+
Schwer entzifferbar: Kardinal Faulhaber notierte seine Gedanken in der Gabelsberger Kurzschrift, die nur wenige lesen können. Für die Edition mussten sich die Historiker diese Kulturtechnik erst aneignen. 

Vom 1. September bis 31. Dezember 1933

Neues aus den Tagebüchern Faulhabers: "Von einem Judas verraten"

  • schließen

München – Wissenschaftler haben weitere Tagebuch-Notizen des umstrittenen Münchner Kardinals Faulhaber aus dem Jahr 1933 veröffentlicht. Deutlich wird, wie die Nationalsozialisten Katholiken drangsalierten.

Oktober 1933: Ermächtigungsgesetz, Juden-Boykotttag, Gleichschaltung der Gewerkschaften, Verbot der Parteien – die Nationalsozialisten haben ihre Macht erstaunlich rasch konsolidiert. Auch gegenüber Katholiken zeigen die Nazis ihren unbedingten Herrschaftsanspruch. Katholische Publizisten wie Fritz Gerlich oder Erwein von Aretin sind im KZ. Beim Gesellentag Anfang Juni in München verprügelt die SA katholische Kolping-Mitglieder. Einen Monat später indes, am 20. Juli, unterzeichnet Hitler das Reichskonkordat und sichert der Kirche die freie Ausübung des Glaubens und die unabhängige Besetzung ihrer Ämter zu – für den umstrittenen konservativen Münchner Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952) eine „Großtat von unermeßlichem Segen“, wie es im oft zitierten Dankesschreiben hieß.

Das in den folgenden Monaten einsetzende Auf und Ab von Verfolgung und Duldung des Katholizismus in Oberbayern lässt sich anhand der nun freigegebenen Tagebuch-Aufzeichnungen intensiv nachzeichnen. Das Institut für Zeitgeschichte und die Universität Münster werden in den nächsten Jahren die Tagebücher für die Zeit 1911 bis 1951 komplett online veröffentlichen – ein Mammutprojekt, weil Faulhaber in der schwer entzifferbaren Kurzschrift Gabelsberger geschrieben hat.

"16. November: Wieder beim Zahnarzt"

Die nun publizierten Auszüge für die Zeit 1. September bis 31. Dezember 1933 spiegeln den Alltagsbetrieb bei Faulhaber authentisch wider. Sorgen wegen der Übergriffe der Nationalsozialisten wechseln sich ab mit normalen Tätigkeiten eines Bischofs.

Am 7. September 1933 besucht ihn eine Lehrerin aus Fürth. Sie berichtet, eine Kollegin sei entlassen worden, weil sie Jüdin sei. „Die Verfolgung der Juden kann in dieser Schärfe nicht bleiben“, notiert Faulhaber etwas zweideutig.

Im Oktober plagen Faulhaber noch andere Sorgen: Er hat ganz profan Zahnschmerzen. „Nachmittags, 15 Uhr (...) beim Zahnarzt Goldschmitt. Bohrt einen Zahn auf, damit der Nerv Luft bekommt.“ Am Samstag, 4. November, muss er erneut zum Dentisten: „Auf dem ganzen Weg keinen einzigen Hitlergruß gesehen“, schreibt er befriedigt.

16. November: Wieder beim Zahnarzt („das geht endlos weiter“, stöhnt er nach einem erneuten Termin). Danach empfängt er die beiden Äbte von Kloster Ettal, den Altabt Willibald und seinen Nachfolger Angelus. „Ob sie die Regierung einladen sollen?“, fragen sie ihn.

„Unmöglich bei der jetzigen Spannung“, antwortet Faulhaber. Außerdem beklagen sich die Äbte: „Es würden Protestanten kommen und bei der Wandlung nicht knien“ – Alltagssorgen der katholischen Kirche.

„Wenn doch die Geistlichen ruhig sein könnten.“

Am 20. November fährt Faulhaber nach Freising: „Korbiniansfest in Freising. Sonne. Schatten nur, weil Direktor Rossberger vorgestern in Schutzhaft genommen wurde“, schreibt er. „Auf der Heimfahrt liegen die Berge klar, weil die Sonne, die bei uns im Tale bereits untergegangen ist, dort oben noch liegt.“

Am 22. November besucht ihn ein Wehrkriegspfarrer. Auch er ist im Visier der Nazis: „Aus der Offiziersvereinigung ausgetreten, weil er denunziert wurde, er habe das Sterilisationsgesetz kritisiert“ – gemeint war das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das die Zwangssterilisation so genannter „Erbkranker“ vorsah und dann am 1. Januar 1934 in Kraft trat.

