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Kalorienarm sind bayerische Gerichte nicht gerade.

Weltgesundheitsorganisation warnt

Obacht, Hosenknöpfe: Wir haben ein Figurproblem

München - Die Europäer werden immer dicker – sie essen zu viel Fastfood, bewegen sich zu wenig. Das zeigt eine Studie der Weltgesundheitsorganisation. Auch die Bayern sind nicht gerade Hungerhaken.

Der Ire, so heißt es, geht ohne ein 3000-Kalorien-Frühstück nicht aus dem Haus. Es ist die Hauptmahlzeit des Tages, ein bisschen Müsli, Würstchen, „White Pudding“ – das ist eine Wurstspezialität aus Innereien. Dazu Schinken, gegrillte Tomaten, Eier, gebratenes Brot und Schwammerl. Kein Wunder, dass die fett werden, denkt sich der Bayer da, zuzelt die dritte Weißwurst und nimmt einen großen Schluck vom Frühschoppen-Weißbier.

Wenn wir über Nationalgerichte reden, dann geht es oft um Klischees. Rundhüftige italienische Mamas und Spaghetti. Steinalte Griechen und das ewige Elixier Olivenöl. Blasse Schotten und Haggis-Schafsmagen-Innereien-Dingsbums.

Aber glaubt man einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO, haben wir Europäer bald eines gemeinsam: Wir werden alle dick sein.

Europa, so warnt die Weltgesundheitsorganisation auf dem aktuellen Übergewichts-Kongress in Prag, wird in 15 Jahren mit einer regelrechten Fettsucht-Epidemie konfrontiert sein.

Bis zum Jahr 2030 werde die Zahl der stark übergewichtigen oder gar fettleibigen Menschen in fast allen europäischen Ländern zum Teil drastisch ansteigen. Europa steht, so die WHO, eine „Übergewichtskrise von enormem Ausmaß“ bevor.

Zunächst: Wer gilt denn als übergewichtig? In der Untersuchung verglichen die Forscher Daten zu Übergewicht (Body-Mass-Index ab 25) und Fettleibigkeit (BMI ab 30) von europäischen Männern und Frauen von 2010 mit Projektionen für 2030. Der BMI erfasst das Verhältnis von Gewicht zu Größe. Dazu wird das Körpergewicht in Kilo durch die Quadratzahl der Körpergröße in Metern geteilt. Rechenbeispiel: Bei 75 Kilogramm auf 1,80 Meter liegt der BMI bei rund 23.

Die WHO behält die Dicken weltweit im Auge: Im Jahre 2014 waren weltweit 1,9 Milliarden Erwachsene zu dick, von ihnen waren mehr als 600 Millionen fettleibig. Seit 1980 habe sich die Zahl der Fettleibigen damit verdoppelt. Nun hat die Behörde Daten aus 53 europäischen Ländern untersucht.

Alarmierende Entwicklung in Irland und Großbritannien

Besonders alarmierend ist die Entwicklung in Irland und Großbritannien. Den Berechnungen zufolge werden 2030 nur noch wenige Iren ein normales Gewicht haben. Nahezu die Hälfte der Männer und mehr als die Hälfte der Frauen auf der grünen Insel wird sogar fettleibig sein. In Großbritannien trifft dies auf ein Drittel aller Frauen zu.

Auch Griechenland, Spanien, Schweden, Österreich oder Tschechien müssen sich auf viel mehr Übergewichtige einstellen. 2030 könnten doppelt so viele Griechen adipös sein wie 2010. Und während 2010 nur 14 Prozent aller Schweden fettleibig waren, sollen es 2030 mehr als ein Viertel sein. Der Trend zu mehr Pfunden verschont kaum ein Land. Auch die Deutschen werden dicker. Fast die Hälfte aller Frauen (2030: 47 Prozent; 2010: 44 Prozent) und knapp zwei Drittel der Männer (2010: 62 Prozent; 2030: 65 Prozent) haben im Jahr 2030 Übergewicht. Fast jeder vierte Mann und etwas mehr als jede fünfte Frau könnten dann fettleibig sein.

Wie sieht es in Bayern aus?

Blicken wir nach Bayern, ins Land der Schweinshaxen, der Knödel und des Bieres. Die Zahlen erfasst die WHO zwar nicht, aber das Statistische Landesamt hat Fakten rund um den weiß-blauen Körper: Der männliche Bayer wiegt im Schnitt 83,7 Kilo, 44 Prozent sind laut BMI übergewichtig, 16 Prozent fettleibig.

Die Bayerin ist schlanker, sie bringt 67,3 Kilo auf die Waage. 28 Prozent der Frauen haben Übergewicht, 12 Prozent sind fettleibig. Auch wenn es keine bayerische Hochrechnung für 2030 gibt und wir im Vergleich mit bundesweiten Zahlen ganz gut dastehen – im Land der Hungerhaken leben wir weiß Gott nicht.

Was bedeutet die WHO-Studie nun für unsere Lebensweise? Paula-Irene Villa, Soziologie-Professorin an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, forscht zum Thema Ernährung und sagt: „Ich rate davon ab, Alarm zu schlagen. Es gab schon viele Studien.“ 

Auch die Autoren der WHO-Studie, von der bislang nur die Ergebnisse, nicht aber die Methodik veröffentlicht worden ist, warnen: Die Hochrechnungen müssten „mit großer Vorsicht“ interpretiert werden. Die britische Mitautorin Laura Webber spricht dennoch von einer „beunruhigenden Perspektive“ für Europa.

Ernährungswissenschaftler führen Übergewicht und Fettleibigkeit in den Industriestaaten vor allem auf zu viel, zu süßes und zu fettes Essen zurück, verbunden mit zu wenig Bewegung. Übergewicht gilt als Risikofaktor unter anderem für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes und bestimmte Arten von Krebs. Und: Gerade stark fettleibige Menschen sind oft Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt.

Ein Liter Bier hat fast soviel Kalorien wie eine Tafel Schokolade

Forscherin Webber fordert dringend politische Maßnahmen, um die Fett-Tendenz umzukehren. Regierungen müssten mehr tun, um gesundes Essen erschwinglicher zu machen und das Marketing für Ungesundes zu begrenzen. Das geschieht bereits. Immer wieder wird über ein Werbeverbot für Dickmacher diskutiert, kürzlich kündigte das EU-Parlament an, Kalorienangaben auf Bierflaschen zur Pflicht zu machen. „Wer es nicht bis zum Bierbauch kommen lassen will, sollte wissen, dass ein Liter Bier fast soviel Kalorien hat wie eine Tafel Schokolade“, hieß es.

Bei allem Grund zur Sorge – es gibt auch Zahlen, die in eine andere Richtung weisen. Die Zahl der Vegetarier in Deutschland, so hieß es vorige Woche bei der Münchner Messe „Veggie Expo“, hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt – auf acht Millionen.

Und einem europäischen Land stellt sogar der WHO-Bericht ein gutes Zeugnis aus. In den Niederlanden werden die Menschen den Forschern zufolge bis 2030 schlanker. Die Leibgerichte der Niederländer: Fischsemmeln, frittierter Fisch und Käse. Klingt nicht so verkehrt.

Carina Lechner und Stefan Sessler mit afp und dpa

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