+
Das ist nicht Sebastian Lemberger, aber auch ein sehr erschöpfter Feuerwehrmann nach einem Brandeinsatz in einem U-Bahn-Tunnel in München (2004). Nicht immer werden die Helfer mit den traumatischen Erlebnissen bei Einsätzen fertig.

Bilder, die einen verfolgen

Traumatisiert im Einsatz: Ein Feuerwehrmann erzählt

  • schließen

München - Irgendwann wurde er die schrecklichen Bilder im Kopf nicht mehr los: Der Feuerwehrmann Sebastian Lemberger, 47, wurde bei Einsätzen schwer traumatisiert. Bis heute leidet er unter den Folgen. Er ist nicht der einzige Helfer, der selber Hilfe braucht.

Der erste Flashback erwischt den Oberbayern Sebastian Lemberger in einer kalten Winternacht im Auto. Er hält an einer roten Ampel in München hinter einem alten Lkw. Der penetrante Dieselgeruch steigt Lemberger in die Nase – plötzlich ist er wieder im Einsatz, steht vor einem zerfetzten Pkw auf der Autobahn. Der Fahrer sitzt noch vornübergebeugt im Fahrzeug. Er ist bereits tot. Der Feuerwehrmann Lemberger kann nicht mehr helfen.

Es sind Szenen, die gewöhnliche Menschen nicht erleben – wenn sie davon hören, blenden sie sie aus. Sie haben keinen Platz in unserer heilen Welt. Sebastian Lemberger, 47, der nicht wirklich so heißt, ist nicht in der Lage, diese Szenen auszublenden. Er leidet unter PTBS, einer posttraumatischen Belastungsstörung. Lemberger ist krank geworden, nachdem er sein halbes Leben in einem Ehrenamt gearbeitet hat, das er liebte: Er war Aktiver bei der Freiwilligen Feuerwehr seiner Heimatgemeinde.

In Lembergers Haus ist es still und dunkel. Eine liebevolle Einrichtung und die Kindersachen die herumliegen, erinnern an eine glückliche Familie. Es sind Relikte aus einem früheren Leben.

Die glückliche Familie ist ausgezogen. Lemberger sitzt alleine am Esstisch im großen Wohnzimmer. Äußerlich ruhig und gelassen erzählt der ehemalige Feuerwehrmann von seinen Flashbacks. So nennen Psychologen die Erinnerungen, die Lemberger wieder und wieder durchleben muss, ohne dass er sich dagegen wehren kann.

Die Unfallszenen kommen wieder

Lemberger ist mit seinem Leiden nicht allein. Die einzige belastbare Studie zu Trauma-Fällen bei ehrenamtlichen Feuerwehrlern stammt von der Ludwig-Maximilans-Universität München und ist bereits 2008 veröffentlicht worden. 1151 Freiwillige aus Wehren in ganz Bayern haben die Forscher damals befragt. Ergebnis: Nur 23 Prozent haben nichts Traumatisches erlebt – also nur jeder Vierte nicht. 27 Prozent dagegen leiden an andauerndem Wiedererleben des traumatischen Ereignisses. Über acht Prozent haben Beschwerden angegeben, die ernsthafte psychische Erkrankungen erwarten lassen. Bei 2,3 Prozent haben die Forscher klar PTBS diagnostiziert. Die Untersuchung basiert auf freiwilligen Angaben. Dass es eine Dunkelziffer gibt, stellt kein Experte in Frage, wie hoch sie ist, traut sich niemand zu schätzen.

„Es gibt drei Hauptindikatoren für PTBS“, sagt Konrad Reim, Chef-Seelsorger bei der Münchner Feuerwehr. Einer ist das andauernde Wiedererleben der Schreckensszenen. In den schlimmsten Fällen werden daraus Flashbacks. Kleinigkeiten reichen, um sie auszulösen. Eine Bewegung, ein Ton, ein Geruch. Bei Lemberger war es eben der Abgasgestank in der kalten Nachtluft, der ihn wieder vor das frische Autowrack katapultierte und und ihn zwang, auf den toten Mann zu starren, dessen Kopf nicht mehr ganz war.

Dabei hat ihm die Arbeit immer Freude gemacht, sagt Sebastian Lemberger. Über 20 Jahre war er bei der Freiwilligen Feuerwehr in seiner Heimatgemeinde. Mit 16 trat er ein, das war 1984, mit 17 fuhr er seine ersten Einsätze. Seinen Wehrersatzdienst hat er bei seiner Feuerwehr abgeleistet. Er wurde Löschmeister, arbeitete als Gruppenführer und Ausbilder in der Jugendarbeit der Feuerwehr. Vor gut zehn Jahren hat Lemberger gemerkt, dass irgend- etwas mit ihm nicht stimmte. Er wusste nur nicht, was: „Ich fühlte oft einen Kloß im Hals. Also bin ich zum HNO gegangen.“ Später war es ein Stechen in der Brust. Die Ärzte untersuchten Lemberger, fanden nichts und schickten ihn wieder nach Hause.

