Otto Herzog in der Lalidererwand.
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Otto Herzog in der Lalidererwand.

Otto Herzog gelang eine Meisterleistung an der Lalidererwand

Vor 100 Jahren: Rambo, das Klettergenie

  • Dominik Göttler
    vonDominik Göttler
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Vor 100 Jahren gelang dem Kletter-Pionier Otto Herzog eine wahre Meisterleistung. Er durchkletterte die Lalidererwand im Karwendel. Es war wohl die schwerste Tour, die damals je geklettert wurde.

Hundert Jahre ist es her, dass das Münchner Klettergenie Otto Herzog zusammen mit Gustav Haber im Jahr 1921, also drei Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges, in drei Etappen durch die berüchtigte und nur recht selten wiederholte „Ha-He-Verschneidung“ an der Lalidererwand in den nördlichen Kalkalpen unweit der Eng in Tirol geklettert ist: durch jenen grausig düsteren und fast immer nassen Winkel, den die berühmte Nordwand hier mit der Westwand des Grubenkarpfeilers bildet.

Nach einhelliger Einschätzung – damals wie heute – war die mit Schwierigkeitsgrad VI+ bewertete Schlüsselstelle dieser Tour wahrscheinlich das Schwerste, was bis dato in den Alpen geklettert worden war. Für alpin versierte Kletterer aus München und dem Oberland ist die „Ha-He“ bis heute eine besondere Herausforderung.

München war vor dem Ersten Weltkrieg so etwas wie die inoffizielle Welthauptstadt des Kletterns, wofür mehrere Namen standen: Otto Herzog, ein gelernter Zimmerer, war eines der wenigen prominenten „Nordwandgesichter“, das nicht beim Klettern zu Tode gekommen oder im Krieg gefallen ist. Dazu gehörte auch der Biologiestudent Paul Preuß aus Altaussee, der bis heute als geistiger Vater des Freikletterns verehrt wird und 1913 im Dachsteingebiet abgestürzt ist. Und Hans Dülfer, der aus Barmen (heute Wuppertal) nach München kam und hier gegen seinen Herzenswunsch, Musiker zu werden, Medizin, Jura und Philosophie studierte. Er habe den „Fels gestreichelt“, sagte man ihm nach. In Frankreich wurde er 1915 in der Schlacht von Arras von einem Granatsplitter getötet.

Eine kompromisslose Risikobereitschaft hatte diese Kletterer-Generation angetrieben. Schwer verletzt war Otto Herzog, genannt „Rambo“, aus dem Krieg heimgekehrt, arbeitete danach mit verbissenem Training an seiner gesundheitlichen Wiederherstellung und kletterte bald besser als jemals zuvor. Mit visionär selbst gebasteltem Sicherungsmaterial und oftmals lausiger Absicherung wagte er sich hart an der Sturzgrenze in ein lebensfeindliches Gelände, das für moderne Genusskletter-Ansprüche ziemlich „out“ ist.

Zwei Kletterer aus dem Tölzer Land, Tom Listle und Uwe Kalkbrenner, haben die „Ha-He“, diesen Klassiker des Abenteuerkletterns aus der Pionierzeit des Extrembergsteigens, im Jahr 2001 wiederholt. An der Schlüsselstelle, einer glatten Platte, an der sich kein Schlaghaken setzen lässt, fanden sie einen viel später dort angebrachten, aber kaum Sicherheit bietenden gebohrten Stichhaken vor.

Tom Listle berichtet: „Unsere Schuhe waren lehmverschmiert vom nassen, verdreckten Fels, als wir dort ankamen. Ein Abflug ist da nicht erlaubt. Was Otto Herzog da ohne moderne Reibungskletterschuhe geleistet hat, das war für seine Zeit wahnsinnig schwer und mutig. Herzogs Absicherung an dieser Kletterstelle kann man vergessen.“ Hinsichtlich der psychischen Anforderung könne man seine Tat „durchaus neben die ungesicherten Alleingänge eines Alexander Huber oder Hansjörg Auer stellen“.

Der Murnauer Extremkletterer Ralf Sussmann, selbst Erschließer eines neuen Wanddurchstiegs an der Lalidererwand und alpinhistorischer Kenner des Karwendels, hat aus archivierten Originalquellen herausgefunden, dass Herzog bei seiner Erstbegehung mit visionären Neuentwicklungen gearbeitet hat: „Erstmalig wurde hier eine Route komplett mit Fixseilen präpariert für wiederholte Vorstöße, zudem wurden Stahlfedern zwischen den Karabinern eingesetzt – eine technische Vorwegnahme der heutigen Falldämpfer und Klettersteigbremsen.“ Und Herzog habe an der Schlüsselstelle „mit allen möglichen Tricks gearbeitet, unter anderem mit einem Seilwurf auf einen Felszacken“. Was freilich seine Leistung nicht schmälere.

Wer war der beste Kletterer in der Zeit um den Ersten Weltkrieg? Diese Frage hat sogar Reinhold Messner intensiv beschäftigt. Er legte sich auf Gabriel Haupt fest, der bereits 1910 die Civetta-Nordwestwand in den Dolomiten geklettert ist. Das ist freilich Ansichtssache, wenn man sich die Entwicklung des Kletterns in den Nordalpen näher anschaut: Da könnte man die alpine Gesamtleistung von Otto Herzog höher einstufen aufgrund der Breite seiner zahlreichen Erstbegehungen und Extremtouren, darunter 1912 die Lalidererwand an einem Tag und 1913 die Südwand der Schüsselkarspitze.

Nach ihm benannt ist auch die berühmte „Herzogkante“ an der Lalidererwand. Über seine Solo-Erstbegehung 1913 der Sonnenspitze-Nordkante im Karwendel (die er anschließend sogar wieder abgeklettert ist), hat die bekannte Münchner Kletterkoryphäe Klaus Werner mit „allerhöchstem Respekt“ gesprochen. Weiterhin ist bekannt, dass Otto Herzog bereits vor über hundert Jahren im Münchner Klettergarten Buchenhain den achten Schwierigkeitsgrad gebouldert ist. Er ist 76 Jahre alt geworden und 1964 in München gestorben. Bis ins hohe Alter ist er noch geklettert.

Von Rainer Bannier

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