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Geht hier alles mit rechten Dingen zu? Alle Menschen, die an diesem Altar der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Ering tätig waren, seien in den letzten Jahren verstorben, sagt Endre Graf Esterházy – und wünscht sich einen Inquisitor.

Großer Spuk im kleinen Ort

Warum der Inquisitor ins Dorf Ering kommen soll

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Ering - Im niederbayerischen Ering sind in den vergangenen Jahren mehrere kirchliche Würdenträger gestorben. Grund genug für einen Grafen aus der Gegend, das Bistum um einen „Inquisitor“ zu bitten. Und auf einmal spricht ganz Bayern über das spukende Dorf.

Kurz hinter der Bäckerei Siebzehnrübl sticht sie in den Himmel. Die spätgotische Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, Herzstück von Ering am Inn in Niederbayern. Ein Auto fährt vor, hält am Hintereingang. Otto Wagmann, 79, Mesner, steigt aus. In drei Stunden ist Messe, er muss die Heizung anschalten. Otto Wagmann ist nicht nur Mesner, er ist auch Witwer. Bald ist es sechs Jahre her, dass seine liebe Anneliese für immer gegangen ist. „Man kann die Leute nicht vom Sterben abhalten. Daran können auch Kirchenobere oder Politiker nichts ändern“, sagt er und gibt der Autotür einen Schubser. So sieht er das. So traurig es ist. „Aber es is’ hoid aso.“ Nur: So mancher rund um Ering sieht das anders.

Denn nicht nur Otto Wagmanns Frau, bis zu ihrem Tod 2010 Mesnerin, ist gestorben. Nach ihr traf es vier weitere führende Mitglieder der Kirchengemeinde: den stellvertretenden Vorsitzenden des Pfarrgemeinderats (2012), den Pfarrer (2013), den Kommunionhelfer (2014) und zuletzt im Februar den Pfarrgemeinderatsvorsitzenden – alle zwischen 52 und 64 Jahren alt.

Auf einmal war Ering der Ort, auf dem ein Fluch lastet

Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu, dachte sich Endre Graf Esterházy, der früher im Eringer Pfarrgemeinderat war und jetzt auf der anderen Seite des Inns im österreichischen Ranshofen, einem Stadtteil von Braunau residiert. Er setzte einen Brief auf, der Ering zum Gesprächsthema in ganz Bayern machte und bei den Einheimischen noch immer für Kopfschütteln sorgt. Denn auf einmal war Ering der Ort, in dem es spukt. Der Ort, auf dem ein Fluch lastet. Der Ort, in dem der Teufel sein Unwesen treibt. Und Dämonen, das wusste schon Goethe, wird man schwerlich los.

Er will einen Inquisitor: Endre Graf Esterházy mit seiner Frau, der Opernsängerin Christine Gräfin Esterházy.

Ering hat rund 1700 Einwohner, ein Schloss, dessen Schlossherr der Bruder des Briefschreibers ist, ein kleines Schwimmbad und ein Naturschutzgebiet mit Flussregenpfeifern, Rotrückenwürgern und 300 weiteren Vogelarten. Passau ist eine halbe Autostunde entfernt, dafür kann man über den Inn nach Österreich schauen. Wegen des ortseigenen Grenzübergangs fährt derzeit die ein oder andere Polizeistreife mehr über das Kopfsteinpflaster im Ortszentrum. Ansonsten zwitschern vor allem die vielen Vögel. Idylle. Bis Endre Graf Esterházy in seinem Brief einen Inquisitor forderte.

Adressiert an den Passauer Bischof Stefan Oster schrieb Esterházy Ende Februar: „Diese absolut hohe Zahl der Sterbefälle rund um den Altar von Ering bedarf inzwischen einer dringenden kirchlichen Aufklärung durch die kirchliche Obrigkeit.“ Der Bischof möge doch bitte einen „Inquisitor“ entsenden, der vor Ort klären solle, wie diese „so ominösen Sterbefälle aus kirchlicher und christlicher Sicht zu erklären sind“.

Nun ist die Inquisition, also die gerichtliche Verfolgung von Ketzern, doch schon eine Weile her. In mehreren Wellen schwappte dieses unrühmliche Kapitel der Geschichte über Europa hinweg – und auch über Bayern. „Hier hatten wir einen traurigen Höhepunkt am Ende des 16. und am beginnenden 17. Jahrhundert“, sagt Manfred Heim, Professor für Bayerische Kirchengeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das Geschlecht der Esterházys stieg da gerade in den Hochadel auf. 1617 waren die Inquisitoren schon einmal in der Gegend, als sie in Braunau, heute Heimatgemeinde von Endre Graf Esterházy, einen Hexenprozess führten. Aber seitdem ist viel Zeit vergangen.

Den Grafen gruselt's - bayernweite Schlagzeilen

Ein Anruf also bei dem Grafen, den es gruselt: „Wir müssen das im Telegrammstil machen“, sagt er und diktiert los: Das gab es noch nie in Ering. Großes Thema im Ort. Menschen sehr aufgeregt. Von anderen „Mitbewohnern“ gebeten worden, zu schreiben. Nein, noch keine Reaktion vom Bischof. Dann muss er los. Das nächste Fernsehteam wartet in der Pfarrkirche in Ering. Dort wird er später in die Kamera sagen: „Die letzten Jahre sind wirklich alle Menschen, die hier am Altar tätig waren, verstorben.“ Das sei doch mysteriös. Himmelherrgott.

