Hightech-Ermittler: Günter Okon (59) steuert Precobs - ein neues Computerprogramm, das Wohnungseinbrüche in Bayern vorhersagen kann.

Revolutionäre Einbruchsbekämpfung

Neues Computerprogramm kann Einbrüche in Bayern vorhersagen

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Was nach Science-Fiction klingt, ist in Bayern schon Realität: Die Polizei kannvorhersagen, wo es den nächsten Einbruch geben könnte. Sie braucht dafür Computer – und Daten. Ist das die Revolution bei der Verbrecherjagd?

München – Am Ellingerweg in Berg am Laim kamen die Einbrecher kurz vor dem Wochenende. Die Familie war gerade ausgegangen, die Straße in dem Münchner Stadtteil ist eng, gesäumt von Doppelhäusern, kleinen Gärten, hohen Hecken. Wenig los – „ein perfektes Ziel“, sagt Günter Okon vom Landeskriminalamt. Nach fünf Minuten waren die Terrassentür aufgehebelt, Schubladen durchwühlt, ein Bündel Geldscheine und ein Handy eingepackt. Als die Familie heimkam, war die Aufregung groß, die Polizei nahm den Fall auf, so wie sie es ungefähr 8000 Mal pro Jahr in Bayern macht. Routine. Doch diesmal schlug der Computer Alarm: Hier könnte bald noch ein Verbrechen passieren.

Precobs, so heißt das neue Computerprogramm, mit dem die Polizei Verbrecher jagt. Das hört sich an wie Science- Fiction, aber es ist möglicherweise die Zukunft der Kriminaltechnik. Seit 2016 läuft das System im Regelbetrieb in Bayern: im Stadtgebiet München und in Mittelfranken im Großraum Nürnberg/Erlangen. Ein sechsstelliger Betrag wurde bislang investiert.

Kommentar zur Einbruchsbekämpfung per Computer: Kein Allheilmittel

Günter Okon vom LKA, 59, Kriminalhauptkommissar und Chefanalyst, hat die Entwicklung von Anfang an begleitet. Er sitzt in seinem Büro an der Orleanstraße in München, schaut auf einen riesigen Bildschirm und klickt sich durch die Eingabemasken und Straßenkarten von Precobs, Spitzname für „Pre Crime Observation System“. Die Karten sehen aus wie bei Google Maps, aber viel bunter. Und, der viel wichtigere Unterschied: Hier werden keine Routen berechnet, sondern Einbrüche.

„Früher konnten wir nur zurückschauen und unsere Schlüsse ziehen“, sagt Günter Okon. „Jetzt können wir sieben Tage vorausblicken.“ Das Prinzip: Aus Einbrüchen, die es schon gegeben hat, lernt Precobs und prognostiziert künftige aufgrund von statistischen Wahrscheinlichkeiten. Die Polizei kann auf so einen Alarm reagieren, gefährdete Gebiete verstärkt bestreifen, Täter dadurch abschrecken und vor Ort sein, bevor Einbrüche passieren.

Das Thema Einbruchskriminalität treibt die Staatsregierung schon lange um. Nur knapp jeder fünfte Fall in Bayern wird aufgeklärt – und das ist immer noch deutlich mehr als die deutschlandweite Quote. Bei Mord liegt sie viel höher, bei fast 95 Prozent. Einbrüche sind nicht nur wegen des materiellen Schadens schlimm, sondern vor allem wegen des psychischen. Als Reaktion hat der Bundestag die Gesetze verschärft. In Bayern gibt es zudem ein ganzes Maßnahmenbündel: die Sicherheitswacht als Zusatzpatrouille auf der Straße, mehr Polizisten, Schwerpunktkontrollen – und jetzt den Computer als Fahndungsgehilfen.

Schmuck wird am häufigsten gesucht

In München überwacht das Polizeipräsidium gerade 50 Gebiete. Die Zahl schwankt, je nachdem, wo Precobs Schwerpunkte sieht. Beim Einbruch am Ellingerweg schickte das Programm den Alarm an die Polizeiinspektion 25, Trudering-Riem. Es hatte ein Muster erkannt aus den Daten, die die Polizisten eingegeben hatten: Der Zugriff in der Dämmerung, die aufgehebelte Terrassentür, gestohlenes Bargeld – da waren Profis unterwegs. „Genau die haben wir im Visier“, sagt Günter Okon. „Denn die kommen wieder.“

