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Udo S. (51) im „DNA-Labor“ des Deutschen Museums.

Im ewigen Eis

Udo S. ist Kryoniker: Für ein Leben nach dem Tod lässt er sich einfrieren

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Udo S. will nach seinem Tod noch einmal leben. Um das zu schaffen, lässt er sich einfrieren. Seine Hoffnung liegt in der Kryonik.

Als Udo S. die Augen öffnet, ist sein Blick auf die Welt verschwommen. Die Adern an seinem Hals pulsieren. Um ihn herum tänzeln riesige Gestalten. Die Worte, die ihnen dabei wie Samt über die Lippen gleiten, hat Udo S. noch nie zuvor gehört. Sein Körper, seine Lieben, seine Welt – lange verblasst. Das Einzige, was ihm nach seinem Tod geblieben ist, ist die Erinnerung.

In seiner Vorstellung ist Udo S., 51, schon oft in der Zukunft aufgewacht. Seit seiner Jugend träumt er davon, den Tod zu besiegen und ferne Planeten zu bereisen. Später stößt er im Netz auf die Kryonik, ein medizinisches Verfahren, das ihn hoffen lässt: Wer wie Udo S. an die künstliche Wiedergeburt glaubt, lässt sich nach seinem Tod bei Minus 196 Grad einfrieren, um in 100, 200 oder 300 Jahren noch einmal zum Leben erweckt zu werden.

Aufgewachsen ist Udo S. in Baden-Württemberg. Seine Schulzeit verbrachte der Bub mit den eisblauen Augen im Internat. „Dadurch habe ich nie gelernt, mich emotional an jemanden zu ketten”, sagt er. Schon damals gilt er als Querdenker. Heute hat Udo S. drei Kinder und leitet eine Versicherungsfirma in der Nähe von München. Das Risiko ist sein Spezialgebiet, der Tod sein täglicher Begleiter.

In Gedanken ist Udo S. schon tausend Mal gestorben: Alzheimer, Krebs, ein Herzinfarkt im Wald. Insgeheim hofft der 51-Jährige aber auf einen Tod mit Ansage, durchgetaktet bis zur letzten Minute. „Im Prinzip wäre ein Krankenhaus der ideale Ort zum Sterben“, sagt er.

Die Kryonik verspricht einen Neuanfang

Mit dem Tod eines Menschen, wenn das Herz aufhört, Blut durch die Adern zu pumpen, beginnen die Zellen zu zerfallen. Deshalb müssen Udo S. Ärzte später einmal schnell sein. Sehr schnell. Einer wird seinen Puls fühlen, ein anderer unterschreibt den Totenschein. Seine Kinder werden keine Zeit mehr haben, sich am Sterbebett von ihrem Papa zu verabschieden. Udo S. weiß, was er seiner Familie damit antut. Doch er will es so. Denn genau dort, wo das Leben endet, verspricht die Kryonik einen Neuanfang.

Kryonik leitet sich ab vom griechischen Wort „Kryos“ – Eiseskälte – und bezeichnet die Konservierung von Organen und Organismen. Weil die „Ganzkörperkonservierung” in Europa noch nicht zugelassen ist, lassen sich die meisten Kryoniker nach ihrem Tod in die USA überführen. In einem grauen Gebäude im Bundesstaat Arizona, wo die Alcor Life Extension Foundation ihre Zentrale hat, stehen 129 Stickstoffbehälter. Die Flüssigkeit in ihrem Inneren sorgt dafür, dass die Leichen die Hitze der amerikanischen Wüste überstehen. Wer seinen kompletten Körper konservieren lassen will, zahlt bis zu 200 000 Dollar. Ein Kopf kostet knapp die Hälfte. Wie viele Einzelteile die Reise in die Zukunft antreten, ist meistens eine Frage des Preises.

Udo S. setzt seine Hoffnung auf ein einzelnes Organ: sein Gehirn. „Ich bin zwar ein Träumer”, sagt er. „Aber kein Illusionist.” Udo S. weiß, dass das Leben mit dem Tod endet. Noch.

Die Zeit nach seinem Tod ist genau geplant

Um seine Chance auf ein zweites Leben zu erhöhen, hat er die Zeit nach seinem Tod vertraglich geregelt. Sein Vertragspartner, die sächsische Biobank für humanes ZNS, verspricht, sich zu gegebener Zeit „um die lückenlose Versorgung seines Gehirns zu kümmern.“

Sobald Udo S. Herz aufgehört hat zu schlagen, wird sich ein metallischer Bohrer durch seine Schädeldecke fräsen und ein kreisrundes Loch hinterlassen. Danach wird ein Arzt die Dura mater, die harte Hirnhaut, aufklappen, mit Klammern fixieren und sein Gehirn herausholen. Damit das Organ keinen Schaden nimmt, muss es sofort nach der Entnahme bei Minus 196 Grad gekühlt werden.

