LANGJÄHRIGER RECHTSSTREIT DROHT

Vorbesitzer wollen BND-Grund zurück

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Pullach - Mehrere Alteigentümer-Familien erheben Anspruch auf Teile des heutigen BND-Geländes in Pullach. Sie verlangen eine Entschädigung und sogar die Rückübertragung von Grundstücken. Dem Bund droht ein langer Rechtsstreit.

Dort, wo sich heute der Bundesnachrichtendienst mit hohen Mauern hermetisch abschottet, war einst etwas ganz anders geplant: eine nette Villenkolonie mit hübschen, großzügig geschnittenen Edelimmobilien, so genannte „Goethe-Häuser“. Das war der Plan des einst größten Grundbesitzers von Pullach (Kreis München). Eduard Woellner, so sein Name, war ein durch sein Chemie-Werk in Ludwigshafen reich gewordener Industrieller, der sich 1920 mit Dutzenden von Hektar Grund im damaligen Gut Großhesselohe einkaufte. Es sollte sein Altersruhesitz werden, und die Villenkolonie sein Renommierobjekt.

In der NS-Zeit zerschlugen sich diese Vorhaben aber auf dramatische Weise. Der NS-Gewaltige Martin Bormann, der unter anderem Hitlers persönliches Vermögen verwaltete, hatte ein Auge auf das Gelände geworfen und wollte in Pullach eine NS-Mustersiedlung bauen. Sowohl Bormann selbst als auch der von ihm beauftragte Münchner Immobilienmakler Gotthard Färber pressten der WoellnerschenGutsverwaltung etliche Grundstücke ab. Das war die Basis für den Bau der „Reichssiedlung Rudolf Heß“, bekannt auch als „Sonnenwinkel“, in der hochrangige NS-Funktionäre wohnten und in deren Häusern nach 1945 der Bundesnachrichtendienst unterkam.

Das Nachsehen hatten dabei die Alteigentümer, deren Nachfahren seit Längerem dabei sind, die Umstände der damaligen Besitzübertragungen wie auch die damals gezahlten Preise zu klären. Unsere Zeitung erhielt Einsicht in die vorhandenen Unterlagen. Barbara Woellner, Ehefrau des Woellner-Enkels Felix aus Bruckberg bei Landshut, spricht davon, dass der Großvater ihres Mannes verhaftet und sogar mit Erschießen bedroht worden sei. Sie sieht sich für einen anstehenden Rechtsstreit gut gewappnet. Über Jahre habe sie Dokumente gesammelt. „Wir haben alle Grundbucheinträge nachvollzogen, wir haben das ganze Beweismaterial jetzt beisammen“, sagt die Unternehmerin. In zwei bis drei Wochen könne Klage eingereicht werden. Ihr Anwalt sagt, es gehe nicht um den gesamten Grundbesitz, wohl aber um gewisse Teile davon – beispielsweise um einen Wald, den Eduard Woellner einst angepflanzt habe und dem heute der Kahlschlag drohe. Im Raum stehe theoretisch ein Anspruch von 250 Millionen Euro.

Fakt ist, dass sowohl Woellners Grundstücke als auch die von fünf weiteren Eigentümern bis zum Sommer 1936 in das Privateigentum Bormanns übergingen – die Autorin Susanne Meinl nennt in einem zusammen mit Bodo Hechelhammer verfassten Buch „Geheimobjekt Pullach“ einen Kaufpreis von geschätzt 1,2 Millionen Reichsmark. Ein nach 1945 eingesetzter Treuhänder kam zu dem Schluss, dass die Preise um ein Drittel unter dem eigentlichen Wert lagen.

Ansprüche erhebt auch der Neffe der einstigen Grundbesitzerin Margarete Pauckner, der in Pullach ein Hotel besitzt. Margarete Pauckner hatte schon 1950 in einem Antrag auf Wiedergutmachung beim Bayerischen Landesentschädigungsamt einen Verlust von 160 000 DM geltend gemacht. „In einer Anlage beschrieb sie, wie Bormann und Färber sie 1936 und in den Jahren danach massiv unter Druck gesetzt hatten“, schreibt die Historikerin Susanne Meinl. Trotzdem lehnte das Landesentschädigungsamt den Antrag ab. Statt an die alten Eigentümer gingen die Grundstücke in der Nachkriegszeit zunächst an den Freistaat Bayern über, ehe das nun vom Bundesnachrichtendienst genutzte Areal 1961 schließlich, so die Historikerin Meinl, für 20 Millionen DM in das Bundesvermögen überging. Heute verwaltet es die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.

In der Gemeinde Pullach wird die Entwicklung beobachtet. „Der Gedanke, dass bei den Grundstücks-Übertragungen nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist, ist mehr als naheliegend“, sagt Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne). Allerdings stellt sie die Frage in den Raum, ob „nach dieser langen Zeit nicht Verjährungsfristen eingetreten sind“.

Auch Pullach hat im Südwesten des BND-Geländes ein Stück einstigen Privatbesitzes im Eigentum – dort ist heute ein Fußballplatz, eine Kita nebst Krippe, Sommerstock- und Skater-Bahn. Ob man das alles rückübertragen muss? „Ich habe da keine Befürchtungen“, sagt die Bürgermeisterin.

Bestätigt fühlen kann sie sich durch eine Einschätzung der Bundesimmobilienanstalt, die bereits einen ersten Antrag auf Rückübertragung mehrerer Grundstücke im Sommer dieses Jahres intern beurteilte, sodann von einem externen Anwalt überprüfen ließ und schließlich abgelehnt hatte.

Die Begründung, so die Behörde gestern gegenüber unserer Zeitung: Es gebe „keinen Beleg für die Behauptung, dass die (...) Grundstücksveräußerungen im Dritten Reich unter Zwang und unter Wert abgeschlossen worden sind“.

Dass Barbara Woellner aufgibt, ist aber unwahrscheinlich. Sie ist eine resolute, streiterprobte Person mit durchaus umstrittenem Vorgehen. So hatte sie sich für kurze Zeit in einer obskuren Rechtsgruppierung namens „Deutsche Nationalversammlung“ engagiert. „Ich war drei Monate dabei“, bestätigt sie. Das hängt ihr heute noch ebenso nach wie angebliche Aussagen über Ufos in Bayern: „BND und CIA wissen um die Existenz von Ufos, die unsere Geschicke bestimmen“ – das Verfassen solcher Zeilen wird ihr unterstellt. Barbara Woellner, darauf angesprochen, stöhnt auf. Gegen diesen „unglaublichen Unsinn“ sei sie per Anwalt vorgegangen und habe auch teilweise die Löschung von Einträgen erreicht. Die Schreiben liegen unserer Redaktion vor.

Gleichfalls umstritten sind Dossiers von Barbara Woellner, die im Internet – rechtlich kaum angreifbar – nur über eine Adresse der kleinen Kokosinseln (bei Australien) abrufbar sind. Unter anderem beklagt sie sich darin über eine „perfide Verzerrung“ von Tatsachen – auch durch die Buchautorin Meinl. Diese hatte einen (abgelehnten) Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP für einen der Söhne des Familienpatriarchen Eduard Woellner publik gemacht – ein Grund, warum die Familie Woellner schon Ende der 1950er-Jahre mit ihren Gesuchen abgeblitzt war. Ob das heute noch ausreichen würde, um Eigentums-Ansprüche abzuwehren, ist freilich offen.

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