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Wastl Fanderl und seine Frau Lisl (Foto von 1968).

Zum 100. Geburtstag von Wastl Fanderl

Kritischer Blick auf ein Volksmusik-Idol

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München – Er ist das Idol ungezählter Generationen bayerischer Volksmusiker: Wastl Fanderl (1915-1991) prägte das Bild von der urwüchsigen Kraft bayerischen Liedguts wie kein zweiter. Zu seinem 100. Geburtstag werfen Forschungen ein kritisches Licht auf den Musikanten.

Eines will der Musikwissenschaftler Tobias Grill gleich mal klar stellen. „Es ist nicht mein Ziel, Wastl Fanderl zu verunglimpfen“, sagt der Forscher, der am Institut für Musikwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München seine Doktorarbeit über Wastl Fanderl geschrieben hat. Fanderl war in der Volksmusik „normsetzend“, sagt Grill. Er pflegte aber eine „romantische Vorstellung“ vom Volkslied, fügt er an. Fanderls Auffassung von dem „Bauern“, dem Holzknecht oder dem Landvolk sei mit Klischees beladen, kurzum Fanderl bemühte ein Bayern-Bild, das es so gar nicht gegeben habe. Das Volkslied sollte „zur uneinnehmbaren Festung“ gegen äußere Einflüsse gemacht werden.

Dazu passt, dass sich Fanderl beispielsweise auch kritisch zur Jazzmusik äußerte: „Daher dürfen wir nie aufhören unser Volkslied zu erhalten, damit es nicht ganz erstirbt in unserem Jazz-Zeitalter“, hieß es schon 1948 in einem Aufsatz Fanderls in der Volksmusik-Zeitschrift „Almfried“. „Alles Zotige, Derbe und Revolutionäre passte nicht ins makellos idyllische Gesamtbild, das es zu vermitteln galt und wurde demzufolge ausgeblendet.“ Grill will aber auch aufzeigen, welche Normen Fanderl setzen konnte – beispielsweise wurde es unter ihm seit den 1930er Jahren üblich, nur ein- oder zweistimmig überlieferte Liedvorlagen auf drei Stimmen zu erweitern.

Der prägende „Dreigesang“ ist sozusagen Fanderl und seinem Lehrer, dem Kiem Pauli, zu verdanken – und wurde im Zentralorgan der Musikantenzunft, der Sänger- und Musikantenzeitung, ebenso propagiert wie in Fanderls Sendungen im Hörfunk (A weni kurz, a weni lang) und im BR-Fernsehen (Baierisches Bilder- und Notenbüchl). Grill bezeichnet das als ein „vor allem mit Hilfe der neuen Medien Hörfunk und später auch des Fernsehens geschickt vermarktetes Kunst-Produkt gezielter Geschmacksbildung“. Wenngleich Grill, der selber Blasmusiker ist, Fanderl kritisch gegenübersteht, so hat der Musikwissenschaftler doch zugleich neue Schätze des Parade-Volksmusikanten gehoben. In der Zeitschrift „Almfried“ hatte Wastl Fanderl nämlich zwischen 1948 und 1961 mehr als 200 Lieder mit Noten publiziert, die in Vergessenheit geraten sind. Grill dokumentierte die Lieder erstmals systematisch. Deutlich wird, dass sich Fanderl älterer Liedfragmente bediente und sie fortschrieb – „Liedneuschöpfung“ nennt das Grill.

Zum anstehenden 100. Geburtstag (24. Juni) dürfte diese Entdeckung die große Fanderl-Fangemeinde zumindest etwas versöhnen mit den kritischen Zeilen über ihr Idol. Der Verein für Volkslied und Volksmusik, den Fanderl einst gegründet hat und der jetzt 50-jähriges Bestehen feiern kann, hat die Forschung unterstützt – „Ergebnisse können und wollen wir nicht vorschreiben, auch wenn das ein oder andere schmerzlich ist“, sagt die Vorsitzende Carmen E. Kühnl. Nichtsdestotrotz feiert der Verein sein Jubiläum und den 100. Geburtstag des Gründers am Mittwoch mit einem großen Konzert im Münchner Hofbräuhaus-Festsaal und einer neuen CD. Der BR zeichnet das Konzert auf.

Konzert und CD

Restkarten für das Konzert: 0175/ 227 05 77; Die Doppel-CD ist zu erhalten unter: 089/ 613 12 36 oder via E-Mail: heinrich.angerer@volkslied-volksmusik.de

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