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Statt Gaspistole: Waffenhändler Stefan Besmehn (li.) rät Kunden zu CS-Gas- oder Pfefferspray, wenn sie sich um ihre Sicherheit sorgen.

Übergriffe in Köln, Angst vor Terror

Immer mehr Menschen wollen Waffen kaufen

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München – Die Übergriffe in Köln, die Angst vor Terror – im Land herrscht eine aufgeladene Stimmung: Immer mehr Bürger holen sich den „Kleinen Waffenschein“. In manchen Landkreisen in Oberbayern hat sich die Zahl der Anträge zuletzt verdreifacht.

Holzbalken, Geweih-Lampen und ein Vitrinenschrank, auf dem ein ausgestopfter Fuchs steht. Das Ambiente erinnert an eine urige Almhütte, wären da nicht die vielen Jagdgewehre an der Wand – mit Preiszetteln dran. Stefan Besmehn, 46, betreibt einen Waffenladen im Münchner Stadtteil Thalkirchen, nahe dem Tierpark Hellabrunn. Sein Geschäft heißt: „Waffenstube Thalkirchen“. Klingt gemütlich, mehr nach Waffeln als nach Waffen.

Besmehn steht hinter der Theke und nimmt eine Gaspistole aus der Auslage. Smith & Wesson, Kaliber 9mm P.A.K., 149 Euro. Ein Modell, das frei verkäuflich ist und derzeit sehr gefragt. Die Pistole ist ein ziemliches Trumm, passt in keine Hosentasche. Sie ist einer echten Feuerwaffe nachempfunden, verschießt aber Gas oder Signalmunition. „Gewissensberuhigung“, sagt Besmehn.

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema: Kleiner Waffenschein: Brenzlige Scheinsicherheit

Terroranschläge in Paris und Istanbul, sexuelle Übergriffe in Köln. Es sind Zeiten, in denen eine diffuse Angst herrscht – und immer mehr Menschen aufrüsten. Sei es, indem sie sich ein Pfefferspray zulegen. Oder eine Gaspistole. Für das Führen, also das Bei-sich-Tragen einer Schreckschusswaffe, benötigt man seit 2003 einen „Kleinen Waffenschein“ (siehe Kasten). In ganz Bayern schnellt die Zahl der Anträge dafür in den vergangenen Monaten in die Höhe. In München hat sie sich 2015 fast verdoppelt: Rund 290 Anträge musste das Kreisverwaltungsreferat bis Ende des Jahres bearbeiten, 2014 waren es 155. Anderswo in Oberbayern hat sich die Zahl der Anträge verdreifacht, etwa in den Landkreisen Ebersberg (2014: 18; 2015: 60) und Rosenheim (2014: 38; 2015: 119).

Kaum Gründe für den großen Bedarf an Kleinen Waffenscheinen

In den meisten Behörden will kaum einer Gründe nennen, warum der Kleine Waffenschein so hoch im Kurs steht. Offiziell müssen die Antragsteller keine Begründung angeben. Norbert Neugebauer ist Büroleiter des Ebersberger Landrats. Er sagt, der Anstieg liege an dem „subjektiven Gefühl der Unsicherheit durch die große Zuwanderung“.

Aber auch speziell in den Wochen nach den Anschlägen in Paris am 13. November ging die Zahl der Neuanmeldungen stark nach oben. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen wurden im vergangenen November 21 Kleine Waffenscheine ausgestellt – 2014 waren es auf das ganze Jahr verteilt nur zehn. Beim Landratsamt München gingen 48 der insgesamt 106 Anträge des vergangenen Jahres vom 13. November an ein. Ein Rekordhoch – und die Nachfrage reißt nicht ab.

Reinhard Templer leitet die Abteilung Waffen- und Sprengstoffrecht im Kreis München. „Es ist irre, wie das momentan explodiert“, sagte er kürzlich. Zehn bis fünfzehn Anrufe gingen pro Tag im zuständigen Fachbereich des Landratsamts ein. Meist holten sich die Anrufer noch letzte Informationen über das Antragsverfahren ein.

Templer vermutet eher den psychologischen Effekt

Wirklich verstehen kann Templer die hohe Nachfrage nicht so recht. Denn abfeuern darf man die Waffe außerhalb der eigenen vier Wände oder eines Schießstandes sowieso nicht. Und selbst im äußersten Notfall, sagt er, sei zu bezweifeln, dass die Waffen einen Nutzen haben. Gefährlich sind sie nur auf sehr kurze Distanz. In den meisten Fällen, vermutet Templer daher, gehe es eher um den psychologischen Effekt als um den praktischen Nutzen.

Peter Schall ist Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft Bayern. Schreckschusswaffen, erklärt er, „suggerieren Scheinsicherheit“. Mehr nicht. Manchmal verringern sie die Sicherheit sogar. „Sie sind kaum von echten Waffen zu unterscheiden, das birgt großes Gefahrenpotenzial“, warnt Schall. Wenn jemand mit der Gaspistole durch die Gegend läuft, sagt er, dann fühlen sich andere bedroht. Werden Polizisten hinzugerufen und die Situation eskaliert, kann es im schlimmsten Fall zu einem Schusswechsel kommen. Nur dass die Beamten mit echten Feuerwaffen ausgerüstet sind. „Die Polizei hat das Gewaltmonopol“, betont Schall. „Dass immer mehr Bürger mit Anscheinswaffen herumlaufen, sehen wir äußerst kritisch.“

Dennoch gehen gerade viele Menschen in die Waffengeschäfte. „Es besteht ein Beratungsbedarf“, sagt Roland Zobel, Sprecher des Verbandes Deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler. „Die Leute fragen, wie sie sich schützen können. Wir sind froh, dass sie dann in den Fachhandel kommen.“ Doch auch Zobel betont: „Schreckschusswaffen sind für die Selbstverteidigung ungeeignet.“

Väter sorgen sich um ihre Töchter

Stefan Besmehn, der Chef der Waffenstube Thalkirchen, weiß auch nicht richtig, was er von der gestiegenen Nachfrage halten soll. Mit einer Gaspistole will sich der Geschäftsführer des Waffenladens auf jeden Fall nicht fotografieren lassen. Zu martialisch. Die Stimmung ist gerade einfach zu aufgeladen.

Immer öfter kommen Väter in seinen Laden, die um die Sicherheit ihrer Töchter besorgt sind. Denen zeigt Besmehn dann etwa sogenannte Abwehrmittel. Pfefferspray, CS-Gas-Spray, solche Sachen. „Das Pfefferspray eignet sich im Dunkeln beim Gassigehen, aber es darf nur gegen Tiere eingesetzt werden“, betont er. Das wüssten viele nicht. Mit CS-Gas, einem Reizgas, hingegen darf man sich auch gegen Menschen zur Wehr setzen. Einen Kleinen Waffenschein braucht man für beides nicht. Preis: ab 6,95 Euro die Dose.

Aber auch das sind nicht seine Favoriten. Besmehns Empfehlung – gerade für Kinder und Jugendliche – sind „Schrillalarme“. Einfach bedienbare Alarmsirenen mit bis zu 120 Dezibel für die Handtasche. Sehr effektiv. „Wenn mich jemand angreift ist das so laut, dass der Andere das Weite sucht“, erklärt Besmehn. Er würde gerne eines der kleinen Geräte zeigen – aber er hat keines mehr da. Ausverkauft.

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