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Hunde als billige Massenware: Die Bundespolizei erwischte an der Autobahn bei Piding einen Händler mit diesen Welpen. 

Tierschützer gegen Betrüger

Der Welpenmafia auf der Spur

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Der illegale Welpenhandel hat im Internet einen gigantischen Markt gefunden. Tierschützer rufen zum „Kampf gegen die Welpenmafia“ auf – und starten umstrittene Scheinkäufe.

München Jeder, der an der Riemer Straße in München durch das Eingangstor des Tierheims geht, liest den riesigen Schriftzug an der Wand: „Seid gut zu den Tieren.“ Drinnen beschäftigen Tierschutzinspektor Stefan Heinrich Menschen, die es nicht gut mit den Tieren meinen. Der illegale Handel mit Hundewelpen ist ein Markt, der immer größer und dessen Händler immer skrupelloser werden. „Die machen ein Wahnsinnsgeld damit“, schimpft er. Ein Rassewelpe wird schon mal für ein Drittel des Marktpreises verscherbelt. In Osteuropa, wo die Hunde in regelrechten Tierfabriken gezüchtet werden, wird weder geimpft noch auf die Gesundheit oder gutes Futter geachtet. So verdient ein Tierhändler mehrere 100 Euro pro Welpe.

Erst am Pfingstmontag erwischt der Münchner Tierschutzverein zusammen mit der Polizei ein rumänisches Paar mit einem viel zu jungen Havaneser-Welpen, der auf der Straße verschachert werden sollte. Anfang Mai stoppt die Polizei auf der Autobahn bei Erlangen einen Transporter mit 42 Hundebabys, zusammengepfercht in Geflügelboxen, ohne Futter und Wasser. Ein paar Tage zuvor kommt es in München-Neuperlach zur Verfolgungsjagd: Zwei Männer aus Serbien lassen sich von Tierschützern in einen Scheinhandel locken. Dann werden sie handgreiflich und flüchten, bis eine Streife sie erwischt. Im Kofferraum des Kombis: acht Wochen junge Akita-Welpen.

Verkauf aus dem Kofferraum: Tierschützer stellen einem illegalen Welpenhändler in München eine Falle.

Stefan Heinrich half mit, die Männer mit den gefälschten Urkunden aufzuspüren. Er ist einer von drei hauptamtlichen Tierschutzinspektoren in München und Umgebung. Im Tierheim teilt er sich mit einer Kollegin ein Büro im Erdgeschoss. Auf dem Doppelschreibtisch stehen rote Tulpen, und da liegt ein Zeitungsartikel mit dem Titel: „Diese Tiergeschichten gehen ans Herz.“ Auf dem Buch daneben steht: „Tiere kommen in den Himmel.“

So lief die Rettungsaktion für den Welpen Hugo ab

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Die Mails der Betrüger sind voller Fehler

Junge Tiere kommen vor allem immer öfter ins Internet, sagt Stefan Heinrich. Der Mann mit den längeren weißen Haaren trägt eine schwarze Weste über dem T-Shirt, rutscht auf seinem Stuhl nach vorne und klickt auf das Kleinanzeigen-Portal Quoka. Ein Klick auf „Hunde“ – 31 237 Treffer. Wie Ebay, vieh-boerse24.de und andere Online-Shops ist Quoka ein riesiger Tiermarkt – und ein Umschlagplatz für illegalen Welpenhandel. Neulich hat Stefan Heinrich wieder eine verdächtige Anzeige gesehen: 400 Euro für ein Jack-Russell-Terrier-Weibchen, da wird er hellhörig.

Manchmal heuchelt der Tierschützer Interesse und schreibt die Verkäufer an. „Was für süße Hundebabys“: So beginnt der Mailverkehr oft. Die Antwort darauf hat ihm zuletzt wieder mal bestätigt, dass was nicht stimmt: „Ich bin für diese Welpen für ein neues Zuhause tatsächlich die Suche... Wenn Sie einen dieser Welpen kaufen wir sehr glücklich sein“, steht in der Mail. Stefan Heinrich hat sie aufgehoben und ausgedruckt. Wortwahl, Rechtschreibung, Zeichensetzung: Da stimmt wenig. „Da sieht man gleich: Das war der Google-Übersetzer“, sagt er.

In den Anzeigen selbst ist das Deutsch meist noch verständlich, im direkten Austausch wird’s holprig. Ein Indiz für organisierte Händler aus Osteuropa. In Ungarn, Rumänien oder Bulgarien gibt es Orte, an denen der Tiernachwuchs gezielt für den Handel gezüchtet wird. „Vermehrungsstationen“ nennen sie die Tierschützer.

Tierschutzinspektor Stefan Heinrich an seinem Schreibtisch, darauf die Zwergspitz-Welpen Pete und Joe.