Selbst im Supermarkt holte ihn alles ein

Erst im Jahr 2004 fand Lemberger einen Arzt, der ihm zuhörte. Er diagnostizierte eine schwere Depression, empfahl ihm, Stress zu vermeiden. Lemberger hörte auf bei der Freiwilligen Feuerwehr. „Dann haben die Flashbacks angefangen.“ Wann genau, das weiß Lemberger nicht mehr, aber wie sie kamen, daran wird sich der ehemalige Feuerwehrler immer erinnern: völlig unvermittelt und dann immer öfter. Er sagt: „Wenn ich so was habe, ich weiß nicht, ob mich da jemand rausholen kann, ich glaube nicht, dass das geht.“

Einmal stand Lemberger in der Schlange an der Supermarktkasse. Eine Frau vor ihm zuckte unkontrolliert mit der Hand. Das machen auch Schwerverletzte, die unter Schock stehen. „Die liegen dann da und zucken“, sagt Lemberger. Er konnte nur noch die zuckende Hand sehen. Der Supermarkt, die Kasse, die anderen Kunden verschwanden, und dann war er von imaginären Rettungssanitätern umgeben, die Unfallopfer versorgten. „Das ist mehr als eine Erinnerung oder ein Traum, es ist so, als wäre ich wieder dort.“

Lange stellten Lembergers Ärzte keine Verbindung zwischen den Depressionen und der Arbeit als Feuerwehrmann her. Von 2004 an war er fast jedes Jahr für mehrere Monate stationär in Behandlung. Aber auch das Krankenhaus machte ihm Probleme. Er fühlte sich dort immer wieder an die Einsätze erinnert.

So geht es Lemberger bis heute mit einigen Orten, die für alle anderen Alltag sind – für Lemberger sind sie die Hölle. „S-Bahnhöfe sind immer schwierig. Da ist zu viel passiert.“ Der ehemalige Feuerwehrmann meint Schienensuizide. Man muss nicht groß ins Detail gehen, um diese Einsätze zu beschreiben: Die freiwilligen Feuerwehrler räumen das auf, was von dem Selbstmörder übrig ist. Viele Teile sind zu klein, um sie in den Leichensack zu packen. Sie werden mit einem Wasserstrahler in den Gulli gespritzt. Einmal hatten sich in einer Woche drei Menschen auf diese Weise das Leben genommen – zwei davon binnen vier Stunden. Lemberger war bei jedem Einsatz dabei.

Am Schlimmsten ist, wenn man nichts mehr tun kann

Alle Feuerwehrler, mit denen man redet, bestätigen: Die Einsätze, bei denen man nicht mehr helfen kann, sind die schlimmsten. Man kommt voller Adrenalin an – und dann gibt es nichts mehr zu retten. Man kann nur noch aufräumen. Und dann geht man wieder zur Arbeit.

Heute muss das nicht mehr so ablaufen, zumindest nicht in den meisten Regionen Oberbayerns. In München kümmert sich der katholische Diakon Konrad Reim um die Feuerwehrler, er leitet das Team Stressbearbeitung und kollegiale Betreuung der Berufsfeuerwehr. In den Landkreisen hat Diakon Matthias Holzbauer ein flächendeckendes Netzwerk an speziell geschulten Feuerwehrseelsorgern aufgebaut. Eine Zentrale in München ist im Notfall rund um die Uhr zur Soforthilfe erreichbar – die Kommandanten müssen sie nur anfordern. „Das handhabt jeder Kommandant anders“, sagt Holzbauer.

Bei Lemberger gab es diese Hilfe noch nicht. Er ging nach den Einsätzen immer wieder direkt zur Arbeit, versuchte, das Gesehene schnell wieder zu vergessen. Lemberger ist Schreiner. Nachdem die Flashbacks angefangen haben, hat der Feuerwehrler über Monate nicht mehr arbeiten können. Zu lange für seinen damaligen Chef: Seine Frau brachte Lemberger die Kündigung mit, als sie ihn in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie besuchte. Geld gab’s keins: Bis heute erkennt die Kommunale Unfallversicherung Bayern (KUVB) Lembergers Krankheit nicht als Folge eines Arbeitsunfalls an.

