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Plagerei für den Bergwald: Forstminister Brunner pflanzt am Wank ein Bäumchen.

Kritik an Gesetzesänderung

Naturschützer warnen vor Bergwald-Sterben

München – Der Bund Naturschutz schlägt Alarm: Durch eine Gesetzesänderung seien tausende Hektar Bergwald bedroht. Der Verband wirft dem Forstministerium vor, das vertuschen zu wollen.

Neulich am Wank, Kreis Garmisch-Partenkirchen. Forstminister Helmut Brunner (CSU) tauscht Sakko gegen Arbeitsjacke, trägt Handschuhe, treibt mit der Hacke in Loch in den Steilhang. Behutsam gräbt er ein Latschen-Bäumchen in den Boden. Es werden Fotos gemacht, Brunner spricht über die Wichtigkeit des Bergwaldes für Erosions- und Hochwasserschutz, kündigt weitere Pflanzungen an. Das Signal: Bayern schützt den Bergwald.

Tatsächlich hat der Freistaat in den vergangenen 25 Jahren 74 Millionen Euro in den besonders sensiblen Schutzwald investiert. Umso krasser ist der Widerspruch zu dem Gesetz, das seit drei Jahren gilt, findet der Bund Naturschutz (BN) – und erhebt, gestützt von einer eigens angefertigten Studie, schwere Vorwürfe gegen die Staatsregierung: 7000 Hektar Bergwald seien akut bedroht. Doch das würde die Behörde vertuschen, Zahlen würden verheimlicht. Der Vorsitzende des Bund Naturschutz, Hubert Weiger, kündigte gestern an, auf die Herausgabe entsprechender Daten zu klagen.

In Bayern gibt es 1400 Almen und Alpen, davon ist ein Teil bewaldet. Weil die Bewirtschaftung für die Bauern sehr aufwändig ist, erhalten sie Fördergelder. Doch für Forst fließen keine Subventionen – weshalb die Landwirtschaftsämter eine Lösung fanden, um den Almbauern dennoch Geld auszahlen zu können: Sie stuften Bergwälder als Weideflächen ein. Das bekam der Oberste Rechnungshof spitz – und meckerte. Die Bauern bangten um ihre Zuschüsse.

Der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern, der ein gutes Verhältnis zur Bundesagrarministerin Ilse Aigner pflegt, wurde aktiv – und drängte mit Unterstützung der bayerischen Staatsregierung auf eine bauernfreundliche Lösung. Mit Erfolg, der Bundesrat winkte im Mai 2010 das neue Gesetz durch. Seitdem gilt: Alles, was weniger als 40 Prozent Baumbestand hat, ist vor dem Gesetz kein Wald mehr. Die Förderung war gesichert, die Almbauern freuten sich über die „Rechtssicherheit“.

Doch beim BN heißt es dazu: „Hier wurde die Natur per Gesetzesakt den Förderrichtlinien angepasst.“ Das führe dazu, dass der Bergwald immer weiter zurückgedrängt werde. Denn was offiziell kein Wald ist, geht auch den Förster nichts mehr an: Er führt keine Kontrollen durch, der Grundbesitzer oder der Inhaber des Alm-Weiderechts braucht keine Erlaubnis, um Bäume zu fällen. Und die Aufforstungspflicht entfällt. Man werde beobachten, ob es zu unsachgemäßen Einschlägen komme, beteuerte ein Ministeriumssprecher gestern. Allerdings haben die Staatsforsten, die Bauern Weiderecht gewähren, gar keine Kontroll- oder Sanktionsmöglichkeiten mehr – das gab der Sprecher zu.

Wie viele Flächen umgewidmet wurden, ist auch drei Jahre nach der Gesetzesänderung nicht bekannt – der BN und zwei SPD-Abgeordnete hatten mehrfach versucht, die Zahlen vom Forstministerium zu bekommen. „Schwieriger war es nie“, sagt Hans Kornprobst, Waldexperte beim BN. Der Verband geht von 7000 Hektar aus, ohne genau zu wissen, woher die Zahl stammt. Aus dem Ministerium heißt es, es gebe keine Daten über die umgewidmete Fläche – die 7000 Hektar hätten keine Grundlage. Allerdings ergaben Recherchen unserer Zeitung, dass die Prüfer vom Obersten Rechnungshof diese Zahl im März 2012 in einem Schreiben ans Ministerium erwähnten.

Mangels offizieller Zahlen verschaffte sich der Bund Naturschutz für ein kleines Gebiet, das Estergebirge um den Wank, in mühsamer Einzelabfrage einen Überblick (siehe Grafik). Das 3000 Hektar große Gelände gehört den Staatsforsten – durch die Neuregelung sind 15 Prozent davon offiziell nicht mehr Wald, sondern Weide.

Kein Problem, findet man im Ministerium: Die Flächen seien schon vor der Gesetzesänderung seit Generationen landwirtschaftlich genutzt gewesen, es handle sich nicht um Bergwald, sondern um mit Bäumen licht beschattete Weideflächen. Ein Interview gab Minister Brunner nicht – dies sei ihm ohne genaueres Aktenstudium nicht möglich, teilte ein Sprecher mit.

Für den Almwirtschaftlichen Verein spielen die Zahlen sowieso keine Rolle, sagt Geschäftsführer Michael Hinterstoißer. „Das waren schon immer Weideflächen“, sagt er. Er verstehe den Wirbel nicht, den der Bund Naturschutz veranstalte. „Die Bauern gehen verantwortungsvoll mit den Almen um.“

Zu Unrecht fühlt sich auch Landwirt Georg Reisberger beschuldigt: „Der Bund Naturschutz handelt hintenrum“, sagt er. Der 42-Jährige betreibt mit einem anderen Bauern die Krottentalalm bei Bayrischzell, Kreis Miesbach. Auf einer Teilfläche, die durch das neue Gesetz nicht mehr Bergwald, sondern Weide ist, wurden laut BN nach der Gesetzesänderung Bäume umgeschnitten. „Das war keine Untat“, sagt Reisberger. „Wir haben nichts getan, was wir nicht durften. Da wächst schon wieder was nach.“ Die Maßnahme sei nötig gewesen, weil die Fläche, auf der Tiere weiden, immer kleiner geworden sei. Von Abholzaktionen im staatlichen Ex-Bergwald weiß der Bund Naturschutz bislang nichts. Der Vorsitzende Weiger befürchtet: „Das wird schleichend kommen.“

Aus der jährlichen Waldflächenbilanz geht übrigens nicht hervor, dass ein Teil des Bergwalds in Weiden umgewandelt wurden. „Darin werden nur Rodungen und Erstaufforstungen erfasst“, so ein Ministeriumssprecher. Und so durfte Helmut Brunner Anfang Juni wie in den Jahren zuvor mitteilen: „Die Waldfläche in Bayern ist weiter gewachsen.“

Carina Lechner

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