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Sonnenanbeter im Pulli, die Jacke ist überflüssig. Auf einer Bank hinter dem Rathaus in München genießen diese Drei die Wärme – am 7. Januar 2014.

Warm, wärmer, 2014

So hat das milde Klima Bayern geprägt

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München - Deutschland hat sein wärmstes Jahr seit dem Beginn regelmäßiger Messungen hinter sich. Auch das bayerische Wetter war im Schnitt zu mild – auch wenn es nicht zum Rekord reichte. Wie hat das warme Klima Bayern geprägt?

Wäre Wetterkunde ein Wettrennen, sagen wir zwischen Wärme und Kälte, dann gab es 2014 in Bayern einen knappen Gewinner. Und zwar auf den allerletzten Metern. Die eisigen Temperaturen nach Weihnachten verhinderten, dass das Jahr, das hinter uns liegt, das wärmste im Freistaat seit Jahrzehnten wurde. Anders als für Gesamtdeutschland, wo die Meteorologen für die vergangenen zwölf Monate die wärmsten Temperaturen seit 1881 melden, verkünden die Experten vom Deutschen Wetterdienst in München: 2014 war das zweitwärmste Jahr.

Wir erinnern uns: Wir saßen im Februar am Chinesischen Turm im Biergarten. Wir feierten in lauer Sommernacht den WM-Sieg der Nationalmannschaft. Wir wanderten Anfang November noch im T-Shirt und kurzer Hose in den Hausbergen. Wir schlürften Glühwein bei frühlingshaften Temperaturen. Und kurz bevor der Wärmerekord amtlich geworden wäre – Schnee. Eis. Kälte. Dennoch sagt Gudrun Mühlbacher vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in München: „Das Jahr war viel zu warm.“

Der DWD in München hat eine Messreihe seit 1955 – seither wird die Lufttemperatur nach einer Methode gemessen, die Werte sind so vergleichbar. Vor allem seit den 80er-Jahren steigen die Durchschnittswerte: der Klimawandel. Das wärmste Jahr bislang war 1994 mit 11,2 Grad. Das Jahr 2014 liegt mit 11,1 Grad nur knapp darunter. Dabei war kein Monat extrem, sagt Wetterexpertin Mühlbacher. Was Niederschläge angeht, war 2014 insgesamt zu trocken, vor allem in den ersten Monaten. „Das war der Schnee, der fehlte“, sagt Mühlbacher. Der ist jetzt da, mit ihm ein kerniger bayerischer Winter. Doch welche Auswirkungen hatten die milden Temperaturen das ganze Jahr über? Wer profitierte? Wer litt? Wir haben uns im Freistaat umgehört.

Skigebiete

Antonia Asenstorfer von Alpenplus, dem oberbayerischen Skigebiete-Verbund, hadert mit ihrer Bilanz: „Leider war der Winter nichts Gescheites“, sagt sie, „und der Sommer auch nicht.“ Erst fiel kein Schnee. Dann doch – die Leute kamen trotzdem nicht zum Skifahren. „Der Winter hat in den Köpfen der Leute nicht stattgefunden.“ Im Februar war es so mild, dass die Münchner, mit die wichtigsten Kunden für die Liftbetreiber in den Hausbergen, lieber aufs Radl stiegen als Skier anzuschnallen. Dabei kam zum Beispiel das Brauneck auf immerhin 100 Betriebstage, „das ist nicht so schlecht“, sagt Asenstorfer. Nach dem mauen Winter hofften die Liftbetreiber auf August – eigentlich der stärkste Monat im Sommer. Doch der war ziemlich verregnet. „Was uns gerettet hat, war der schöne Herbst“, so Asenstorfer, von Mitte September bis in den November hinein. Und wenigstens schneite es am Zweiten Weihnachtstag, so dass in den Ferien jetzt ein Lift nach dem anderen öffnen kann. Den Alpenplus-Gebieten (Brauneck-Wegscheid, Wallberg, Spitzingsee-Tegernsee, Sudelfeld und Zahmer Kaiser) bleibt trotz der rettenden Tage Ende Dezember ein Gäste-Minus von 20 Prozent.

