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Ein Freund von offenen Worten: Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx redet gerne Klartext.

Interview mit Erzbischof Reinhard Marx

„Weihnachten ist Gott sei Dank unverwüstlich“

Vor einem Jahr wurde Reinhard Marx zum Erzbischof von München und Freising ernannt. Gerade hat seine erste Adventszeit in der neuen Heimat begonnen – auch mit einem Besuch in unserer Redaktion. Wir sprachen mit Marx über Wirtschaftskrise und Glaubwürdigkeit, aber auch über Optimismus und die Bedeutung von Weihnachten.

-An Weihnachten sind die Kirchen voller als sonst im Jahr. Ärgert Sie das?

(lacht) Nein, das freut mich. Es wäre doch fürchterlich, wenn ich sagen würde: Bleibt doch lieber zuhause.

-Aber viele gehen das ganze Jahr nicht, nur zur Christmette sind sie da!

Zunächst einmal freue ich mich, dass viele da sind, auch viele junge Leute. Es ist positiv, wenn man sagt: Zum Weihnachtsfest gehört auch der Gottesdienstbesuch. Das will ich den Leuten nicht austreiben. Ich sage ihnen: Genau richtig. Aber Ihr könnt es noch ausbauen!

-Priester können so auch die erreichen, die man sonst nicht erreicht?

Das ist doch gut. Es ist ja ein wesentliches Fest unseres Glaubens. Das spezifisch Christliche, dass Gott Mensch wird, wird gerade zu Weihnachten deutlich. Deswegen ist es gut, ein Mensch zu sein. Das bleibt eine Botschaft, die ist unschlagbar. Wenn Gott einer von uns geworden ist, dann dürfen wir das Leben als ein positives Geschenk sehen – das gibt doch einen unglaublichen Rückenwind. Damit können wir den Leuten Mut zum Leben machen. Da wird nicht gejammert und geklagt, sondern erst einmal festgestellt: Es ist gut, dass ich ein Mensch bin!

-Von denen es manchen gerade in dieser Zeit nicht besonders gut geht...

Ökonomisch betrachtet, ja. Grundsätzlich sollte man auch in schwierigen Zeiten die Hoffnung nicht verlieren. Das, was wir gerade und wohl in nächster Zeit erleben werden, erfordert sehr viel Hoffnung und Energie. Wir müssen nicht beim Klagen stehen bleiben. Ich kann den Schrecken verstehen, der jetzt viele erfasst hat. Aber ich bin von meinem Naturell und vom christlichen Glauben her der Meinung: Gerade dann muss sich zeigen, ob wir bereit sind, die Herausforderungen zu bestehen. Schauen wir nur gebannt auf schlechte Nachrichten oder lernen wir aus der Krise? Wir werden nicht absolute Gerechtigkeit herstellen. Aber wir können ein paar Punkte besser machen.

-Kann die Kirche beitragen zur psychologischen Bewältigung der Krise?

Das ist keine Frage der Psychologie. Ein gläubiger Christ geht zuversichtlicher in die Welt. Er sieht das Leben mit seinen Widrigkeiten als Aufgabe an, das Beste daraus zu machen. Wenn wir unseren Glauben richtig verkünden, dann tragen wir zu einer Verbesserung der Gesellschaft bei. Wenn wir einander begegnen in der Überzeugung, dass der andere nicht nur ein Produkt des Zufalls ist, sondern in ihm etwas Unzerstörbares aufscheint, er ein Gedanke Gottes ist, dann ist das für das Miteinander der Menschen sehr wichtig. Das hat Auswirkungen auf den Umgang miteinander. Es ist unsere Aufgabe, in die politische Debatte kompetent und grundsätzlich einzugreifen. Ich kann keine technischen Lösungen anbieten – so sehr es mich manchmal reizen würde (lacht). Ich wäre ja auch ganz gerne Politiker geworden. Wobei: Das hat der liebe Gott schon richtig so gemeint, dass ich das nicht tun soll. Ich bin aber politiknah geblieben durch die Beschäftigung mit der katholischen Soziallehre.

-Was raten Sie der Kanzlerin in der jetzigen Krise?

Steuererhöhung ja oder nein, das wollen Sie jetzt wissen. Da mische ich mich nicht ein. Da kann man unterschiedlicher Meinung sein. Die Kirche sollte nicht ständig in die Tagespolitik hinein sagen, was die Politiker tun sollen. Es gibt sicher auch gute Gründe zu sagen, man muss den Leuten jetzt in der Krise helfen, Geld auszugeben. Was mich aber an der Debatte stört, ist, dass die Menschen als eine Art Reiz-Reaktionsmaschine gesehen werden. Nach dem Motto: Wir senken die Mehrwertsteuer, dann laufen die Leute wie gestochen in die Kaufhäuser. Dieses Menschenbild vom homo oeconomicus passt mir nicht, das ist mir zu kurzatmig. Für die Krise ist ja diese ganze Denkweise verantwortlich – bis hinein in Manager-Gehälter und in die Zuschläge für die kleinen Bankangestellten, die einen Bonus bekommen, wenn sie Dinge verkaufen, die sie selber niemals kaufen würden. Das läuft in die verkehrte Richtung.