Die Theorie dazu nennen Kriminologen „Near Repeats“, das heißt „nahe Wiederholungen“. Grundlage ist die Annahme, dass Profis möglichst schnell in eine Wohnung reinwollen und möglichst unauffällig wieder raus. Wenn sie im Haus einer Siedlung gute Beute gemacht haben, wollen sie auch ins Nachbarhaus. Sie knacken lieber das Schloss, als die Haustür einzutreten, in zwei Dritteln der Fälle hebeln sie Türen oder Fenster auf. Sie suchen nach Beute, die in einen Strumpf passt, meist also Schmuck (37 Prozent) und Bargeld (20 Prozent). „Einen Fernseher würden sie niemals mitnehmen“, sagt Günter Okon. „Es fällt auf, wenn man damit nachts um zwei herumläuft.“ Die Täter hinterlassen so zwar kaum Spuren, aber handeln nach wiedererkennbaren Mustern. Da setzt Precobs an.

Täter-Verhalten versucht die Polizei schon immer vorherzusagen. Früher hatten die Ermittler dazu einen Stadtplan am Reißbrett hängen, Stecknadeln und Schnüre. Heute übernimmt der Computer – genauer und schneller. Er hat ein riesiges Gehirn, er merkt sich alle Einbrüche der vergangenen Jahre, kann wild herumkombinieren und blitzschnell Zusammenhänge erkennen. Er ist der perfekte Sherlock Holmes. „Das System klingt neu und revolutionär“, sagt Günter Okon. „In 15 Jahren wird es Standardwerkzeug der Polizei sein.“ In der Kriminalistikszene jedenfalls herrscht Euphorie, eine Fachtagung jagt die nächste. Erst vergangene Woche war Günter Okon bei Kollegen in San Diego und Los Angeles.

Verbrecherjagd per digitaler Intelligenz – das erinnert an Science-Fiction. Im Film „Minority Report“ von Steven Spielberg zum Beispiel, 15 Jahre alt und immer wieder im Fernsehen zu sehen, jagt Tom Cruise als John Anderton für die Abteilung „Precrime“ durch Washington. Seine Orakel sind keine Computer, sondern Menschen mit hellseherischen Fähigkeiten. Mit deren Hilfe kann der fiktive Ermittler Morde vorhersagen und Täter verhaften, noch bevor sie gemordet haben. Das klingt sensationell. Moralisch ist es aber höchst fragwürdig, jemanden zu bestrafen, der nichts angestellt hat. Mit deutschem Recht ist das nicht vereinbar – und mit dem bayerischen Precobs-Programm hat der Film auch sonst nichts zu tun. Bei Podiumsdiskussionen zum Thema wird er trotzdem oft gezeigt. Günter Okon schmunzelt dann immer. Die Polizei errechnet zwar, wo der nächste Einbruch passieren könnte, sagt er. Sie weiß aber nicht genau wann. Und allein aus Datenschutzgründen auch nicht, wer Täter und wer Opfer sind. Noch nicht.

Der Treppenwitz an der Geschichte

In den USA sind sie weiter, da schauen sie schon genauer auf die Personen. Computer berechnen dort nicht nur Einbruchswahrscheinlichkeiten, sondern Raubüberfälle, Vergewaltigungen, Schießereien. Vor vier Jahren machte landesweit ein Fall aus Chicago Schlagzeilen. Es ging um Bandenkriminalität. Polizisten klingelten an der Wohnungstür eines jungen Mannes und warnten ihn: Er würde vermutlich demnächst in eine Schießerei verwickelt. Die Info kam aus dem Computer, der 426 Personen ein erhöhtes Schusswaffen-Risiko vorhersagte – anhand von Daten, unter anderem aus sozialen Netzwerken. Wer Kontaktpersonen hat, die schon mal bei einer Schießerei dabei waren, ist tendenziell selbst häufiger betroffen. Denn menschliche Gewohnheiten sind vorhersehbar – umso mehr Daten es gibt, desto einfacher sind der Arbeitsweg, die Hobbys und die Lieblingskneipe berechenbar. Datenschützer gruselt es bei dieser Vorstellung. In Deutschland dürfen solche personenbezogenen Daten auch nicht genutzt werden (siehe Interview unten).

