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„Lokführer – das ist doch kein Job“: Werner Dworaczek im Führerstand der legendären Intercity-Lok 103. Er hat über 40 Jahre Erfahrung auf der Schiene.

Der Weltrekord-Lokführer

Puchheim – Besichtigt wird: ein Lokführerleben. Dieser Mann hat alles gefahren, alles außer Dampfloks (als er zur Bahn ging, war das Dampfzeitalter schon vorbei).

Dieselloks, Intercity-Züge, den TEE, den ICE, auch pechschwarze schwere Güterzuglokomotiven des Typs MRCE verschmäht er nicht.Werner Dworaczek fährt auch Rekorde, doch davon später mehr. Hauptsache es rollt, es fährt, es zieht. Muss man es verstehen, wenn Dworaczek sagt: „Es ist schön, mal einen Güterzug zu fahren“ – und dann von Bremsverhalten und Beschleunigungsdynamik spricht? Muss man wahrscheinlich nicht.

Werner Dworaczek (68) ist immer, nun ja, auf Achse. Auch nach seiner Pensionierung. Zum Leidwesen seWeltrekord iner Frau Renate. Es gab Zeiten, sagt sie, „da haben wir eher nebeneinander als miteinander gelebt“.

Seit 175 Jahren gibt es nun die Eisenbahn in Deutschland, über 40 Jahre ist Dworaczek dabei. „Ich wollte immer Lokführer werden.“ Schon der Opa war Lokführer und Straßenbahnfahrer. Auch Werner Dworaczeks Sohn Alex hat Lokführer gelernt – die Familientradition wird also fortgeführt. Der junge Dworaczek war zuerst Elektromechaniker bei einer Porzellanfirma in Selb. 1969 wechselte er den Arbeitgeber. Im Bahnbetriebswerk erfuhr er alles über Lokomotiven. „Von der Pike auf“, betont Dworaczek. „Wir haben im Dreck gewühlt, wir kannten jede Schraube der Lok, die Ventile, die Motoren.“ Gutes Handwerk. Es klingt jetzt so, als sei sich Dworaczek nicht sicher, ob das immer noch so ist. Früher, sagt Dworaczek, „da gab es ja auch den Ausdruck Job nicht“. Dworaczek mag das Wort gar nicht. Lokführer, sagt er, „das ist kein Job“. Er hat sich hochgearbeitet, vom Reserve-Lokomotivführer (ja, so hieß das damals) zum Lokomotivführer, dann zum Ober-Lokomotivführer und zum Haupt-Lokomotivführer. Als er vor einigen Jahren in Rente ging, war er „Betriebsinspektor mit Zulage“. Höher geht es nicht.

Dworaczek ist Bundesbahner der alten Schule. Stolz auf den Beruf, wo gibt es das heute noch? Ach, die alten Zeiten. Dworaczek winkt ab. Er ist eigentlich ganz zufrieden, wie es gelaufen ist. Nur die Bahn sei irgendwie die alte geblieben. Manche Strecken sind vorsintflutlich, überhaupt wurde abgebaut. „Früher fuhr noch ein Güterzug nach Herrsching, das gibt’s ja heute nicht mehr.“ Dworaczek ärgert sich jetzt richtig. Dieser Mehdorn, der wollte die Bahn an die Börse sparen. „Da war es bei der alten Bundesbahn doch besser.“

Herr und Frau Dworaczek sitzen im Wohnzimmer, es gibt Kaffee, an der Wand sind keine Eisenbahnerfotos. Nanu? Dworaczek weiß Privates und Berufliches zu trennen. Na ja, nicht ganz – eine Modelleisenbahn liegt unten im Keller. Säuberlich verpackt. Kein Platz, sagt Dworaczek.

Mit der Eisenbahn ist nicht das große Geld zu machen, aber zu einem schmucken Reihenhäuschen in Puchheim (Kreis Fürstenfeldbruck) hat es gereicht. Werner Dworaczek ist einst aus Hindenburg in Oberschlesien nach Bayern gekommen. „Das ist auch so eine Story“, sagt er. 30, 40 Anträge hatten er und seine Mutter gestellt, bis es mit der Auswanderung in die DDR klappte. Von Ost-Berlin aus flüchteten die beiden 1958 nach Westen. Damals stand die Mauer noch nicht, die Flucht erfolgte einfach per S-Bahn. Man sieht: Die Bahn spielte schon damals eine große Rolle im Leben des Werner Dworaczek, aber das klingt jetzt fast pathetisch. Jedenfalls, sagt der Eisenbahner, könne sich die damaligen Umstände, – die Kontrollen, die Schikanen – niemand mehr vorstellen.

Hat er eigentlich einen Schrebergarten am Bahngleis? Nein, sagt Dworaczek, und deutet auf seinen gepflegten Garten hinterm Reihenhäuschen. Picobello gepflegt. Macht bestimmt Arbeit. Reicht ja auch. Taubenzucht? Kopfschütteln. Dworaczek schaut jetzt etwas irritiert. Vielleicht sind das ja so Eisenbahnerklischees, die man mit sich trägt.