Beim Klicken durch die Kleinanzeigen achtet Stefan Heinrich auch auf die Fotos. „Oft tauchen die gleichen Bilder immer wieder auf“, sagt er. Auch bei so mancher Behauptung über die jungen Jack Russell Terrier wird er skeptisch. Er liest: „Sie haben alle Impfungen bekommen, sie sind jeden 2 Wochen entwurwung Impfungen bekommen. Sie warten auf tierlibende Herrnchen.“

Stefan Heinrich liebt Tiere, 300 Kilometer fährt er am Tag durch das Stadtgebiet, sammelt Katzen, Hamster und Vögel ein und stellt Tierquäler zur Rede. Auf 2000 Einsätze kommen die Münchner Tierschutzinspektoren im Jahr. Sie gehen Hinweisen nach, die sie von Privatpersonen bekommen – Menschen wie Malte aus München. Ein junger Mann, der einst selbst auf illegale Händler reinfiel. Er heißt nicht wirklich Malte, wegen seiner Aktionen will er anonym bleiben. „Unsere Informanten muss man manchmal bremsen“, sagt Stefan Heinrich. „Sie schießen schon mal übers Ziel hinaus.“

Die Tierschützer arbeiten mit Täuschungsmanövern: Sie locken die Händler an ausgewählte Orte zur Übergabe der „Ware“. „Wir suchen uns Häuser, von denen wir wissen, dass die Haustür immer offen ist“, sagt Stefan Heinrich. „So eine Situation kann durchaus eskalieren.“ Wie vor einigen Wochen in Neuperlach: Als die beiden Serben das Scheingeschäft bemerkten, schubsten sie eine Tierschützerin und rissen ihr die Welpen wieder vom Arm. Derzeit wird geprüft, ob solche Scheinkäufe überhaupt rechtens sind.

Wenn’s brenzlig wird, rückt die Polizei aus

Zuständig ist das Veterinäramt im Kreisverwaltungsreferat – die erste Anlaufstelle für Menschen, die einen illegalen Handel bemerken. „Wir gehen jeder Meldung innerhalb von 48 Stunden nach“, sagt ein Sprecher. Dafür gibt es die „Taskforce Tierschutz“ – vier Amtsärzte und ein Einsatzauto mit Käfig. „Damit wir die Tiere gleich mitnehmen können“, sagt er. Von Osteuropäern auf dem Theresienwiesen-Flohmarkt, aber auch aus Münchner Wohnungen. Wenn man eine Händler-Adresse habe, versuche man so schnell wie möglich vor Ort zu sein. Der Hauptgrund: Tollwutgefahr – auch für Menschen. Deshalb dürfen Welpen nach dem Bundesseuchengesetz eigentlich erst ab einem Alter von 15 Wochen und mit Tollwutimpfung nach Deutschland eingeführt werden. Daran halten sich die illegalen Welpenhändler freilich nicht. Die Impfungen fehlen oft, die Impfpässe werden gefälscht.

Werden die Kriminellen erwischt, drohen Bußgelder. Das Veterinäramt prüft bei seinen Einsätzen, ob eine Erlaubnis zum gewerbsmäßigen Handel mit Tieren sowie ein EU-Heimtierausweis vorliegt und wann die Welpen von der Mutter getrennt wurden. Ein Hund lernt zwischen der dritten und achten Woche seines Lebens die wichtigsten Grundlagen sozialen Verhaltens: Wer ihm seine Mutter zu früh wegnimmt, schadet seiner Psyche und macht ihn anfällig für Krankheiten. Ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, aber selten eine Sache für die Polizei. Die Beamten informiert man, „wenn’s brenzlig wird“, sagt der KVR-Sprecher, wenn geschubst und geflüchtet wird. Einschreiten können die Beamten auch, wenn ein Betrugsfall vorliegt, wenn falsche Namen und anonyme Prepaid-Handys verwendet werden. Extra-Personal für den unerlaubten Tierhandel könne man nicht abstellen, sagt ein Sprecher der Münchner Polizei.

In Sicherheit: fünf Jack-Russell-Terrier-Welpen im Arm der Münchner Tierschützerin Melanie V. 

Beschlagnahmte Tiere bringen die Amtsärzte der Taskforce auf die Quarantänestation des Tierheims in Riem. 30 haben dort Platz. Die Station ist oft ausgebucht. Das Problem übersteigt auch die Kapazitäten des Veterinäramts. „Wir können nicht alle Internet-Portale überwachen“, sagt der Sprecher. Aus diesem Grund hat Österreich den privaten Online-Tierhandel Anfang des Jahres verboten. Nur berufliche Züchter dürfen noch im Netz handeln.

Im Nürnberger Tiergarten machten Tierschützer im April mit einer spektakulären Aktion auf sich aufmerksam

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Wie fast überall gibt es aber auch auf Ebay oder Quoka seriöse Angebote von Händlern: Labrador-Welpen, die nicht für 400, sondern für angemessene 1200 Euro verkauft werden – mit dem freundlichen Angebot, das Muttertier besichtigen zu dürfen.

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