Dr. Oliver Pogarell von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München

Wann wird’s endlich wärmer?

Psychologe erkärt: Darum brauchen wir den Frühling 

München - Selten haben sich die Menschen so sehr nach dem Frühling gesehnt wie heuer. Warum, das erklärt Dr. Oliver Pogarell von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München

Schnee, der in der Sonne glitzert und blauer Himmel? Ein seltener Anblick in diesem Winter. Dafür gab es Schneegestöber und trübe Tage – so viele wie seit 42 Jahren nicht mehr. Selten haben sich die Menschen so sehr nach dem Frühling gesehnt wie heuer, am Wochenende gibt es übrigens einen kleinen Lichtblick. Warum, das erklärt Dr. Oliver Pogarell von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München.

Herr Dr. Pogarell, haben Sie den Winter satt?

(Lacht) Das haben wir wohl alle! Jeder freut sich, wenn es endlich wieder heller wird. Aber das Schlimmste haben wir überstanden, die Tage werden schon wieder länger.

Warum fehlt uns gerade das Licht so sehr?

Wir wissen, dass sich im Winter die circadiane Rhythmik, also die innere Uhr, verschiebt. Die Zahl der hellen Stunden beeinflusst den Hormonhaushalt. Bei Dunkelheit wird vermehrt das Schlafhormon Melatonin freigesetzt. Es trägt dazu bei, dass man sich im Winter oft müde fühlt. Licht wirkt dem entgegen, wenn es über die Augen aufgenommen wird. Das Signal wird über die Sehbahnen ins Gehirn geleitet – und führt dazu, dass die Melatoninfreisetzung unterdrückt wird.

Trübe Tage bringen auch trübe Stimmung.

Für einen gewissen Anteil der Menschen stimmt das. Sie reagieren besonders stark auf einen Mangel an Licht. Etwa ein Prozent der Bevölkerung leidet an einer solchen saisonal abhängigen Depression. Diese unterscheidet sich von der klassischen Depression: Statt an Appetitlosigkeit und Schlaflosigkeit leiden Patienten oft an Heißhunger, sind müde, haben ein vermehrtes Schlafbedürfnis. Sie sollten sich an einen Arzt wenden.

Aber bei dem miesen Wetter ist schlechte Laune doch normal oder?

In der Tat ist eine gelegentliche Verstimmung nach einer Reihe trüber Tage, wenn man morgens auch noch durch den Schneematsch muss, nicht ungewöhnlich. Wenn sich die Stimmung aber depressiv eintrübt, Freudlosigkeit und Antriebsmangel dazukommen, man die tägliche Leistung nicht mehr bringen kann und wenn dieser Zustand mehr als 14 Tage anhält, sollte man sich um kompetenten Rat bemühen. Nur ein Arzt kann einschätzen, ob wirklich eine Winterdepression dahinter steckt. Dann aber kann man zum Beispiel mit einer Lichttherapie helfen, wie auch wir sie in der Klinik anbieten. Dazu setzen sich die Patienten etwa eine halbe Stunde täglich einer starken Lichtquelle von etwa 10 000 Lux aus, deren Spektrum dem der Sonne recht ähnlich ist.

An allem ist also nur der Lichtmangel schuld?

Eine Rolle kann auch spielen, dass man in dieser Jahreszeit Gewohnheiten und Hobbys nicht mehr so gut nachgehen kann, man bewegt sich auch insgesamt weniger. Wir wissen aber, dass sich Bewegungsmangel negativ auf die Stimmung auswirken kann. Dabei tragen auch die vermehrte Müdigkeit und das stärkere Schlafbedürfnis dazu bei, dass wir nicht mehr so gern rausgehen, weniger aktiv sind – enorme Auswirkungen also, die sich gegenseitig auch noch verstärken. Psychisch belasteten Patienten empfehlen wir darum auch in der Therapie körperliche Bewegung, etwa viel an der frischen Luft spazieren gehen.

Wir müssen also raus in die Kälte, um bis zum Frühling durchzuhalten?

Wie wird das Wetter in Ihrer Region? Hier geht's zur Vorhersage!

Die trübe Stimmung kommt nicht nur vom Wetter. Im Winter verbringen wir mehr Zeit in klimatisierten Räumen. Im Winter mag man wegen der Kälte nicht so oft lüften. Gearbeitet wird oft in spärlich beleuchteten Räumen, in denen man sich dann acht Stunden am Tag aufhält. Das drückt insgesamt auf die Stimmung und wirkt sich dann vielleicht auch auf die Arbeitsleistung aus. Arbeitsmediziner und Lichtdesigner wissen: Licht trägt zum Wohlbefinden bei. Darum sollte man abends, wenn man aus dem Büro kommt, nicht gleich wieder rein in die dunkle Wohnung, sondern die Resthelligkeit des Tages nutzen und etwa spazieren gehen. Immerhin ist es jetzt schon länger hell. Auch das Wochenende sollte man nutzen, um rauszugehen, auch wenn die Sonne nicht scheint. Selbst an einem trüben Tag ist es draußen viel heller als drinnen.

Bewegung, vor allem aber mehr Licht, hebt im Winter also die Laune...

Auch für den Vitamin-D-Stoffwechsel, wichtig für den Knochenaufbau sowie das Nervensystem, spielt Licht eine wichtige Rolle. Dazu braucht es die Einstrahlung der Sonne auf die Haut. Doch im Winter scheint sie nicht nur weniger. Statt kurzärmlig wie im Sommer gehen wir vermummt ins Freie. Die Sonnenstrahlen erreichen dann fast nur das Gesicht. In weit nördlich gelegenen Regionen kann das dann zum Problem werden. So dramatisch ist es bei uns meist nicht, immerhin scheint ab und zu die Sonne in ausreichender Stärke. Zudem sind wir hierzulande gut ernährt und leiden auch sonst nicht an Vitaminmangel.

Auf Winterdepression folgt oft Frühjahrsmüdigkeit: Warum dauert es so lange, bis uns die Sonne aus dem Wintertief holt?

Der Stoffwechsel stellt sich nicht so schnell um, die Veränderungen hängen noch eine Zeit lang nach. Das kann ein paar Tage bis Wochen dauern. Und dann kommt ja auch noch die Zeitumstellung – und die bringt manches wieder durcheinander.

Das Interview führte Andrea Eppner

Hoffnung für das Wochenende - kommt jetzt der Frühling?

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