News-Ticker: Polizei soll Attentäter von Barcelona erschossen haben

News-Ticker: Polizei soll Attentäter von Barcelona erschossen haben

Historienspektakel am Inn

Wallensteins Kampf um Wasserburg

Wasserburg - Sie haben Wanderhuren dabei. Und Musketen. Und ihren Helden, den Wallenstein. Wie damals im Dreißigjährigen Krieg. Ein Besuch beim Historienspektakel am Inn.

Der Nebel hängt tief über dem Albachinger Hinterland. Ein schlammiger Karrenweg verläuft sich im dichten, dunklen Wald. Die Bayerische Armee kommt nur mühsam voran. Die Soldaten sind angespannt, Gefahr liegt in der Luft. Weit können die Schweden nicht sein. Ist es ein Hinterhalt? „Sprecht eure letzten Gebete, der Feind ist nah“, sagt Oberst Lenz von Grasberg zu seinen tapferen Männer.

Plötzlich wird es laut. Auf einer Lichtung greifen die Schweden an. „Kanonen in Stellung! Musketen in Anschlag!“ Die Befehle hallen durch die trübe Morgenstimmung. „Feuer frei“, ruft der Oberst. Es knallt im Sekundentakt. Aus den Läufen steigt weißer Rauch auf. Bei einem Soldaten löst sich der Schuss nicht. Ein Blindgänger. „Wahrscheinlich ein Fehler in der Elektronik. Lass das nachher mal überprüfen“, sagt Oberst von Grasberg.

Elektronik im 17. Jahrhundert? Mitten auf der Flucht der Katholischen Allianz vor den plündernden Schweden? Nein. Wir befinden uns im Jahr 2013, mitten im Winterbiwak des Theatervereins Albaching und des Theaterkreises Wasserburg. Über 200 Laiendarsteller und Freiwillige stellen einen Wintermarsch während des Dreißigjährigen Krieges nach.

Vorwärts Marsch! Die Bayerische Armee ist heute früh aufgestanden, um den Schweden eins auszuwischen. Um 6 Uhr passieren sie bereits Albaching. 200 Laiendarsteller haben sich an der dreitägigen Historiengaudi beteiligt. Fotos: Stefan Rossmann

Drei Tage lang ziehen die „Katholiken“ ohne moderne Hilfsmittel zu Fuß oder mit Pferdefuhrwerken von Albaching im Kreis Rosenheim nach Wasserburg am Inn. 26 Kilometer durch die oberbayerischen Wälder und Felder, immer auf der Flucht vor den „protestantischen Schweden“. Im Gepäck haben sie die „Dicke Berta“, eine riesige, knapp fünf Tonnen schwere Kanone.

Sie ist die größte in Bayern. Und übrigens mit TÜV, bemerkt Sepp Christandl stolz. Er ist Vorsitzender des Theaterkreises und Hauptorganisator des Wintermarsches. „Sonst hätten wir gar keine Genehmigung bekommen“, sagt er. Gezogen wird die „Dicke Berta“ von vier prächtigen Rössern. „Sie muss Wasserburg um jeden Preis erreichen“, verkündete Spielleiter Christian Huber noch beim morgendlichen Appell am Sportplatz von Albaching.

Schon um vier Uhr in der Früh haben sich die Teilnehmer am Freitag getroffen, um alles vorzubereiten. Die historischen Gewänder sind eigenhändig geschneidert. Selbst Reporter müssen sich Wams, weite Stoffhose, Ledergamaschen und einen gefiederten Hut überwerfen. Alles soll so authentisch wie möglich sein. Moderne Mützen und Handschuhe, Anoraks oder bunte Stiefel sind verboten. Genauso wie Handys. Wer erwischt wird, wird – heißt es – geteert und gefedert.

Im Feuerschein hat Johann Wimmer vor dem Aufbruch die letzte Predigt gehalten – im Originallaut aus dem 17. Jahrhundert. „Mutter Maria schütze uns!“ Wimmer mimt den Feldgeistlichen, auch im richtigen Leben ist er Wortgottesdienstleiter.