Die Versicherung macht Probleme

Die KUVB gibt den Schwarzen Peter weiter an Staatsregierung und Landtag: „Zu Einzelfällen kann ich keine Stellung nehmen“, sagt der stellvertretende Leiter für Rehabilitation und Entschädigung bei der KUVB, Klaus Hendrik Potthoff, als ihn unsere Zeitung mit dem Fall konfrontiert. Dass psychische Störungen bis heute nicht zu den Berufskrankheiten zählen, sei „Sache des Gesetzgebers“. Bei einem Arbeitsunfall könne ein Trauma durchaus geltend gemacht werden. Dazu müsse der Versicherte zeitnah den genauen Vorfall nennen, der das Trauma ausgelöst hat. Das kann Lemberger nicht.

Lange stritt die Versicherung komplett ab, dass Lembergers PTBS von seinen Einsätzen kommt. Das Institut versichert alle freiwilligen Feuerwehrler in Bayern während ihrer Einsätze. Lemberger klagte. Das Verfahren zog sich über Jahre hin. Erst vor Kurzem bekam er ein Urteil vom Sozialgericht: Er bekommt eine Beihilfe für besondere Härtefälle. „Das ist für mich ein Freispruch zweiter Klasse“, sagt er.

Chef-Seelsorger Reim kennt das Problem: „Bis heute ist keine einzige psychische Krankheit im Katalog der Berufskrankheiten.“ Jeder Sportunfall in der Turnhalle sei einfacher zu handhaben als ein Traumafall. Reim schult die Feuerwehrler, die traumatisiert zu ihm kommen, erklärt ihnen genau, was sie dem Amtsarzt des Versicherers sagen müssen: „Die Ursache muss ein konkretes, zeitlich begrenztes Unfallereignis sein.“ Nur dann habe man eine Chance. Zu ehrlich darf man nicht sein.

Lemberger kann nicht mehr schlafen

Lemberger war ehrlich. Bis heute leidet er unter den Folgen seiner lange unbehandelten PTBS. Immer wieder lässt er sich stationär behandeln, weil er nicht mehr schlafen kann. Schlaflosigkeit ist ein weiterer Indikator für die Krankheit. Der Grund: zu viel Adrenalin im Blut. Der Körper ist ständig im Hyperstress und reagiert entsprechend.

Inzwischen nimmt Lemberger fünf verschiedene Medikamente. „Damit kann ich einigermaßen arbeiten.“ Er hat eine neue Arbeit in München gefunden, die ihm Spaß macht. Seinen Tiefpunkt hat er wohl hinter sich: Seine langjährige Frau und Mutter seiner Kinder hat er über die Feuerwehr kennengelernt. Dass die Familie so lange allein mit der Krankheit war, hat seine Ehe nicht überlebt. Das leere Haus, in dem Lemberger einst seine Geschichte erzählte, ist inzwischen verkauft. Er lebt allein in einer Wohnung. Zu den ehemaligen Kollegen bei der Feuerwehr hat er keinen Kontakt mehr. Viele, vermutet er, erinnert sein Fall an das, was passieren kann. „Viele wollen vielleicht nicht wahrhaben, dass sie selbst betroffen sind.“

Klaus-Maria Mehr

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schock-Video aufgetaucht! Rentnerin in Nürnberg brutal getreten
Auf offener Straße hat am Mittwoch vergangener Woche in Nürnberg ein Mann eine 73 Jahre alte Frau brutal zusammengeschlagen. Im Netz kursiert nun ein Video, das die …
Schock-Video aufgetaucht! Rentnerin in Nürnberg brutal getreten
Lawinen-Ticker: Erhebliche Gefahrenlage in den Allgäuer Alpen
Lawinen sind der absolute Alptraum für Wintersportler. In unserem Ticker verraten wir Ihnen, wie sich die Lage an den bayerischen Ausflugszielen aktuell darstellt.
Lawinen-Ticker: Erhebliche Gefahrenlage in den Allgäuer Alpen
Über eine Million wert! Bitcoins könnten Bayern reich machen
Bitcoins sind in diesem Jahr nicht zuletzt wegen ihres Kursanstiegs in die Schlagzeilen geraten. Für die bayerischen Behörden könnte der nun einen warmen Geldregen …
Über eine Million wert! Bitcoins könnten Bayern reich machen
So wird auf bayerischen Skipisten mit Drohnen umgegangen
Immer mehr Skifahrer wollen ihre Abfahrt mit einer Drohne filmen, haben ihre fliegende Kamera aber nicht unter Kontrolle. Die Betreiber der Skigebiete in Bayern …
So wird auf bayerischen Skipisten mit Drohnen umgegangen

Kommentare