Spektakuläre Bahnpanne

Waggon auf Geisterfahrt

Ohlstadt – War die Bremse defekt? War es ein Missgeschick der Rangierarbeiter? Ein führerloser Personenwaggon ist am Freitag früh rund 20 Kilometer weit von Garmisch-Partenkirchen bis nach Ohlstadt gerollt – eine unheimliche Geisterfahrt.

Eigentlich war es ein Routinevorgang. Gegen 6.20 Uhr Freitagfrüh kuppelten Rangierarbeiter im Bahnhof Garmisch-Partenkirchen einen unbesetzten Personenwagen von einem über Nacht abgestellten Zug ab, um ihn an die aus Mittenwald eintreffende Regionalbahn RB 30616 anzukuppeln. Doch der Wagen machte sich zum Entsetzen der Mitarbeiter selbständig und rollte mit steigender Geschwindigkeit die leicht abschüssige und eingleisige Strecke gen München davon.

Es begannen 45 lange und bange Minuten für die Deutsche Bahn. 32 Tonnen wiegt der Waggon des Typs „Bn“, aufhalten ließ er sich zunächst nicht. Bahnbedienstete versuchten hektisch, Schlimmeres zu verhüten. An zehn Bahnübergängen entlang der Strecke schlossen sich die Schranken. Auf der Höhe des Farchanter Bahnhofs legten Mitarbeiter sogenannte Hemmschuhe auf die Gleise – Metall-Dreiecke aus massivem Eisen. Doch der führerlose Waggon sprengte sie auf seiner Geisterfahrt einfach weg. „Das war ein Versuch und hat nicht geklappt“, so der trockene Kommentar dazu von Bahn-Sprecher Franz Lindemair. Entlang der Strecke kam es zu fast kuriosen Szenen. Autofahrer auf der B 2, die zwischen Oberau und Eschenlohe direkt neben der Bahn entlang führt, staunten über den herrenlosen Waggon. Und in den Bahnhöfen gab es Warndurchsagen über einen – so der O-Ton – „entlaufenen Waggon“ – was die Fahrgäste amüsiert anhörten.

Weniger lustig war, dass die einzigartige Panne lange Verspätungen und auch Zugausfälle zur Folge hatten. Zwischen Murnau und Garmisch-Partenkirchen wurden je zwei Züge gestrichen. Insgesamt elf Regionalzüge hatten lange Verspätungen.

Erst nördlich des Bahnhofs Ohlstadt konnte der diensthabende Fahrdienstleiter gegen 7.05 Uhr auf den Waggon aufspringen und die Handbremse ziehen – aber nur, weil das Gleis an dieser Stelle leicht ansteigt und der Waggon nur noch Schritttempo hatte. Sonst wäre der Waggon wohl weiter Richtung Murnau gerollt – mit nicht auszudenkenden Folgen.

„Der Zugverkehr auf dieser Strecke ist nicht sehr intensiv“, wiegelt Bahnsprecher Lindemair ab. „Weit und breit war kein Zug in Sicht.“ Allerdings war schon um 6.50 Uhr – eine halbe Stunde nach dem Start des Waggons – der Zug aus München am Bahnhof Murnau eingetroffen. Der Zug sollte eigentlich Richtung Garmisch-Partenkirchen weiterfahren, was rechtzeitig verhindert werden konnte.

Die Ursache der Panne soll nun die Bahnpolizei herausfinden. „Wir ermitteln“, bestätigte eine Sprecherin. Der Wagen wird im Bahnausbesserungswerk München-Pasing untersucht – vor allem die Bremsen. Bereits direkt nach dem Vorfall hatte die Bahnpolizei bei einem Rangierarbeiter einen Alkotest durchgeführt – der war aber negativ. „Vielleicht war es einfach ein Missgeschick“, hieß es bei der Polizei.

von Dirk Walter

Rubriklistenbild: © dpa

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