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Ein Bergwachtler zeigt am Mittwoch bei einer Demonstration der Bergwacht und des Bayerischen Roten Kreuzes ein Lawinen-Airbag-System (Archivbild).

Was bringen Lawinen-Airbags wirklich? 

„Zurzeit ist man dann ohnehin nur ein Spielball der Lawine“ 

Die vier Skifahrer beim Drama in Lech waren sehr gut ausgerüstet. Neben der kompletten Notfallausrüstung (Lawinen-Verschütteten-Suchgerät, Sonde, Schaufel) trugen sie auch Lawinenairbags.

Drei Skifahrer konnten die Airbags beim Abgang der Lawine auch noch rechtzeitig auslösen – trotzdem wurden sie komplett verschüttet. Was bringen Lawinenairbags? Täuschen sie am Ende eine Sicherheit vor, die es nicht gibt? Der Münchner Merkur sprach mit Christoph Hummel (40), Sicherheitsforscher beim Deutschen Alpenverein in München.

Wie funktioniert ein Lawinenairbag? 

Der ausgelöste Lawinenairbag vergrößert das Volumen der Person, ohne dabei das Gewicht zu erhöhen. Nach dem Auslösen des Airbags blasen sich ein oder zwei Ballons auf, die ansonsten im Rucksack verstaut sind. Dadurch wird man also größer, aber nicht schwerer. Damit erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass man auf der Lawine aufschwimmt und nicht komplett verschüttet wird. Der wissenschaftliche Begriff für diesen Effekt heißt „inverse Segregation“, umgangssprachlich ist das als „Müsli-Effekt“ bekannt: Schüttelt man eine Müsli-Packung, bleiben die großen Nüsse und Flakes oben in der Verpackung – die kleinen Haferflocken und Rosinen sinken ab. 

Trotz ausgelöster Aibags wurden die Skifahrer aber komplett verschüttet... 

Es gibt eben keine Garantie. Man kann, wenn man viel Glück hat, auch ohne Airbag auf der Lawine bleiben, mit Airbag ist nur die Wahrscheinlichkeit (deutlich) höher – wenn man ihn manuell an einem Griff, der sich auf Brusthöhe befindet, rechtzeitig vorher auslöst. Wenn die Lawine zum Beispiel in einem Graben endet, dann hilft aber auch der Airbag nicht. Wenn man von der Lawine in so einen Graben gespült wird, und von hinten die restliche Lawine über einen drüber rutscht, kann man trotzdem metertief verschüttet werden. Bei den außergewöhnlichen Schneemassen zurzeit ist man dann ohnehin nur ein Spielball der Lawine. 

Empfehlen Sie persönlich, bei Skitouren im freien Gelände einen Airbag zu tragen? 

Ein Airbag ist eine sinnvolle zusätzliche Notfallausrüstung. Wir sprechen hier nicht von einer Sicherheitsausrüstung. Denn wenn jemand in eine Lawine gerät, ist das ein Notfall – und die kann kein Ausrüstungsgegenstand verhindern. Das geht nur durch ein anderes Verhalten, indem man bestimmte Bereiche nicht befährt oder betritt. Die Basis-Ausrüstung muss aber immer dabei sein: Schaufel, Sonde, Verschütteten-Suchgerät. Wenn ich die nicht dabei habe, habe ich auch keine Chance, innerhalb von 15 Minuten gefunden zu werden. Das ist genau das Zeitfenster, in dem man noch gute Überlebenschancen hat. 

Was kostet ein Airbag-Rucksack und wie viel zusätzliches Gewicht muss ich einplanen? 

Airbags mit Rucksack kosten ab 600 Euro aufwärts und wiegen zwischen zwei und vier Kilo. 

Gibt es ein besseres System auf dem Markt, um die Überlebenschancen bei einem Lawinenabgang zu erhöhen? 

Es gibt kein System, das – wenn man schon von einer Lawine erfasst wurde – eine Totalverschüttung besser verhindern kann, als ein Airbag-Rucksack. Laut einer kanadischen Studie verringert der Airbag das Sterberisiko wenn man von einer Lawine erfasst wurde von 22 auf 13 Prozent 

Wie beurteilen Sie das Verhalten der verunglückten Skifahrer? 

Bei so großen Neuschneemengen in einen so großen Hang zu fahren, der von links und rechts von noch steilerem Gelände umgeben ist, ist schon mutig. Ich weiß allerdings nicht, wie erfahren die vier Skifahrer waren, wie sich die Situation vor Ort am Unglückstag darstellte und warum sie sich für diese Abfahrt entschieden. Es steht mir daher meines Erachtens nicht zu, ihr Verhalten als völlig fahrlässig zu verurteilen. Derartige Vorverurteilungen geschehen im Zusammenhang mit Lawinen leider sehr oft.

Wie meinen Sie das? 

Es steht einem doch frei, Dinge zu tun. Es steht einem auch frei, auf der Autobahn mit Tempo 200 zu fahren, wenn es keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt. Wenn bei einem Autounfall vier Menschen verunglücken, akzeptiert das jeder. Wenn beim Bergsteigen aber was passiert, dann folgt meist ein Riesen-Aufschrei, auch in den Medien. Ich denke, die gesellschaftliche Akzeptanz des Risikos beim Bergsport ist einfach sehr niedrig. Und dann kommt immer der Vorwurf, dass man ja auch die Retter in Gefahr bringt. Aber auch die Retter wissen um das Risiko und sind gut ausgerüstet und geschult. Sie wissen, dass sie sich nicht in Gefahr bringen sollen, dass sie ihr Leben bei einem Rettungseinsatz nicht riskieren dürfen. Und die Bergretter machen ihren Job auch freiwillig und aus Leidenschaft. Der ständige Vorwurf, dass man deren Leben in Gefahr bringt, ist deshalb meiner Meinung nach nicht richtig.

Video: Lawinenunglück überlebt und mitgefilmt dank Airbag

Lesen Sie auch: Schnee-Chaos in Bayern - Ticker

Das Interview führt Bernd Ernemann

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