre Träger, die sie wie riesige Handpuppen zum Klappern bringen. Und dann ist da noch die Haberngoaß, eine andere, wildere Darstellung der Frau Percht, die mit ihrem hölzernen Maul Geld einsammelt.

Als Bub hat Uebelacker vor allem das wilde, bunte Treiben gesehen, heute fasziniert ihn die Mythologie hinter den Masken: Dass sie alle Gegensätze des Lebens symbolisieren – Mann, Frau, Nacht, Tag, Gutes und Böses. Und dass alle zusammen eine Gemeinschaft bilden. Wild wird es vor allem nach den Läufen, wenn sie im Vereinshaus weiterfeiern, manche noch halb im Kostüm. „Da läuft dann ACDC“, sagt Uebelacker und lächelt. Die Heiserkeit in der Perchtenzeit, sie kommt nicht allein von den Läufen. Seit er zehn ist, ist er dabei. Seit mehr als 25 Jahren trägt er die Maske des Anführers der Schönperchten. Von innen ist sie mit Stoffstücken angepasst an sein Gesicht. „Oder wer weiß“, sagt er, „vielleicht ist es ja umgekehrt und die Maske hat inzwischen mein Gesicht geformt?“

Caroline Deiß kam so zum Brauch: Sie war frisch getrennt, hat ihren Partner „aber immer noch überall gespürt“ in der Wohnung, die mal eine gemeinsame war. Heilkräuter und ihre Wirkung hatten sie da schon lange fasziniert, darauf gekommen, sie anzuzünden, war sie nie. Als sie die Räucherutensilien besorgte, habe sie sich ein bisschen gefühlt, als wolle sie Drogen kaufen, sagt Deiß und lacht. Inzwischen lebt sie davon, sie gibt Kurse, schreibt Bücher. Natürlich ist das alles eine Glaubensfrage. Aber, da ist sie sicher: „Wer erlebt hat, wie es wirkt, glaubt auch.“ So wie bei ihr: Der Ex-Freund verschwand mit dem Rauch, in der Wohnung lebt sie heute noch. Und glaubt seitdem an die Wirkung des Räucherns. Das ganze Jahr über, auch nach den Rauhnächten.

Anne-Nikolin Hagemann

Perchtenläufe am 30.12.:

Perschtenbund Kirchseeon von Buch nach Riedering, 17 Uhr; „D’Boch Peachtn“ aus dem Hachinger Tal, Unterhaching, 18 Uhr

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