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Josef Scheungraber im Gerichtssaal.

Wende im Prozess: Hat der Angeklagte mit Kriegsverbrechen geprahlt?

München - In einem der letzten deutschen Kriegsverbrecherprozesse hat am Donnerstag vor dem Münchner Schwurgericht überraschend ein früherer Beschäftigter des Angeklagten Vorwürfe gegen seinen Ex-Chef erhoben.

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Die Plädoyers waren fast fertig. Die drei Verteidiger hatten Freispruch für den mutmaßlichen Kriegsverbrechers Josef S. aus Ottobrunn (Kreis München) gefordert. Das Urteil stand bevor. Doch dann läutete am vorigen Freitag das Telefon der Staatsanwaltschaft. Es meldete sich ein Berufsschullehrer (64) aus Ebersberg. Er hatte im Rundfunk von dem Prozess gehört. Er habe gar nicht gewusst, um wen es sich handelte. „Aber ich habe ihn anhand der Geschichte erkannt.“

Die habe ihm S. vor Jahrzehnten erzählt – und sogar damit geprahlt. Die Geschichte ist die: Josef S. soll 1944 als Kompaniechef des Gebirgspionierbataillons 818 ein Massaker in der Toskana befohlen haben, bei dem 14 Italiener starben – sie wurden erschossen oder in einem Haus in die Luft gesprengt. Es soll sich dabei um eine Racheaktion für einen Partisanenüberfall gehandelt haben. Der Angeklagte bestreitet alles. Doch der Zeuge, der einst in der Schreinerei des Angeklagten arbeitete, ist sich sicher: „Das kann nicht sein. Er muss davon gewusst haben.“ Denn Josef S. habe ihm alles erzählt: „Man hat einfach ein gutes Dutzend aus der Zivilbevölkerung genommen und hat sie erschossen oder in die Luft gejagt“, habe er gesagt. Er habe von „Erschießen und Sprengen“ gesprochen.

Im Verlauf des Gesprächs habe S. die Zahl der Toten sogar auf 14 präzisiert. Zu der Tat sei es gekommen, „weil ein paar Leute aus seiner Einheit erschossen worden sind“. Anlass für das Gespräch war ein Südtirolurlaub des damaligen Schreinerei-Mitarbeiters. Josef S. erzählte seinem Gesellen, dass er nicht nach Italien fahren dürfe, weil er dort nach dem Krieg zum Tode verurteilt worden sei. „Dann rückte er langsam mit der Geschichte raus.“

Laut dem Zeugen habe sich sein Ex-Chef sogar gebrüstet. Nach dem Motto: „Mir war ma halt noch richtige Kerle.“ Wenn jemand nicht mitgezogen habe, dann habe man ihn halt an die Wand gestellt und erschossen. „Ich fand das eine blöde Angeberei damals vor 30 Jahren“, ärgert sich der 64-Jährige noch heute. Er habe damals allerdings nicht weiter in die Geschichte hineingestochert, weil er sie gar nicht geglaubt habe: „Das war vielleicht ein Fehler.“ Aber das Ganze erschien ihm zu abwegig: „Wenn ich sowas gemacht habe, dann stell ich mich nicht noch hin und geb damit an. Das kapier ich nicht.“

Ob Josef S. den Befehl zu dem Massaker gegeben hat – so wie es ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft – das wisse er nicht: „Ich weiß nicht, ob es sein Befehl war oder ob er den Befehl weitergegeben hat.“ Aber S. habe es so hingestellt, als ob er den Befehl gegeben habe. Er habe gesagt: „Dann hab ich ihn erschießen lassen.“ Dann sei das so, als ob er befohlen habe. Die Verteidigung war skeptisch ob des Überraschungs-Zeugen. „Sind Sie überredet worden?“, fragte einer der Verteidiger. „Nein“, betonte der Zeuge, „im Gegenteil. Meine Frau war dagegen.“ Der Verteidiger hakte weiter nach: „Haben Sie mit jemandem gesprochen?“ Antwort: „Nein. Das war mein eigener Entschluss.“

Am nächsten Verhandlungstag (22. Juli) soll nun ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter von Josef S. verhört werden. Die Nebenklägerin Gabriele Heinecke erklärte, dass ein Ottobrunner sie angesprochen habe, der 26 Jahre lang in der Schreinerei von Josef S. gearbeitet hatte. S. habe häufig angegeben mit dem, was er in Italien im Krieg gemacht habe. Er habe Handgranaten und Ähnliches in Häuser geworfen. Die Aussage dieses nächsten Überraschungs-Zeugen wird nun mit Spannung erwartet.

von Nina Gut

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