Den ersten Angriff der Schweden konnte die Bayerische Armee gerade so abwehren. Verluste gibt es nicht zu beklagen, auf beiden Seiten nicht. Oberst von Grasberg ist zufrieden. „Der Sieg ist unser“, ruft er lautstark. Seine Männer jubeln. Unter ihnen sind auch Leo Wagenspöck und Manfred Mühlberger aus Haag. Für die nächsten drei Tage dienen sie in der Bayerischen Armee.

Sie gehören zwar nicht zum Theaterkreis, interessieren sich aber für Heimatgeschichte. „Wir wollten es einfach mal ausprobieren“, sagt Leo. „Das wird sicher ein interessantes Wochenende.“ Oberst von Grasberg unterbindet das Schwätzchen: „Ohne Tritt, marsch!“, brüllt er. Der Tross setzt sich wieder in Bewegung.

Von Gleichschritt kann hier zwar nicht die Rede sein, doch eine ordentliche Zweierreihe kann ja nicht zuviel verlangt sein. Vorne weg reitet der Spähtrupp. Es folgen die Pioniere mit ihren Werkzeugen. Den Leiterwagen zieht der Berner Sennenhund Adi. Dahinter kommen die Pikeniere mit ihren langen Lanzen, die Landsknechte mit den Kanonen, Kriegsherr Wallenstein höchstpersönlich mit seiner mit Hellebarden bewaffneten Leibgarde sowie das gemeine Fußvolk. Und natürlich die „Dicke Berta“.

Leg. Dich. Nicht. Mit. Mir. An. Ein bayerischer Soldat

Christian Huber steht im verschneiten Feld und schaut sich den langen Tross an. Alles läuft nach Plan. „Sogar das Wetter spielt mit“, freut er sich. Bewölkt, verschneit und kalt. „Genau wie vor 400 Jahren.“ Huber kennt sich mit der Geschichte rund um Wallenstein und den Schwedenkrieg aus wie kein Zweiter. Im Sommer spielen sie während der Wallenstein-Wochen mit 400 Darstellern den Schwedenkrieg auf der Freilichtbühne nach. „Wasserburg war damals die letzte Bastion für die Katholische Liga“, sagt Huber. „Es war der einzig sichere Weg über den Inn. Der war ja damals noch ein wilder, reißender Fluss.“ Und somit auch der einzige Schutz vor Plünderungen für die Klöster auf der anderen Flussseite. „Der Dreißigjährige Krieg war eine Katastrophe für die Menschen – nicht nur in unserem Landstrich“, sagt Huber.

Wen die Schweden damals erwischten, der war so gut wie verloren. „Sie haben die Gefangenen bis zum Hals eingegraben und dann gegen ihre Köpfe gekegelt, bis sie tot waren.“ Solche Grausamkeiten bleiben den Teilnehmern heute natürlich erspart.

Vor dem Gemetzel – Gulaschsuppe. Die Armee macht Mittag.

Zurück in der Bayerischen Armee macht Manfred Mühlberger einen kleinen Abstecher. Ihn zieht es zum hinteren Teil des Zuges. „Komm, wir gehen zu den Wanderhuren!“, sagt er lachend. Auf einem Planwagen lugen die Schnapsflaschen unter alten Wolldecken hervor. Auch ein großes Stück Speck lässt dem tapferen Krieger das Wasser im Mund zusammenlaufen. Oder liegt es vielleicht doch an den Weibsbildern, die hier hinten mitmarschieren?

Sie sind zuständig für die Verpflegung und die medizinische Versorgung – einige unter ihnen auch für andere Freuden. Sie sind durch ein gelbes Bändchen an der Schürze gekennzeichnet. Manfred eilt zu einer hin und drückt ihr einen großen Schmatzer auf den Mund. Er darf das. Die Wanderhure ist schließlich seine Frau.