Er hat genug vom Spuk: Für Erings Bürgermeister Johann Wagmann sind die Todesfälle eine ganz normale Sache.

Mysteriös findet Johann Wagmann nur eines: Wie Ering mit so einem „Schmarrn“ bayernweit in die Schlagzeilen geraten konnte. Wagmann ist Busfahrer, Sohn des Mesners und Bürgermeister von Ering. Er empfängt im Busfahrer-Büro statt im Rathaus, schiebt Kalender und Telefon beiseite und wirft sich sein braunes Trachtensakko über. „So traurig die Todesfälle sind, für mich ist das eine ganz normale Sache.“ Wagmann ist ein bodenständiger Mensch. Er kennt seine Eringer, zählt die Todesursachen aller fünf Verstorbenen auf, zu denen auch seine Mutter gehört: Demenz, Krebs, Leukämie, nochmal Krebs, Herzinfarkt. Nichts Übersinnliches, durch und durch weltliche Leiden.

Kein Geist höchstens der Heilige

Von dem Brief hat er aus der Zeitung erfahren. „Jeder hat gelacht. Und jeder lacht heute noch.“ Aber besonders lustig findet er das alles nicht. Überall werde er angesprochen, im Bus, beim Einkaufen, im Büro. Zum Grafen will er gar nicht viel sagen. „Soll er doch mal nach Ering kommen und sich umhören bei den Leuten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur einer gesagt hat, da braucht was unternehmen.“ Eine besondere Verbindung zu Ering habe Endre Graf Esterházy jedenfalls schon lange nicht mehr. Warum dann der Brief? „Das ist mir schon klar warum. So ist man schnell wieder in aller Munde.“ Unfair findet er das vor allem gegenüber den Angehörigen des letzten Verstorbenen. „Der war gerade mal eine Woche unter der Erde, bevor der ganze Zirkus losgegangen ist. Mich wundert es, dass die sich das gefallen lassen.“

Das ist sie, die Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Ering im Landkreis Rottal-Inn. In den vergangenen Wochen war hier etwas mehr los als sonst in dem 1700-Einwohner-Ort üblich.

In der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt ist von all dem Trubel nichts zu sehen. Der Altar ist eingedeckt, hinten flackert eine einzelne Gedenkkerze. Ein österreichisches Pärchen mittleren Alters steht vor der Pforte. Die beiden sind für einen Spaziergang über die Grenze gekommen, wollten die Kirche sehen. Von den Todesfällen haben sie nichts mitbekommen. „Ist doch ganz normal“, sagt der Mann und zuckt mit den Schultern. „In unserem 400-Einwohner-Dorf sind auch in kurzer Zeit drei Leute gestorben.“ Gegruselt habe es sie jedenfalls nicht in der Kirche, sagen sie und lächeln. Kein Geist. Höchstens der Heilige.

Paul-Daniel Graf Esterházy, Schlossherr von Ering, lächelt nicht. Seit Wochen sei er gezwungen, ein Schreiben nach dem anderen zu verfassen, weil er ständig mit seinem Bruder verwechselt werde. Sein Telefon klingele ununterbrochen, halbseidene Exorzisten und Geistesaustreiber wollen sich um die Dämonen kümmern, die Ering doch angeblich heimsuchen.

Der Fall wird schon in einschlägigen Internforen diskutiert

Tatsächlich wird der Fall bereits in einschlägigen Internet-Foren diskutiert. Ein Nutzer ist der Meinung: „Die Zeit drängt, eventuell sind ein klassischer katholischer Exorzismus und ein erfahrener Exorzist notwendig.“ Ein anderer schreibt, „der Einsatz von Exorzisten ist heutzutage in nahezu jeder Kirchengemeinde notwendig, denn wir leben in einer Zeit mit so vielen Besessenen wie nie zuvor.“ Das werde jedoch erfolgreich „durch den Satan“ verhindert. Im Fall Ering will aber nicht einmal er den Teufel an die Wand malen – vielleicht werde die Geschichte ja nur zur „Erhaschung von Aufmerksamkeit“ genutzt.

Und der Pfarrer? Peter Kieweg will das Schreiben des Grafen nicht weiter kommentieren, das sei so mit dem Bistum vereinbart. Er verweist auf die schriftliche Mitteilung der Diözese. Darin heißt es: „Ob es sich im Pfarrverband Ering statistisch gesehen im genannten Zeitraum um eine höhere Häufigkeit von Todesfällen handelt, kann seitens der Diözese nicht geprüft werden.“ Die Bitte nach einem Inquisitor weißt das Bistum zurück. Das scheide allein schon deshalb aus, weil es die Inquisition in der katholischen Kirche nicht mehr gebe. Nach Rücksprache mit Pfarrangehörigen in Ering könne jedoch von einer generellen Beunruhigung keine Rede sein.

Und damit soll der Spuk auch endlich ein Ende haben.

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