Vor dem Gesetz ist Udo S. von da an nichts weiter als eine Gewebeprobe, gefangen im ewigen Eis. Die Ewigkeit endet für den 51-Jährigen, wenn die Medizin so weit ist, ihm einen neuen, gesunden Körper zu geben.

Obwohl Udo S. beteuert, dass er sich in seiner „Hülle“ wohlfühlt, hängt er nicht an seinem Spiegelbild. „Ich glaube, dass alles, was mich ausmacht, im Inneren meines Kopfes eingraviert ist“, sagt er. Seine Erinnerung, sein Bewusstsein, sein „Ich.“ Deshalb sei das Gehirn das erhaltenswerteste Organ. Von dem Rest könne er sich trennen. Außerdem will Udo S. seiner Familie ein Grab hinterlassen – ihr einen Ort geben, an dem sie sich von ihm verabschieden kann.

Aber was ist, wenn die „Seele“ den Körper verlässt? Wenn unser Bewusstsein im Augenblick unseres Todes verschwindet und unwiderruflich verloren geht? „Dann wird die Kryonik nicht funktionieren“, sagt Udo S. Wehmut schwingt mit. „Obwohl“, fügt er an. „Bloß, weil ich keine Erklärung habe, heißt es nicht, dass es keine gibt.“ Wenn Udo S. von seinem Traum erzählt, wirkt sein Blick wie das All selbst: ruhig, tief und unergründlich.

Der Tod ist nur eine Lücke im Lebenslauf

Bis jetzt haben sich weltweit mehr als 1000 Menschen für den Tod im Eis registriert. Die meisten von ihnen sind Wissenschaftler, viele Atheisten. Udo S. ist Skeptiker. Nachdem er sich im Oktober 2005 dazu entschlossen hat, aus der katholischen Kirche auszutreten, hat er sich „mit etlichen Religionen beschäftigt.“ Zu hundert Prozent überzeugt hat ihn keine. Stattdessen glaubt der 51-Jährige an eine Art übergeordnete Intelligenz, ein „höheres Selbst“, das ihn im Hier und Jetzt auf die nächste Daseins-Stufe vorbereitet. „Im Prinzip bin ich fest davon überzeugt, dass es nach dem Tod auf natürliche Weise weitergeht“, sagt er. Für den Fall, dass er sich irrt, hat er sich mit der Kryonik – der künstlichen Wiedergeburt – einen Plan B zurechtgelegt. Alles auf eine Karte zu setzen, sei sowieso nie seine Art gewesen, sagt er „Ich habe gerne die volle Kontrolle über mein Leben. Und zum Leben gehört der Tod“ – in Udo S. Vorstellung lediglich eine Lücke im Lebenslauf.

Angst vor dem Tod hat Udo S. keine. Die Unsterblichkeit ist nicht sein Ziel. „Ich möchte nur selbst bestimmen können, wie lange ich bleibe“, sagt er. Die Erde sei zwar schön, aber im Grunde habe er schon immer davon geträumt, ferne Planeten zu bereisen und fremde Welten zu sehen. „Ich will wissen, wie wir in 200 Jahren ausschauen, welche Sprache wir sprechen, wie wir uns fortbewegen und ob es uns in Zukunft überhaupt noch gibt“, sagt er. Seine eisblauen Augen glühen.

Wissenschaftler schätzen die Erfolgschancen der Kryonik momentan auf maximal fünf Prozent. Udo S. geht das Risiko ein. „Und wenn ich dabei erfriere“, sagt er. „Dann hab ich’s wenigstens probiert.“

Im ewigen Eis? Für die Autorin unvorstellbar, hat sie doch selbst im Sommer kalte Füße.

Sarah Brenner, 25, Volontärin bei der tz

Alter, die Jugend! Eine Volontärs-Beilage

Dieser Text ist Teil der Beilage Alter, die Jugend!“. Die Volontäre von Münchner Merkur, tz und Merkur.de haben sich auf die Suche nach Geschichten gemacht, die das Verhältnis der jungen Leute zum Alter und anders herum erzählen. Hier geht es zum Überblick über alle Artikel.

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