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Recht freundlich: Markus Hölzl (rechts) und Christian Gruber in der Rosenheimer Fußgängerzone. Bei Radfahrerin Susann Knoblauch gab‘s zu beanstanden.

Auf Streife in Bayern 

Sicherheitswacht in Bayern: Wenn Bürger auf Bürger aufpassen

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Sie sind normale Bürger, aber tragen Uniform: In immer mehr bayerischen Orten gibt es Sicherheitswachten. Eine sinnvolle Sache oder der erste Schritt zur Bürgerwehr? Auf Streife in Rosenheim.

Rosenheim – Freitags nach Feierabend zieht Markus Hölzl noch mal los. Zur Ellmaierstraße 3 in Rosenheim. Da befindet sich aber kein Wirtshaus, sondern die Polizeistation. Markus Hölzl, 43, Angestellter und Familienvater, packt mit an. Er gehört zur Sicherheitswacht, die in Rosenheim auf den Straßen für Ordnung sorgen soll.

Leute wie er sind die Antwort auf das zunehmende Unsicherheitsgefühl, das durch Deutschland und Bayern wabert. Jeder fünfte Mann hat laut einer Umfrage von „Infratest dimap“ nachts auf der Straße zumindest ein mulmiges Gefühl, bei den Frauen sogar 27 Prozent. Wegen randalierenden Jugendlichen, Taschendieben, Betrunkenen. Und den Flüchtlingen. Befragt nach den Änderungen im Vergleich zu vor zwei Jahren, „in denen viele Flüchtlinge zu uns gekommen sind“, sagt jede dritte Frau, sie fühle sich zunehmend unsicher. Ein subjektives Gefühl, aber eines, das man nicht immer mit Fakten wegdiskutieren kann. Auch deswegen gibt es immer mehr Sicherheitswachten in Bayern. Bürger in Uniform für ein gutes Gefühl.

Es ist kurz nach 17 Uhr, ein recht kalter Tag. Markus Hölzl hat deswegen seine schwere Uniform angezogen: eine dicke blaue Jacken mit dem Bayernwappen auf dem Ärmel und einem Funkgerät in der Brusttasche. Bei sommerlichen Temperaturen trägt er ein Poloshirt. In Zweiergruppen geht es durch die Innenstadt, Streife gehen nennen sie das, wie bei der Polizei. Hilfspolizisten wollen sie aber keine sein, im Gegenteil, das Wort hören die Ehrenamtlichen überhaupt nicht gern. „Wandelnde Notrufsäulen, das trifft es schon eher“, sagt er.

Das Modell Sicherheitswacht, vom Landtag vor 23 Jahren beschlossen und vom Innenministerium 2010 wiederbelebt, ist hochaktuell. Derzeit machen 791 Ehrenamtliche in 133 bayerischen Gemeinden mit. Geht es nach Innenminister Joachim Herrmann (CSU), sind es in drei Jahren doppelt so viele. Dieses Ziel steht im Konzept „Sicherheit durch Stärke“. Doch nicht überall kommt der Plan der Staatsregierung gut an.

Kaum Ausbildung, kein Schwur auf die Verfassung, aber eine Uniform tragen – für Kritiker klingt das mindestens nach Gschaftlhubern, ja sogar nach dem ersten Schritt zur Bürgerwehr. Nachbarn, die das Recht selbst in die Hand nehmen, weil die chronisch unterbesetzte Polizei nicht mehr hinterherkommt. In den Gemeinderäten sind sie deswegen auch gespalten. Während zum Beispiel München, Taufkirchen und Schongau mitmachen und neue Leute suchen, haben Miesbach, Schliersee und Hausham abgelehnt (Interview rechts). Die Politiker sagen dort, die Sicherheit ist Sache der Polizei. Und zwar nur von der.

Wer bei der Sicherheitswacht mitmachen will, kann sich bei der örtlichen Polizei bewerben. „Hoheitliche Maßnahmen sind natürlich weiterhin Aufgabe der Polizei“, sagt Robert Kopp, Chef aller Polizisten im südlichen Oberbayern. Und: „Wir schauen genau hin, welche Bewerber wir nehmen. Wir brauchen nicht die, die wir sonst festnehmen.“ Es gehe um Prävention – mit super Erfolgen. Oft helfe es schon, dass jemand da ist, der zu Hilfe kommen könnte, damit Ganoven erst gar nichts anstellen, sagt Kopp. Und wenn tatsächlich einmal etwas passiert, soll der Ehrenamtliche „nicht den Helden spielen, sondern verdächtige Beobachtungen melden“ – als lebendige Überwachungskameras sozusagen.