Sicher kein Klischee aber sind doch die Pannen bei der Bahn. Dworaczek streckt sich auf der Wohnzimmerbank, er muss jetzt etwas ausholen. Störungen, sagt er, die gab es immer. Und geschimpft haben die Leut auch. Die Einführungsphase der Münchner S-Bahn 1972 muss von Pannen und Pleiten begleitet gewesen sein. Oberleitungsschäden, Probleme mit den Türen bei Frost. Die S 5 fuhr anfangs mit herkömmlichen Reisezügen – der Triebzug war nicht rechtzeitig fertig geworden. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Selbstmörder sind ein trauriges Kapitel, mit dem wohl jeder Lokführer konfrontiert wird. Dworaczek natürlich auch. Manche Kollegen halten das nicht aus, werden berufsunfähig. Dworaczek ist ein resoluter Charakter, er steckte das weg, als sich in den 1970er Jahren, an einem 22. Dezember, bei Warngau eine 17-Jährige vor Dworaczeks Diesellok warf. „Liebeskummer“, sagt Dworaczek. Liebeskummer kurz vor Weihnachten. Man versteht. Und er verkraftete es auch, als ihm sehr viel später bei Mannheim ein Mann in den ICE reinlief. Bei Tempo 160. Wurde der Lokführer eigentlich psychologisch betreut? „Nein“, sagt Dworaczek, „das gab es damals nicht.“

Es gab auch viel Schönes. Zum Start der Olympischen Spiele 1972 in München fuhr Dworaczek einen der drei S-Bahn-Eröffnungszüge. „Eine Herausforderung.“ Die Promis fuhren vom Hauptbahnhof zum Olympiastadion, wo es damals einen S-Bahnhof gab.

Und dann die Rekordfahrten. Sein Sohn ist meistens dabei. Dazu muss man wissen, dass der gelernte Lokführer Alex Dworaczek jetzt Geschäftsführer von MRCE Dispolok ist, einem Privatunternehmen, das Lokomotiven verleast, auch an die Deutsche Bahn.

2. Juni 2006: Vater und Sohn Dworaczek schreiben Eisenbahngeschichte. 357 km/h mit einer Elektrolok, mit der Taurus 216 050. Weltrekord! Sie rasten auf der Neubaustrecke Nürnberg-Ingolstadt zwischen Kinding und Allersberg. „Ein kurzes Rauschen brandete auf, und die Lok mit einem Messwagen der Deutschen Bahn AG donnerte an zahlreichen Bahn-Experten und Hobby-Eisenbahnern vorbei“, hieß es damals in der Zeitung. „Es wäre noch mehr drin gewesen“, sagt Dworaczek heute am Kaffeetisch. Die Rekord-Lok zieht jetzt übrigens Wagen der Österreichischen Bundesbahnen.

2009 ließ er sich auf ein besonderes Experiment ein: Die Bahn wollte testen, wie schnell ein Güterzug von Lubljana aus in Istanbul sein kann. Ein Bosporus-Express, der sich ein Prestigeduell mit einem Lkw liefern sollte, der für die Strecke etwa 57 Stunden benötigt. Das war so recht nach dem Geschmack von Vater und Sohn Dworaczek. Die Bahn gewann haushoch.

Die Strecke führte von Slowenien über Kroatien, Serbien, Bulgarien bis in die Türkei. An der Grenze Türkei/Bulgarien holperte das hochmoderne Lokgespann über eine eingleisige Strecke, rechts ein Wachturm, Stacheldraht, eine Polizeipatrouille – Willkommen in Europa! Die Strecke ist 1577 Kilometer lang, sie hat zwei unterschiedliche Stromsysteme, und einige Strecken sind gar nicht elektrifiziert, so dass eine der beiden Loks mit Dieselantrieb lief. Die Reise dauerte 37 Stunden. Werden die Zollformalitäten gestrafft, ist die Fahrt auch in 25 Stunden möglich, so die DB. Eigentlich könnte also viel Lkw-Verkehr auf die Bahn verlagert werden.

Auf der Rückfahrt waren die Offiziellen dann nicht mehr dabei. Prompt hingen die Dworaczeks zwölf Stunden an der Grenze Serbien/Bulgarien fest. „Da wollten einige Geld sehen.“

Es war nicht das erste Experiment dieser Art, schon 2004 fuhr Dworaczek von Istanbul über Rumänien bis Köln – in 56 Stunden.

P.S.: Diese Geschichten mit den Rekordfahrten erzählt Dworaczek erst am Ende, als sich der Besuch schon fast verabschieden will (und dann doch noch etwas bleibt). Dworaczek ist eben bei all dem ein bescheidener Mensch geblieben.

Dirk Walter

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