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Viele Menschen ohne Krankenversicherung gehen erst zum Arzt, wenn es schon zu spät ist.

Menschen ohne Krankenversicherung

Wenn der Arztbesuch zum Luxus wird

München - Tausende Menschen in Bayern sind nicht krankenversichert. Häufig trifft es ehemals Selbstständige, die sich die Beiträge nicht mehr leisten können.

Versicherungspflicht in Deutschland

Alle Deutschen ohne Krankenversicherung haben seit der Gesundheitsreform 2007 wieder Zugang zu einer Kasse. Ob gesetzlich oder privat hängt davon ab, wo man zuletzt versichert war.

Ehemals gesetzlich Versicherte müssen auch wieder gesetzlich versichert werden und zwar in genau der Krankenkasse, in der sie zuletzt waren. Ehemals privat Versicherten steht seit dem 1. Januar 2009 der Basistarif der privaten Kassen offen.

Die privaten Kassen dürfen den Vertragsabschluss nicht ablehnen – auch nicht wegen gesundheitlicher Risiken. In der Praxis kommt es jedoch gerade bei chronisch Kranken immer wieder vor, dass Krankenkassen nur zögerlich und verspätet auf einen Antrag zur Wiederaufnahme reagieren. Der Versicherungsschutz kann niemandem genommen werden.

Gleichzeitig besteht seit diesem Jahr für jeden Bürger eine Versicherungspflicht, egal ob er zuvor gesetzlich oder privat versichert war.

Aus Angst vor den Kosten verschleppen viele ihre Krankheit – bis es zu spät ist. Dr. Bettina Schlemmer erinnert sich noch gut an diesen einen Patienten. Er war Mitte 60, selbstständig, seit 20 Jahren chronisch krank und ebenso lang nicht mehr in der privaten Krankenversicherung.

Seine Geschäfte liefen immer schlechter, die Versicherungs-Beiträge konnte er sich nicht leisten. Doch für die Sozialhilfe ging es ihm noch nicht schlecht genug. „Er verlor immer mehr Gewicht“, erzählt Schlemmer. „Er ahnte wohl, dass eine ernste Krankheit dahinter steckt.“

Von seinem geringen Einkommen konnte er sich nur die Medikamente für seine chronische Krankheit leisten, für eine umfangreiche Diagnostik fehlte das Geld. Doch in ihm wucherte längst eine zweite Krankheit: Krebs.

„Als er schließlich in unsere Sprechstunde kam, ging es ihm sehr schlecht“, erinnert sich die Ärztin. „Er ist zu spät gekommen.“ Es gab keine Chancen mehr auf Heilung. Es trifft häufig Selbstständige, die chronisch krank sind: In wirtschaftlich schlechten Zeiten sparen viele verzweifelt an den Beiträgen für die private Krankenversicherung. In ihrer Not suchen sie schließlich Hilfe bei Dr. Schlemmer.

37 000 Menschen in Bayern ohne Krankenversicherung

Sie ist Ärztin bei der „Malteser Migranten Medizin“ in München. Hier werden Menschen ohne Krankenversicherung anonym und kostenlos aufgenommen. Fast jeder vierte Patient ist Deutscher. Allein in Bayern leben über 37 000 Menschen ohne Krankenversicherung.

Deutschlandweit zählte das Statistische Bundesamt bei der letzten Erhebung im Jahr 2007 knapp 200 000 Betroffene. Die Dunkelziffer könnte doppelt so hoch sein, denn Obdachlose und illegale Einwanderer tauchen in der Statistik nicht auf. Über die Jahre hat sich die Situation in Deutschland weiter zugespitzt. Waren vor zehn Jahren noch 145 000 Menschen ohne Krankenversicherung, spricht die Statistik aus dem Jahr 2007 bereits von 196 000 – rund zwei Drittel davon Männer.

Experten glauben, dass es seit der Gesundheitsreform 2007 wieder etwas besser geworden ist – doch die Not ist noch immer Realität. Allein im Klinikum der Universität München fallen jedes Jahr Kosten von bis zu einer Million Euro an, weil Patienten nicht versichert sind. „Meist sind es Unfallopfer, die man sofort behandeln muss“, erklärt Klinik-Sprecher Philipp Kreßirer. „Man kann versuchen, die Kosten über das Sozialamt zurückzubekommen – aber nur, wenn der Patient die richtigen Personalien angegeben hat.“

Trotz gesetzlicher Versicherungspflicht sei es besonders bei chronisch Kranken häufig ein beschwerlicher Weg, wieder von einer Kasse aufgenommen zu werden, weiß Sozialpädagogin Anna Wohner. „Es ist zynisch: Meist wird den Menschen erst dann geholfen, wenn es ihnen so richtig schlecht geht.“ Bis eine Kasse auf einen Antrag reagiert oder Hartz IV bewilligt ist, könne es bereits zu spät sein.

Thomas Schmidt

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