Schon wieder greifen die Schweden an. Diesmal lauern sie hinter einem Heustadel auf. Während die Bayerische Armee in Stellung geht, greifen die Pikeniere von der Seite an. Auch dieser Hinterhalt ist bald überstanden. „Wer hat noch Schuss übrig?“, fragt Oberst von Grasberg in die Runde. Mit der Pyrotechnik muss schließlich sparsam umgegangen werden. Aber den Befehlston hat er gut drauf. Genau wie alle anderen Truppenführer. „Wir haben viele aktive und ehemalige Polizeikommissare dabei“, verrät Huber. „Die können das.“

Ungehorsam wird übrigens auch bestraft. Jeder trägt ein Kerbholz um den Hals. Bei Verstößen wird mit dem Messer eine Kerbe hineingeritzt. Für Mundraub gibt es eine, für gemeinen Diebstahl zwei. Die Strafen reichen von Ermahnung über leichte Folter bis hin zur schweren Züchtigung am öffentlichen Pranger in Wasserburg. Der Zug durchquert mittlerweile einen kleinen Ort. Am Straßenrand stehen Passanten, winken den historischen Figuren zu und schießen Fotos. In der Bayerischen Armee wird die Stimmung langsam etwas aufsässig. „Wir wollen was plündern“, ruft einer. „Und brandschatzen.“

Mittlerweile ist es fast Mittag. Die Stimmung ist gut. „Langsam wächst eine richtige Gemeinschaft heran“, sagt Manfred Mühlberger. „Heute früh war noch jeder etwas für sich, aber jetzt nähert man sich schon an.“ Am Wegesrand haben gutmütige Bewohner den Kriegshelden Schnapsstamperl und kleine Gebäckstücke hingestellt. Der Andrang ist groß.

„Marschbereitschaft herstellen“, ruft Oberst von Grasberg plötzlich über den Platz. Soldat Hans kommt als Letzter. Er konnte sich nicht losreißen vom süßen Gebäck. Der Oberst zückt sein Messer. „Das Kerbholz her!“, befiehlt er. Hans bekommt seine erste Kerbe. Strafe muss sein.

Beschwerliche zwei Tage später ist es vollbracht: Der Jubel ist groß, die Kanone steht im befestigten Wasserburg. Daran können sich die Schweden nun die Zähne ausbeißen. Wie damals vor 400 Jahren. Was aus Hans geworden ist, wurde nicht überliefert. Er ist wohl am Pranger gelandet.

Tassilo Pritzl

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gleitschirmflieger stürzt in Baumkrone
Ein Gleitschirmflieger ist in Neumarkt in der Oberpfalz zehn Meter tief in eine Baumkrone gestürzt. Er war gerade gestartet, da überraschte ihn eine heftige Windböe.
Gleitschirmflieger stürzt in Baumkrone
Buben zerkratzen Autos - und beichten es dann dem Papa
Da hat das schlechte Gewissen gedrückt: Ein Siebenjähriger hat seinem Vater gebeichtet, gemeinsam mit einem Freund in Nürnberg zahlreiche Autos beschädigt zu haben. …
Buben zerkratzen Autos - und beichten es dann dem Papa
Massenschlägerei in Asyl-Unterkunft: Sechs Menschen verletzt 
Bei einer Massenschlägerei mit rund 60 Beteiligten in einer Schweinfurter Flüchtlingsunterkunft sind acht Menschen leicht verletzt worden. Die Polizei ermittelt nun.
Massenschlägerei in Asyl-Unterkunft: Sechs Menschen verletzt 
"Fäkalienregen": Anwohner wundern sich über braune Spritzer auf Autos
Braune Kotspritzer im Garten und auf Autos sorgen in Mittelfranken für Verwirrung: Stammen sie aus einer Flugzeugtoilette? Oder ist es Gülle? Die Polizei glaubt jetzt …
"Fäkalienregen": Anwohner wundern sich über braune Spritzer auf Autos

Kommentare