Wandersaison

Wenn es fürs Skifahren zu warm war, müsste die Wandersaison ja prima gelaufen sein – oder? Stimmt nicht ganz. „Die Saisonbilanz der Hüttenwirte fällt ganz unterschiedlich aus“, sagt Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein. In den niedriggelegenen Hütten am Alpenrand und etwa in den Ammergauer oder den Chiemgauer Bergen, lief das Geschäft noch relativ gut – vor allem, weil nach der Wiesn der goldene Herbst durchstartete. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten die höhergelegenen Hütten bereits geschlossen. Die ohnehin kurze Saison war vorbei. Was, wenn 2015 wieder so wird? „Für manche wird es ganz schwierig, wenn noch mal so ein Jahr kommt“, sagt Bucher. Das Bergwetter 2014 sei nämlich „wechselhaft bis zum Abwinken gewesen“. Überlebensfähig seien nur die Hüttenwirte, die Spezialprogramme anbieten, etwa Bergferien für Familien. „Die haben gebucht und kommen auch bei schlechtem Wetter.“ Weil Skitouren nur mit Schnee funktionieren, war diese Saison „nicht rosig“. „Ambitionierte Tourengeher mussten ausweichen nach Südtirol oder in die Schweiz.“

Gastronomie

„Das Wetter spürt man in der Gastronomie extrem“, sagt Ulrich Brandl, Präsident des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands. Er geht mit gemischten Gefühlen aus dem alten ins neue Jahr. Für Betriebe mit Außengastronomie sei es „hervorragend gelaufen“ – weil der Winter früh zu Ende war und spät begann, waren Plätze im Freien viele Wochen länger nutzbar als sonst. Doch Brandl sagt: „Die, die stark auf den Winter ausgerichtet sind, leiden.“ Gerade in diesem Jahr habe sich bewährt, dass viele Betriebe in den Wintersportorten den 2010 eingeführten Steuerrabatt für Investitionen genutzt hätten – und ihr Wellness-Angebot ausgebaut hätten, um wetterunabhängig zu sein. Ein warmer Winter wie dieser, so Brandl, könnte helfen, in der Hinsicht noch zögerliche Kollegen „anzuschubsen“.

Getreide

Aus den Bergen in die Täler: Wie gehen eigentlich unsere Kulturpflanzen mit der Wärme um? Matthias Kick, Pflanzenbauexperte beim Bayerischen Bauernverband, vermeldet „Spitzenerträge über alle Kulturen“, vor allem beim Getreide. Es gab kaum Verlust durch Frost wie zum Beispiel 2011, als im Januar eine Kältewelle mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad Wintergerste und Winterweizen zerstörten. Und obwohl das Jahr insgesamt laut Wetterdienst etwas zu trocken war, kam das Wasser für die Landwirte „doch zur richtigen Zeit“. Ausnahme: In der Münchner Schotterebene und in fränkischen Sandlagen reichte das Wasser nicht, weil es schnell versickerte. Dort mussten die Bauern massive Ausfälle hinnehmen. Bitter für den einzelnen – manch einer konnte noch nicht einmal genügend Futter einfahren. Deutschlandweit wurden dennoch insgesamt 52 Millionen Tonnen Getreide geerntet. Rekord. Allerdings drückt der auf den Preis – „zudem wurde auf der ganzen Welt viel geerntet“, sagt Kick. Weiterer Nachteil der milden Temperaturen: „Wenn es wärmer wird, steigt der Schädlingsdruck auf Pflanzen.“ In warmen Wintern wird Weizen von der Krankheit Gelb- rost befallen – bemerkt der Landwirt das nicht, ist das Feld in zwei Tagen kaputt. Einzige Rettung: verstärkter Einsatz von Spritzmitteln.

Grünland

Rekordernten beim Getreide verzeichnen die Bauern wegen der milden Temperaturen.

Wärme ist auch für das Grünland gut: „Je wärmer, desto mehr wächst“, sagt Michael Diepolder von der Landesanstalt für Landwirtschaft. Voraussetzung: Das Wasser muss da sein – und zwar zum richtigen Zeitpunkt. 2014 waren die Bedingungen gut, und so konnten viele Landwirte im Herbst einmal mehr schneiden als sonst. Das bringt mehr Futter, ist aber auch zwingend nötig, um die Qualität der Wiesen zu erhalten. „Wird Grünland überständig, ist es krankheitsanfälliger“, sagt Diepolder. Je stärker die Jahresdurchschnittstemperaturen schwanken, desto flexibler müssten die Landwirte werden, sagt der Experte.