Die Streifen der Sicherheitswacht haben auch keine Handschellen, geschweige denn Waffen. Sie dürfen Personen festhalten wie jeder andere Bürger im Notfall auch, sie dürfen Personalien aufnehmen und Platzverweise erteilen. Sie kümmern sich um die kleinen Vergehen in größeren Wohnsiedlungen, Parks, Bushaltestellen und vor Asylbewerber-Unterkünften: Bier und Schnaps in Alkoholverbotszonen, Radfahren ohne Licht, Wildbieseln, Graffiti-Schmierereien. Solche Sachen. Aber was bringt das?

Die schärfste Waffe von Markus Hölzl und seinem Kollegen Christian Gruber, 46, ebenfalls Angestellter und Papa, sind raffinierte Tricks. Sie lächeln beide verschmitzt, als sie von dieser Begegnung neulich erzählen, wo ihr Kniff wieder hervorragend funktioniert hat. Damals, am Max-Josefs-Platz mitten in der Fußgängerzone, saßen diese Mädchen mit der Wodka-Flasche. „Natürlich sind wir schon 18“, sagten sie und machten ihnen die schönsten Kulleraugen. Nur ihren Ausweis hätten sie ausgerechnet heute vergessen. Die Freizeit-Rosenheim-Cops konterten blitzschnell, fragten nach dem Geburtsdatum und bekamen nur drei lang gezogene Ähms zu hören. Die Wodka-Flasche landete im Müll. Zwar kein Vorabend-Fernsehkrimi. „Natürlich leben wir in Oberbayern wie auf einer Insel der Glückseligen“, sagt Markus Hölzl. „Aber im Kleinen bewirken wir etwas.“

Das treibt die Ehrenamtlichen an, von denen sich die meisten auch noch woanders engagieren. Viele bei der Feuerwehr zum Beispiel. Oder bei den Maltesern, wie Silke Kehrer, 42, feste Stimme, blondes Haar. „In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Art der Leute geändert, die auf der Straße rumhängen“, sagt sie. „Als Frau muss man aufpassen.“ Sie engagiere sich, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben. „Und wenn es nur die Frage einer älteren Dame ist, bei der man behilflich sein kann, dann freue ich mich.“ Sie selbst habe im Einsatz keine Angst. Denn wenn es gefährlich wird, gibt es die Funkgeräte in der Brusttasche mit dem roten Alarmknopf als direkten Draht zur Polizei. „Die schauen auf uns und sind sofort da.“

Die Voraussetzungen für einen Sicherheitswachtler: mindestens 18 Jahre alt, gute Deutschkenntnisse und ein hervorragender Leumund. Nach dem Bewerbungsgespräch gibt’s eine 30-stündige Schulung. Die Schwerpunkte: Recht und Selbstverteidigung. Maximal 25 Stunden im Monat darf jeder Ehrenamtliche unterwegs sein, für den Aufwand gibt’s acht Euro pro Stunde, bezahlt aus der Staatskasse. In Rosenheim machen 14 Männer und fünf Frauen mit. In der Zeiteinteilung sind sie frei, sie organisieren sich am Handy per WhatsApp. Die älteren Frauen im Team gehen lieber nachmittags, Markus Hölzl und Christian Gruber abends.

Gerade sind sie am Salingarten angekommen, eine kleine Parkanlage. Hier herrscht wie auch am Münchner Hauptbahnhof Alkoholverbot. Der Dialog mit einer Gruppe junger Erwachsener beginnt mit einem kräftigen „Grüß Gott“, man kennt sich, es geht um das Bier in der Hand. Wieder mal. Markus Hölzl spricht, Gruber hält sich zurück, sie spielen das „Guter Bulle, böser Bulle“-Spiel, auch so ein Trick. Nach ein paar Frotzeleien packt die Gruppe die Flaschen weg. Meistens laufen die Einsätze so entspannt ab, dann bleibt auch der Notizblock zur Aufnahme der Personalien in der Jackentasche. Verwarnung statt Strafe.

Einmal haben sie aber schon erlebt, dass es eskalierte. Erst plärrte ein Betrunkener rechtsradikale Parolen, dann verschwand er, kam wieder – und schlug zu. „Im Drogenrausch können sich die Leute nicht mehr kontrollieren, das ist das Gefährlichste“, sagt Markus Hölzl. Ihm ist damals zum Glück nichts passiert. Es war aber eine Extremsituation, für die die Ehrenamtlichen nicht ausgebildet sind. In der Profis ranmüssten. „So was muss man dann erst mal verarbeiten.“ Nach dem Einsatz. Im zweiten Feierabend.

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