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Auf einem schwierigen, aber guten Weg sieht Kardinal Marx die katholische Kirche.

Von Vorsätzen, Reformen und der Krise

2012 wird für die katholische Kirche in Deutschland ein spannendes Jahr. Wie läuft der Dialogprozess mit den Laien weiter? Welchen Weg nimmt die Strukturreform? Über die Pläne und Aussichten sprachen wir mit dem Münchner Kardinal Reinhard Marx.

-Welche Vorsätze haben Sie 2011 nicht umsetzen können?

Ich hatte mir vorgenommen, mich mehr zu bewegen und mehr auf meine Gesundheit zu achten. Was daraus geworden ist, lasse ich mal offen. Jedenfalls bleibt es auch ein Vorsatz fürs Neue Jahr – genauso wie darauf zu achten, dass ich meine Zeit gut einteile, um meinen vielfältigen Aufgaben gerecht zu werden. Ich sage ja immer: Man kann besser werden. Wenn man dieses Ziel aufgegeben hat, ist man schon halb tot.

-Welche Ziele stecken Sie sich für das Erzbistum?

Ich möchte das weiterführen, was im Zukunftsforum begonnen hat. Ich weiß ja, dass die Veröffentlichung der dort formulierten Anregungen überfällig ist. Aber folgende Punkte wollen wir bald angehen: Als Erstes sollten wir uns genauer darauf konzentrieren, wie ein Pfarrverband arbeiten kann. Das zweite Thema ist der Bereich der wiederverheirateten Geschiedenen: Wie kann man da pastoral weiterkommen? Das dritte ist die Frage, wie wir unsere Ehrenamtlichen wirklich qualifizieren können – Stichwort Ehrenamtsakademie. Wobei es mir aber darum geht, Ehrenamt nicht nur als Ersatz fürs Hauptamt zu verstehen.

-Welche Lösungen stellen Sie sich für die Wiederverheirateten Geschiedenen vor?

Wir sollten das Thema nicht nur auf die Frage des Kommunionempfangs begrenzen. Es geht darum, wie wir überhaupt pastoral damit umgehen. Viele Menschen leben in einer zweiten, kirchenrechtlich nicht gültigen Ehe und sehen diese Ehe aber auch als eine sittliche, moralische Verpflichtung an. Wie können wir deutlich machen, dass wir diese zweite Ehe doch in irgendeiner Weise tolerieren? Auf der anderen Seite können und wollen wir die Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe nicht gefährden. Da ist ein gewisses Dilemma. Das Thema beschäftigt mich sehr und ich habe da keine einfache Lösung. Aber Sie können davon ausgehen, dass ich die Problematik gegenüber dem Heiligen Vater angesprochen habe. Die Diskussion muss auch auf der Ebene der Kirche in Deutschland und insgesamt geführt werden.

-2012 erinnert die Kirche an den Beginn des II. Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. War das Konzil eine Befreiung oder eine Belastung?

Ich habe mich schon als junger Student dagegen gewehrt, dass man die Zeit vor und nach dem Konzil so gegeneinander stellt, dass man den Eindruck hat, man habe eine neue Kirche erfunden. Deswegen ist das Wort Befreiung für mich nicht angemessen. Ich habe die Konzilstexte aber als wirkliche Bereicherung erlebt. Für uns war das Konzil die theologische Richtschnur schlechthin! Die Texte halte ich weiterhin für großartig und weiterführend. Wir sollten das Jubiläum zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken mit einem nach 50 Jahren geschärften Blick.

-Das Konzil wird ja unterschiedlich gewertet.

Es gibt die einen, die die Nachkonzilszeit für eine gloriose Zeit halten, wo alles wunderbar aufgebrochen wurde. Aber das kann ich so nicht bestätigen. Man muss auch sehen, dass es eine Zeit war, wo vieles einfach beiseite geräumt wurde. Vieles, was mir lieb war...

-Zum Beispiel?

Ich denke an die Kirchenausstattungen. Was war das für ein Kampf für uns Ministranten, dass nicht alle Heiligen aus der Kirche entfernt wurden! Den anderen allerdings, die das Konzil schon damals für ein Unglück hielten und Papst Johannes XXIII. für einen Phantasten, muss man natürlich genauso entgegentreten. Das Konzil war notwendig, aber es kam in die Phase der Revolution von 68, wo fast alles in Frage gestellt wurde, alle Institutionen, Autoritäten. Man muss das Konzil nach 50 Jahren richtig anzuschauen, nicht eine Jubelgeschichte daraus machen. Wir haben schließlich auch eine Geschichte des kirchlichen Niedergangs erlebt in den vergangenen 50 Jahren – der einhergeht mit einer Pluralisierung der Gesellschaft, die ich nicht verdamme, sondern durchaus auch als Fortschritt empfinde. Wir tun uns schwer als Kirche heute und stehen vor ganz neuen Herausforderungen. Aber daran ist doch das Konzil nicht schuld! Das Konzil ist die Grundlage unserer Zukunft. Das sieht der Papst genauso.

-Warum herrscht bei manchen eine solche Abneigung gegen Veränderung?