Die Verfolgung der Nazis erfährt Faulhaber bald auch in seiner Stadt: „Unser Trio Muhler mit den zwei Kaplänen seit gestern in Stadelheim wegen Äußerungen über Dachau“ – Emil Muhler, Stadtpfarrer in der Isarvorstadt, eckte mit den Nazis früh an und war später im KZ Dachau inhaftiert, den berüchtigten Todesmarsch zum Kriegsende überlebte er mit viel Glück. Sein späterer Lebensweg sollte ihn mit Faulhaber, der ihn zur Mäßigung mahnte, noch öfters aneinander bringen. Das deutet sich schon im November in der Tagebuch-Aufzeichnung Faulhabers an, der zur Verhaftungsmeldung einen Stoßseufzer niederschreibt: „Wenn doch die Geistlichen ruhig sein könnten.“

Faulhaber vermutete Spitzen in den eigenen Reihen

Am 19. Dezember geht es wieder um drangsalierte Pfarrer: „Die verhafteten Geistlichen Walterbach und Ernst“ – sie gehören der katholischen Arbeiterbewegung an – „bitten um Genehmigung der heiligen Messe“, berichtet ihm sein Generalvikar. „Nach sieben Monaten in der Polizei jetzt in Stadelheim“, notiert der Bischof. Kurz darauf kommt der Generalvikar noch mal zu Faulhaber, jetzt mit einer Schocknachricht: „Heute Versammlung der Präsides polizeilich aufgelöst (...) Neuhäusler, der sie leiten wollte, gleich verhört und verhaftet“. Johannes Neuhäuser ist ein enger Vertrauter und kirchenpolitischer Referent des Erzbistums. Er wird in den folgenden Jahren immer schärfer mit den Nazis in Konflikt geraten, am Ende folgen ab Ende 1941 vier Jahre KZ-Haft. Jetzt, 1933, kommt er nach 20 Stunden wieder frei. Bezeichnend ist, dass Faulhaber einen Spitzel in den eigenen Reihen vermutet: „Also ein Judas hatte die Stunde verraten“, notiert er.

Drangsal und Alltag in enger Abfolge also im Tagebuch Faulhabers. Bis in den Heiligen Abend hinein beschäftigt ihn, wie die Nationalsozialisten mit den Katholiken umspringen. „23.15 Uhr Mette im Dom. Großes Gedränge“, notiert er zum 24. Dezember. Aber die traditionellen Glockenklänge im Radio hat Faulhaber nur über den Sender Wien empfangen. „Von den deutschen Sendern waren sie nicht übernommen.“

Die Tagebücher:

www.faulhaber-edition.de; zum Tag der Archive am Samstag sind die Tagebücher im Erzbistum (Archiv, Karmeliterstr. 1) erstmals ausgestellt. Mitarbeiter der Edition geben Führungen

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bayern startet Digital-Offensive für 3 Milliarden Euro
Die bayerische Staatsregierung will mit einem massiven Investitionsprogramm den digitalen Umbruch in Bayern vorantreiben. Drei Milliarden Euro soll das Projekt kosten, …
Bayern startet Digital-Offensive für 3 Milliarden Euro
Honigglas ins Bärengehege geworfen - Tiere verletzt
Im Nationalpark Bayerischer Wald haben Unbekannte ein Honigglas ins Bärengehege geworfen, an dem sich die Tiere verletzten.
Honigglas ins Bärengehege geworfen - Tiere verletzt
Nach Messerstecherei auf Grillfest: Täter in U-Haft
Für seine rabiate Messerstecherei auf einem Grillfest in Augsburg sitzt ein 32-Jähriger nun in U-Haft.
Nach Messerstecherei auf Grillfest: Täter in U-Haft
Diebe klauen Lkw-Motorhauben im großen Stil
Lkw-Teile im Gesamtwert von 140.000 Euro haben Diebe in der Nacht auf Freitag von einem Betriebsgelände in Trostberg abtransportiert. Die Polizei sucht jetzt Zeugen.
Diebe klauen Lkw-Motorhauben im großen Stil

Kommentare