Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates.

Schlagzeilen, die einen in Angst und Schrecken versetzen

Weniger ist mehr - Gastkolumne von Susanne Breit-Kessler*

„Darf es etwas mehr sein?“ Diese Frage beim Gemüse- oder Käsestand beantworte ich meist mit „Ja“. Deswegen, weil der nette Herr oder die freundliche Dame sich nur um wenige Gramm verschätzt haben.

Das kleine Zuviel essen wir schon – und bevor das Eckchen des köstlichen Fontina oder die vier Champignons weggeworfen werden... Es wäre schade drum.

Ganz selten kommt es vor, dass ich mich ärgere. Dann, wenn ich merke: Hier kann jemand gar nicht abschätzen, was er tut – oder es geschieht gar mit Absicht, um mich zu mehr Ausgaben zu verlocken. In Corona-Zeiten habe ich bei allem Informationsdrang, der mich antreibt, manchmal den Eindruck: „Jetzt reicht’s.“ Bitte nicht noch eine Sondersendung, in der ich außer wilden Mutmaßungen nichts erfahre. Keine neue Schlagzeile, die einen in Angst und Schrecken versetzt und an der letztlich wieder mal nichts dran ist, wenn man genauer nachliest. Ich verzichte auch gerne auf Talk-Shows, die allein der „ich weiß alles besser“-Selbstdarstellung dienen. Bewusstsein für Maß und Ziel, das mir schon zu Beginn der Pandemie gefehlt hat, ist noch längst nicht vorhanden.

Möchte mich weder mental noch seelisch verausgaben

Ich möchte mich weder mental noch seelisch verausgaben. Das schadet nebenbei bemerkt auch dem Immunsystem, das ich vermutlich noch dringend brauche. Deswegen darf es nicht ein bisschen mehr, sondern eher weniger sein. Meine Tageszeitung, solide Nachrichtensendungen, wissenschaftliche Expertise, das reicht. Ansonsten schalte ich ab oder um, wechsle im Internet die Seite und suche nach etwas, das mich freut oder heiter stimmt: Geburtsanzeigen mit Foto, unsere Urlaubserinnerungen auf dem Tablet, Tierfilme oder Kabarett vom Feinsten im Fernsehen, DVDs mit spannenden Thrillern und natürlich Bücher!

Nennen Sie mich ruhig ein schlichtes Gemüt. Aber ich möchte meinen inneren Haushalt ausgeglichen wissen. Wo so viel von „vulnerablen Gruppen“ die Rede ist, von Menschen, die auf Grund ihres Alters oder durch Vorerkrankungen von Covid-19 besonders gefährdet sind, möchte ich versuchen, meine Resilienz zu stärken. Die psychische Widerstandsfähigkeit, die nötig ist, um diese nervige Krise zu bewältigen. Ich brauche meine persönlichen Ressourcen, um heil zu bleiben. Und sollte es nicht klappen, dann habe ich in unserer Quarantäne wenigstens das Leben gefeiert.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates. Sie schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

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