Für mich gilt auch vom Lebensgefühl her: Ecclesia semper reformanda – die Kirche muss sich immer wieder verändern. Das heißt nicht, dass wir die Kirche neu erfinden, sondern dass wir sie immer wieder in die aktuelle Situation hineinführen müssen. Deswegen kann ich Leute überhaupt nicht verstehen, die sagen: „Es darf sich nichts verändern“. Das Problem ist, dass über den Begriff Reform keine Übereinstimmung besteht. Reform kann nicht bedeuten, wir nehmen die Unauflöslichkeit der Ehe und die Ehelosigkeit der Priester nicht mehr ernst oder man muss die Ordensgelübde nicht mehr einhalten. Reform kann doch nicht heißen: Wie machen wir es uns einfach ein bisschen bequemer! Vielmehr geht es darum, wie wir geistlicher und intensiver nach dem Evangelium leben können.

-Auch der Begriff Dialog ist eine Definitionsfrage. Ist Dialog mit den Laien nicht irreführend, denn der hierarchische Aufbau der Kirche lässt einen Dialog auf Augenhöhe gar nicht zu?

Beim Dialog in der Kirche geht es darum, ob sich die Gesprächspartner auf Augenhöhe darauf einlassen, den anderen wirklich in seinem Anliegen wahrzunehmen und ganz zu verstehen. Gemeinsam sind Bischöfe, Priester und alle Gläubigen dem Wort Gottes und dem Glauben der Kirche verpflichtet – und dieses können wir nicht zur Verhandlungsmasse machen, schließlich sind wir nicht die Herren des Glaubens und die Kirche ist auch kein Verein, wo man die Satzung mit Mehrheit nun mal eben ändern kann. Das beunruhigt auch den Papst: Dass diese ganzen Diskussionen im Grund wie bei einem politischen Prozess gesehen werden und dann Enttäuschungen entstehen, weil das Regierungsprogramm nicht innerhalb einer Legislaturperiode umgesetzt wird.

-Wie kann es dann gehen?

Ich wäre dankbar, wenn wir deutlich machen könnten: Wir machen uns als Kirche auf den Weg, in dieser sehr modernen, differenzierten Gesellschaft das Evangelium in neuer Weise auszusagen. Das wird über die nächsten Jahrzehnte eine Suchbewegung innerhalb der Kirche sein. Insofern bin ich nicht einfach euphorisch, was diesen Weg angeht. Er wird schwierig, aber ich sehe keine Alternative und ich habe die Hoffnung, dass der christliche Glaube zu allen Zeiten seine Kraft entfalten kann.

-Sie haben im Zusammenhang mit der Missbrauchstragödie gesagt, Sie seien demütiger geworden. Was heißt das?

Ich muss sagen, dass mich die ganze Sache weiterhin bewegt. Innerlich bin ich aufmerksamer geworden für die Fehler, die passieren, für die moralischen und institutionellen Schwächen. Ich glaube auch, dass die Kirche aufpassen muss, in der Verkündigung nicht zu selbstgerecht aufzutreten. Da bin ich jetzt noch hellhöriger. Aufmerksamkeit gegenüber eigenen Schwächen führt dazu, dass man den Ton etwas mäßigt und demütiger wird.

-Viele Menschen haben Sorge, wie es wirtschaftlich weitergeht. Wie dramatisch sehen Sie die Zukunft?

Die Situation bereitet mir durchaus Sorgen. Es ist aber nicht nur eine Frage der Ökonomie, sondern der Gesellschaftsentwicklung insgesamt. Wir sind nicht am Ende der Krise, sondern mitten drin. Ich bin überzeugt, dass wir Schritt für Schritt über den Kapitalismus hinausdenken müssen, der sich in den vergangenen Jahren immer wieder in seiner radikalen Variante gezeigt hat. Ich plädiere für eine globale soziale Marktwirtschaft. Das wird ein langer Weg sein. Wie wird 2012 sein? Manche Länder in Europa werden gleichzeitig Schulden abbauen und mit einer Rezession fertig werden müssen. Das geht immer auf Kosten der kleinen Leute. Um der Zukunft willen müssen in manchen Ländern heftige Einschnitte erfolgen. Sorgen habe ich, dass das zu schweren Turbulenzen führen könnte.

-Zurück ins Erzbistum: Die Kirche besitzt Grundstücke im Bereich des Areals für die geplante dritte Startbahn des Flughafens. Bleibt es dabei, dass die Grundstücke nicht verkauft werden?

Die Grundstücke gehören den Pfarreien, nicht dem Erzbistum. Die Kirchenstiftungen wollen nicht verkaufen. Das trage ich weiter mit und daran wird sich nichts ändern. Bei der ganzen Auseinandersetzung muss man aber deutlich machen: Es geht hier nicht um eine Glaubensfrage, sondern um Christen, die unterschiedlicher Meinung sind – ich kenne etwa Christen in München, die das anders sehen als die in Freising. Aber: Die Betroffenen vor Ort haben für mich doch ein besonderes Gewicht. Wenn ein Ort praktisch zur Hälfte aufgegeben werden muss, ist das ein Einschnitt, den man sehr gut begründen muss. Da kann ich die Haltung vieler vor Ort sehr gut verstehen.

-Was muss passieren, dass Sie sagen, 2012 ist ein gutes Jahr gewesen?

In unserem Erzbistum wünsche ich mir schon, dass wir dann alle gemeinsam sagen können: O.k., wir kommen voran. Wir sind auf einem schwierigen, aber guten Weg.

Interview: Claudia Möllers

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