Forst

Der Landwirt kann eine Wiese zur Not sogar bewässern, wenn es der Klimawandel erfordert – der Wald ist der Witterung schutzlos ausgeliefert. Waldbesitzer können nicht eben mal auf wärmeliebendere Baumarten umsteigen oder einfach in eine andere Gegend ziehen. „Deshalb ist der Forst darauf angewiesen, dass das Klima konstant bleibt“, sagt Christian Kölling, Leiter der Abteilung Klima in der Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft. Das Jahr 2014 war eher problematisch. Unsere Bäume sind auf klare Jahreszeitenwechsel eingestellt. Frost ist das Signal für Winter – und zugleich für den etwas später anstehenden Frühling. „Bekommt er dieses Frostzeichen nicht, kommt der Baum total durcheinander“, sagt Kölling. Er treibt zu früh aus und wird von einem möglichen späteren Frost überrascht. Das hat auch Auswirkungen auf die Früchte. Ist der Winter wie 2014 zu mild, verbraucht etwa die Buchecker zu früh zu viel Energie. Geht es dann wirklich ans Austreiben, „geht ihr die Puste aus“.

Die stetige Erwärmung macht unserem Wald schon länger zu schaffen. Vor allem der dürre Sommer 2003 richtete Schäden an. So schlimm war 2014 nicht. Dennoch sagt Kölling: „Unser Wald muss weiter umgebaut werden.“ Die kälteliebenden Fichten müssen durch anpassungsfähigere Buchen oder Douglasien ersetzt werden.

Vögel

Wie haben unsere Vogelarten das milde Jahr vertragen? „Auf Langstreckenzieher haben warme Temperaturen bei uns keine direkten Auswirkungen. Die fliegen hier los, wenn es noch warm ist, und kommen zurück, wenn es wieder warm ist“, erklärt Markus Erlwein vom Landesbund für Vogelschutz. Stärker betroffen sind Kurzstreckenzieher wie der Hausrotschwanz, die länger bei uns aushalten und nicht so weit, nur in den Mittelmeerraum fliegen. Sie werden sich bei milden Wintern wie diesem gut überlegen, ob sie das Risiko der weiten Reise auf sich nehmen. Wenn sie dableiben, bleibt das Risiko, dass es im März plötzlich kalt wird und sie leiden. Es gibt auch gute Nachrichten: „Viele Gartenvögel wie die Amsel oder die Kohlmeise konnten heuer drei Mal statt ein Mal brüten“, sagt der Experte. Da es bei vielen Alltagsvögeln wie den Haussperlingen, Feldlerchen und Rebhühnern einen schleichenden Rückgang gibt, könne ein Jahr mit mehreren Bruten solche Negativtendenzen ausgleichen. Und: „Solange es mild ist und kein Schnee liegt, finden auch Greifvögel wie Turmfalke und Mäusebussard genügend Nahrung, zum Beispiel Mäuse.“ Wegen der milden Temperaturen haben zudem deutlich mehr Rotmilane und Weißstörche in Bayern überwintert: „Sie haben sich die Reise in den Süden gespart.“

Fische

Das milde Jahr hat auch die Fischerei beeinflusst. Wie Helmut Wedekind, Leiter des Instituts für Fischerei, berichtet, bangte vor allem die Karpfenwirtschaft in Franken und der Oberpfalz – im Frühjahr fehlte Regen, der die Becken im Freien füllt. Ist ein Teich nur zu zwei Dritteln voll, wird das Wasser warm, der Sauerstoff knapp, der Besitzer muss den Bestand reduzieren. Allerdings wachsen Karpfen bei Wärme auch besonders gut. Auch Forellenteichzuchtbetriebe waren betroffen. Werden die nächsten Jahre ähnlich mild, könnten sich vor allem die wärmeliebenden Waller und Welse in bayerischen Gewässern ausbreiten.

Carina Lechner

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