Wie erfolgreich die Einbruchsprävention in Bayern mithilfe des Computers ist, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt, in den Prognosegebieten geht die Zahl der Einbrüche zurück und die der Festnahmen steigt. Bloß: Das lässt sich nicht mit Sicherheit quantifizieren. Denn Verbrechen, die nicht passiert sind, können in keiner Statistik auftauchen. Das ist der Treppenwitz an der Geschichte: Je besser die Polizei und Precobs werden, desto weniger steht in den Datenbanken, die Precobs nutzt.

„Nur wegen der Statistik darf niemandem ein Mord unterstellt werden“

Thomas Petri ist der Landesbeauftragte für den Datenschutz. Er sagt, dass in Zukunft immer mehr Daten von Personen erhoben und ausgewertet werden. Damit kein Überwachungsstaat entsteht, brauche es klare Richtlinien. Manchmal hilft aber auch Alufolie, mit der Petri manchmal abtaucht.

Ist das Projekt Precobs datenschutzkonform?

Thomas Petri.

Thomas Petri: Ja. Die Polizei erfasst bei jedem Einbruch sowieso Daten zum Fall, das war schon immer so. Diese Daten werden von Precobs verwendet, aber alle persönlichen Infos fallen bei der Übertragung in die Datenbank weg. Es geht um die Statistik, nicht um personenscharfe Vorhersagen. In Staaten wie den USA und Großbritannien ist das anders: Da experimentieren die Behörden schon mit personenbezogenen Vorhersagen. Aber, ganz wichtig: Das verstößt gegen die Unschuldsvermutung. Nur aufgrund von statistischen Zusammenhängen darf man niemandem eine Straftat unterstellen, möglicherweise sogar einen Mord. Das ist gegen das Gesetz.

Kann man sich gegen die Datenerhebung wehren? Jedes Handy erstellt ein Personenprofil des Nutzers.

Petri: Mich stört, dass die Analysen immer personenbezogen sind. Stauprognosen könnte man auch mit anonymen Infos machen – aber damit lässt sich kein Geld verdienen. Die Konzerne wollen Werbung platzieren. Das muss man als berechtigtes Interesse anerkennen, aber nicht gut finden.

Wie schütze ich mich?

Petri: Wenn man ein Smartphone kauft, kennt man die Firma dahinter und weiß, was einen erwartet und wer die Daten erhält. Das ist unvermeidbar. Der Handy-Kauf heißt aber noch nicht, dass Sie alles verraten müssen: Der Whistleblower Edward Snowden hat sein Handy in der NSA-Affäre zum Beispiel in den Kühlschrank gelegt, um sich abzuschirmen. Das ist nett – braucht’s aber nicht. Es reicht, wenn Sie das Handy in Alufolie einwickeln, damit sie von den Bildschirmen verschwinden.

Alufolie?

Petri: Damit schirmen Sie die Strahlung ab. Erreicht werden Sie aber natürlich auch nicht mehr, weil der Kontakt zwischen Handy und Sendemast abbricht. Sie müssen wählen zwischen Anonymität und Erreichbarkeit.

Wickeln Sie Ihr Handy auch ein?

Petri: Wenn ich sensible Termine habe, schon. Wenn niemand erfahren darf, mit wem ich mich unterhalte, ist das sinnvoll. Es geht schnell, das Treffen ist wirklich geheim – und ausgepackt ist das Handy auch gleich wieder, so dass ich wieder erreichbar bin.

Das Thema „Big Data“ ist sehr aktuell, es gibt immer mehr Auswertungen. Wo geht die Reise hin?

Petri: Der Trend wird zunehmen, auch weil die Computer für die Auswertungen immer leistungsstärker werden. Das darf aber nicht heißen, dass immer mehr personenscharfe Informationen erhoben werden. Es gibt auch datenschutzfreundliche Wege – etwa, indem man mit Pseudonymen arbeitet, statt den Daten immer Klarnamen zuzuordnen.

Ein Anwendungsbereich ist die Gesundheitsvorsorge. Das Handy kann vielleicht bald vor einem Herzinfarkt warnen.

Petri: Es gibt sicher viele sinnvolle Einsatzgebiete. Aber gerade da müssen die Daten gut geschützt werden. Anhand ihres Blutdrucks darf niemals Werbung eingeblendet oder Bonitätsbewertungen vorgenommen werden. Auch den Arbeitgeber geht es nichts an, wie sich Ihr Blutzuckerspiegel entwickelt. Wenn es einmal so weit kommt, sind wir gläserne Menschen. Dann würden wir gesteuert und manipuliert werden, weil man unsere Schwächen exakt kennt. Das wollen wir mit dem Datenschutz verhindern.

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