-Welche ist die richtige?

Es geht darum, Grundvertrauen zu haben. Wo Vertrauen einmal verloren wurde, dauert es sehr lange, bis es wieder aufgebaut ist. Man muss im Miteinander lernen: Was versprochen wurde, darauf kann man sich verlassen – dass meine Bank sorgfältig mit meinem Geld umgeht, dass die Politiker ans Gemeinwohl denken. Das ist für ein Gemeinwesen überlebensnotwendig, denn die Grundüberzeugung, dass wir in einem gut geordneten Gemeinwesen leben, ist etwas, das man nicht kaufen kann. Dazu sind in der Politik und in allen Verantwortungsbereichen Persönlichkeiten notwendig, die das darstellen können. Ich hoffe, dass das durch die Krise wieder deutlich wird. Es geht um die Grundfrage: Kann ich mich auf den anderen wirklich verlassen? Oder begegnet mir nur jemand, der allein an seine eigenen Interessen denkt ...

-... oder an die nächste Wahl?

Wenn wir in unserer Gesellschaft gegeneinander nur noch Rechtsansprüche austauschen, dann ist das noch keine Moral. Das ist eine Primitiv-Vorstellung. Vertrauen braucht doch mehr als nur zu sagen: Wenn ich nicht von der Polizei verfolgt werde, ist es wohl erlaubt. Dann kann man sich abends im Spiegel eigentlich nicht mehr anschauen.

-Wie kommt es zu dem Misstrauen in die Politik?

Da ist eine Schieflage, wenn man inzwischen bei jeder Begegnung mit Politikern fragt: Was steckt eigentlich wirklich dahinter? Da ist doch jede Beziehung zerstört. Auch diese ständigen Umfragen über die Beliebtheit von Politikern stören mich, diese Rankinglisten: Ist Merkel oben oder Seehofer? Jede Woche. Damit wird ein Druck erzeugt, der nicht guttut. Politiker haben nicht immer die Kraft, langfristig zu denken und zu sagen: Das stört mich überhaupt nicht. Letztlich glaube ich nicht, dass die Wähler sich von wöchentlichen Umfragen beeinflussen lassen. Ich glaube an die Vernunft des Menschen, und dass viele so vernünftig sind, einer langfristigen Glaubwürdigkeit den Vorzug zu geben.

-Der gesellschaftliche Wandel ist so rasant, dass jetzt gefordert wurde, Elemente der Scharia ins Rechtssystem einzubauen. Erschrecken Sie bei solchen Forderungen?

Ich erschrecke über das Niveau der Reflexion. Das war wohl ein wenig unreflektiert, wie da ein Landtagsabgeordneter argumentiert hat. Das viel wichtigere Thema ist das Verhältnis von Kirche und Staat. Ob wir in einen primitiven Laizismus abfallen oder begreifen wollen, dass wir – bei weltanschaulicher Offenheit – eine positive Rolle der Religion innerhalb unseres Staates denken können. Wenn wir überhaupt wollen, dass Muslime – wenn sie hier leben und arbeiten – hier auch einen Platz bekommen, dann brauchen wir einen Staat, der Religion positiv wahrnimmt. Aber er muss nicht alle Religionen gleich behandeln. Dieser Diskussion entzieht man sich. Der Staat muss die Frage beantworten: Welche Religion liegt uns näher? Die überwältigende Mehrheit in diesem Land möchte, dass das Christentum ein bedeutender Baustein ist. Das kann dem Staat nicht gleichgültig sein! Hier hat die Schariadebatte leider in eine völlig falsche Richtung geführt.

-Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?

Ich wünsche mir, dass in mir der weihnachtliche Glaube aufstrahlt. Ich sage oft: Weihnachten ist unverwüstlich. Deswegen will ich auch nicht über Konsum klagen und deswegen den Leuten Vorhaltungen machen. Weihnachten kann man nicht kaputtkriegen. Dieses Fest entfaltet eine große Kraft, weltweit, sogar in Kulturen, die nicht christlich sind! Es ist etwas in diesem Fest, was die Menschen bewegt. Das möchte ich aufgreifen und nicht alle kritisieren, die einen Glühwein auf dem Münchner Marienplatz trinken. Natürlich machen Leute dabei ihre Geschäfte. Aber ich wünsche mir, dass die Menschen auch im Trubel die Botschaft des Weihnachtsfestes erkennen: dass es gut ist zu leben, weil Gott unser Leben angenommen hat.

Zusammengefasst von Claudia Möllers

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